Eckhard Ernst (links) und Rainer Benz engagieren sich für ihr Viertel. Foto: Nina Ayerle

Einsatz im Stuttgarter Westen: Rainer Benz und Eckhard Ernst kämpfen für den Charme ihres Stadtteils und kritisieren die Wohnungspolitik.

S-West - In ihrem Team sind die Rollen klar verteilt: Rainer Benz hat die gewagten Ideen, Ernst überlegt dann, ob das so überhaupt möglich ist. Benz ist der Kreative, Ernst der Planer. „Ich bin der Sponti, Eckhard Ernst der Architekt“, sagt Rainer Benz und lacht. Ihre Ziele sind dieselben: Die beiden Herren leben schon seit Ewigkeiten im Stuttgarter Westen. Sie wollen, dass das Quartier lebendig und für alle Menschen lebenswert bleibt – auch für die, die weniger Geld haben. Im Jahr 2012 haben sie mit anderen Architekten die Initiative Stadtraum West gegründet. Die Gruppe hat bereits damals in einer Ausstellung ihre Vorstellungen präsentiert. Auch im Forum Lebendiger Westen sind sie aktiv, bringen sich bei der Umgestaltung des Bismarckplatzes ein.

Individuelle Quartiere statt eintöniger Einfamilienhaus-Siedlungen

Nun ist es ja nicht so, dass der Westen kein lebendiger Stadtbezirk wäre. Aber er verändert sich, die Immobilienpreise steigen ins Unermessliche. Die Kaufpreise im Neubau liegen zwischen 4000 und 6000 Euro pro Quadratmeter, die Durchschnittsmiete beginnt bei zwölf Euro. „Das muss man erst einmal verdienen“, sagt Rainer Benz. Im Westen zu wohnen, muss man sich inzwischen leisten können. Und was passiert mit Quartieren, wenn dort nur noch Reiche wohnen? „Wenn die Preise hoch sind, sind die Viertel oft nicht mehr lebendig“, so sein Eindruck. Er hat seine Werbeagentur an der Elisabethenstraße, wohnt selbst ein paar Ecken weiter. Seine Nachbarschaft hat sich verändert in den letzten Jahren. Dagegen wollen will er mit Benz angehen. Was er vor allem kritisiert: „Die Schicht, die es schick findet im Westen zu wohnen, die lebt keine Nachbarschaft.“ Er fürchtet einen „Prenzlauer-Berg-Effekt“ im Westen: Junge, kreative Menschen werden verdrängt, die wohlhabendere, vielleicht etwas spießige, Klientel will dort wohnen, weil es hip ist – trägt selbst aber nicht viel dazu bei, dass ein Viertel seinen Charme beibehält. Benz vergleicht das mit Einfamilienhaus-Vierteln, wie es sie auch am Stadtrand von Stuttgart gibt. Dort fahre jeder in abends in seine Doppelgarage. Mehr passiere dort oft nicht. „Die könnten überall stehen, sie sind austauschbar. Aber der Westen ist so, weil er der Westen ist.“

Ideen haben die beiden eigentlich genug. Sie wünschen sich Quartiere, in denen Wohnen und Arbeiten vereint sind, Erdgeschoss-Wohnungen mit Lädchen oder Kneipen. „Sonst sind es tote Flächen. Wer dort wohnt, zieht seine Vorhänge zu“, sagt Eckhard Ernst. Mit seinem Architekturbüro plante er jüngst einige Wohnprojekte, die für alle Generationen einen Platz bieten. Für Jung und Alt. „So wird Nachbarschaft auch provoziert“, sagt Ernst. Optimal seien in solchen Quartieren dann flexible Wohneinheiten mit gemeinschaftlichen Einrichtungen. „Ich kenne kein besseres Modell“, sagt der Architekt. „Nichts erhöht die Lebensqualität mehr.“

Auf vielen Arealen bauen Investoren –und meistens sehr teuer

Doch gerade im Westen gibt es für solche Ideen kaum noch Spielraum. Auf vielen Grundstücken ist in den letzten Jahren genau das Gegenteil passiert: Ein Investor kaufte das Areal und baute teure Wohnungen. So geschehen bei dem Wohnprojekt Rosenberg am Berliner Platz, auf dem ehemaligen SSB-Areal am Vogelsang, am Oberschulamt – und ja die beiden zählen auch das Olgäle dazu. Die Bebauung des Olga-Areals kommt zwar ihren Ideen sehr nahe, aber Benz und Ernst kritisieren eben, dass es zu teuer geworden ist.

Ernst ist der Meinung, die Stadt müsste viel mehr eingreifen und die Wohnungspolitik aktiver mitgestalten, anstatt sie Investoren zu überlassen. Er befürwortet, wie Benz, dass die Stadt Grundstücke lieber selbst kauft. „Die Stadt hat eine Fürsorgepflicht“, ergänzt Benz. Doch wo könnte das noch passieren im Westen? Es gibt eigentlich nur noch zwei Areale, auf denen sich in den kommenden Jahren stadtplanerisch, und damit auch im Wohnungsbau, etwas tun könnte. Das sind die Gebäude von Wüstenrot und Württembergische (W&W AG) am Feuersee und von der Allianz an der Reinsburgstraße. Die beiden Fläche sind es natürlich auch, die Benz und Ernst vorschweben. Auf denen die Stadt mal etwas anders machen könnte. Die Betonung liegt da aber im Moment noch auf „könnte“. Denn selbst eine Ausweitung des Sanierungsgebietes Stuttgart 28 auf das Gebiet rund um den Feuersee würde der Stadt nur dann ein Vorkaufsrecht ermöglichen, wenn die W&W AG tatsächlich verkaufen würde.

Was passiert auf den Arealen von W&W AG und Allianz?

Bisher steht dies nicht an: „Erste Analysen und Studien zur Entwicklung des Gebietes, auch unter wohnwirtschaftlichen Aspekten, sowie erste Gespräche mit der Stadt haben im Vorfeld bereits stattgefunden“, teilt ein Sprecher des Unternehmens auf Anfrage mit. Konkrete Detailpläne gebe es aber nicht, da eine etwaige Realisierung ohnehin erst ab 2023 möglich wäre – wenn der neue W&W-Campus in Kornwestheim fertig ist. Das Städtebau-Referat bei der Stadt Stuttgart lässt mitteilen, aktuell würden keine Gespräche geführt. „Wir kennen also nicht die konkreten Pläne von W&W.“

Ähnlich ist es mit den Allianz-Immobilien in der Innenstadt: Diese gehören seit 2016 dem US-Investor Blackstone. Was dieser mit den Häusern im Westen und in der Stadtmitte vorhat, ist noch nicht klar. Man kann sich aber vorstellen, dass es eher keine Pläne sind, die den Vorstellungen von Benz und Ernst entsprechen: ein lebendiges Quartier, das sich jeder leisten kann.

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