Vorstellung Kantig war gestern

Von Reimund Abel 

Von vorn und hinten ansehnlich – der neue Volvo V 90. Foto: Abel/Hersteller
Von vorn und hinten ansehnlich – der neue Volvo V 90. Foto: Abel/Hersteller

Mit den neuen Modellen S 90, der Limousine, und dem Kombi V 90 will Volvo im Premium-Segment deutschen Herstellern das Leben schwer machen. Das Zeug dazu haben die Schweden.

Die Zeiten, da Volvo für Autos berühmt war, die vor allem kantig waren, sind passé. Der S 90 und der V 90 kommen sehr schnittig daher und zielen in Aufmachung, Ausstattung, Motorisierung - und im Preis - vor allem auf die deutschen Wettbewerber aus der Oberklasse. Werfen wir einen genaueren Blick auf den V 90 und seine Ahnen: Mehr als sechs Jahrzehnte Kombigeschichte hat Volvo vorzuweisen. Der Duett wurde im Juni 1953 präsentiert und war das erste Modell in einer langen Reihe von Fahrzeugen aus Schweden, die den Ruf genossen, praktisch, geräumig und zuverlässig zu sein. Und die allermeisten dieser Volvo-Modelle, wie der legendäre 221, der 145 und der 245, der 960 oder zuletzt der V 70, zeigten beim Design klare Kante. Doch kantig war gestern. Was der Autobauer aus dem hohen Norden im südlichsten Zipfel Spaniens der Presse vorstellte, trägt ein ganz anderes Antlitz.

Wie ein Coupé kommt die Limousine daher, mit einer flach abfallenden Dachlinie, die sanft ins Heck übergeht. Der Kombi V 90 hat sich von einem Markenzeichen, der fast senkrecht stehenden Heckklappe vieler Vorgängermodelle, vollständig verabschiedet. Das mag der eine oder andere bedauern, anzuerkennen ist jedoch, dass der Neue ausgesprochen gelungen ist. Er ist harmonisch gezeichnet und versteht es, die durchaus üppigen Proportionen (fast fünf Meter lang und rund 1,9 Meter breit) durch das von Peter Ingenlath verantwortete Design bestens zu kaschieren. Selbstbewusst auch die Front: Vorn thront ein großer Kühlergrill, der den legendären P 1800 ES zitieren soll. Eingerahmt wird das Ganze von einer Leuchten-Einheit: Darin ist als Tagfahrlicht die T-förmige Signatur 'Thors Hammer' zu ­sehen ist, wie aus dem XC 90 bekannt. Nehmen wir Platz: Keine Frage, das Interieur ist ebenso gut gelungen wie die äußere Hülle. Den Oberklasse-Anspruch, den Volvo für sich erhebt, erfüllt die Ausstattung mit sehr guter Verarbeitung, edlen Holz­einlagen und viel Platz auf der Rückbank ebenso wie im Kofferraum (550 Liter bis 1526 Liter). Der zentral angeordnete Touchscreen wurde mit dem XC 90 eingeführt und findet im V 90/S 90 seine Fortsetzung. Nicht jeder wird damit glücklich werden, da es einige Zeit benötigt, sich in die Menüstruktur einzuarbeiten.

Viele Sicherheitsfeatures

'Unsere Vision ist, dass bis zum Jahr 2020 niemand in einem neuen Volvo schwer verletzt oder gar getötet werden sollte.' Das sagt Peter Mertens, Entwicklungsvorstand des Autobauers zum Thema Sicherheit, einer Kernkompetenz seines Unternehmens. Wie die dazugehörige Technik aussehen könnte, kann im V 90 und S 90 bereits begutachtet werden. Der sogenannte Pilot Assist II bringt einen dabei dem autonomen Fahren ein gutes Stück näher. Zwei Tastenbefehle am Lenkrad und Kollege Computer übernimmt den Befehl über die 1,9 Tonnen Schwedenstahl. Gas geben; Spur halten; Bremsen, wenn der Vordermann langsamer wird; im Schritt-Tempo durch den Stau: All das funktioniert bereits relativ zuverlässig, wie wir auf den Straßen rund um Málaga testen konnten. Bis zu einer Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h kann das System Fahrbahnmarkierungen und den vorausfahrenden Verkehr scannen, dann wird die Fahrt entsprechend eingeregelt. Werden die Hände zu lange vom Lenkrad genommen, piepst der Auto-Pilot nach kurzer Zeit penetrant. Greift der Fahrer weiter nicht ein, schaltet sich das System selbst ab. Als weitere Features sind ein Notbremsassistent (mit Elcherkennung, wichtig für Schweden!), eine Parkhilfe, eine 360-Grad-Rundumkamera oder der Kreuzungs-Bremsassistent vorgesehen. Für den Vortrieb sind bei Volvo bekanntlich nur noch Zweiliter-Vierzylinder vorgesehen (alle mit Turbolader), als Selbstzünder oder als Benziner. Das ist jedoch kein Nachteil.

Zum Start stehen vier Varianten zur Verfügung - zwei Otto- und zwei Dieselaggregate. Der D 5 genannte Diesel mit 235 PS/173 kW konnte bei den Tests überzeugen, mehr Hubraum und mehr Zylinder braucht keiner, die Achtgang-Automatik macht ihre Sache souverän. Und das Fahrwerk? Verrichtet seine Arbeit unspektakulär. Wobei V 90 und S 90 eher Cruiser als Sportler sind. Das früher gefürchtete Turboloch überlisten die Volvo-Entwickler mit einem Trick: Die 'Power Pulse' genannte Technik pumpt aus einem Druckspeicher Luft in die Brennräume und macht dem Motor so Beine. Der Bordcomputer signalisierte bei der nicht allzu flott gefahrenen Testroute einen Verbrauch von 8,2 Liter/100 km, was weit entfernt vom angegebenen Normverbrauch von 4,9 l/100 km ist. Mal sehen, was bei einem echten Praxistest rauskommt. Noch in diesem Jahr will Volvo für beide Modelle einen Plug-in-Hybrid mit etwa 45 Kilometer rein elektrischer Reichwerte anbieten. Und die Konkurrenz? Die kommt vor ­allem aus Deutschland - mit dem Audi A6 Avant, dem BMW 5er Touring oder dem ebenfalls brandneuen T-Modell der E-Klasse von Mercedes. Ein V 90 kostet in der Basisversion 45 800 Euro (als S 90 knapp 3000 Euro günstiger) und rangiert damit preislich ebenfalls in einer Liga mit den Wettbewerbern. Volvo will seine Autos vor allem Menschen anbieten, die sich als Individualisten sehen. Davon scheint es einige zu geben, denn nach Unternehmensangaben liegen die Vorbestellungen für die Neuen deutlich über den Erwartungen.

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