Mehr als 1300 Menschen schauen sich in der Rutesheimer Bühlhalle die Auftritte der Bürgermeister-Kandidaten an. Foto: factum/Bach

1300 Menschen haben sich die Bewerber für das Rutesheimer Rathaus angesehen. Jürgen Beck und Susanne Widmaier wollen die wirtschaftliche und soziale Balance halten. Helmut Epple fordert mehr Polizei. Julius Walter kommt nicht gut an und zieht zurück.

Rutesheim - Es ist kurz vor sieben, noch immer strömen Menschen in die Halle Bühl II. 1300 Stühle hat der Erste Beigeordnete Martin Killinger aufstellen lassen. Die Männer vom Bauhof waren damit fast den ganzen Tag beschäftigt. Für die Schüler fiel sogar der Sportunterricht aus.

Doch der Aufwand hat sich gelohnt. So gut wie kein Sitz bleibt frei. Das Interesse der Rutesheimer (Kreis Böblingen) an den Menschen, die Bürgermeister ihrer Stadt werden wollen, ist gigantisch. „So voll habe ich die Halle noch nie erlebt“, meint denn auch der Amtsinhaber Dieter Hofmann, der gemeinsam mit Killinger überwacht, dass die Spielregeln eingehalten werden.

Strenge Regeln

Die sind streng: Jeder Kandidat hat 15 Minuten Redezeit, Fragen aus dem Publikum und deren Antworten dürfen ebenfalls eine Viertelstunde dauern, das Schlusswort drei Minuten. Dann wird der Kandidat von Rathausmitarbeitern weggeführt, damit er nicht hören kann, was die Konkurrenz sagt.

Der erste Beifall brandet auf, als Martin Killinger verkündet, dass die Dauerkandidatin Fridi Miller alle Vorstellungsrunden abgesagt hat. Allenfalls Höflichkeitsapplaus hingegen bekommt Helmut Epple. Der Privatier aus Flacht, der schon in Renningen und Weissach kandidiert hatte und in Leonberg nicht zugelassen wurde, ist als erster Redner ausgelost worden.

Helmut Epple kaugummikauend

Epple kommt kaugummikauend und im offenen Hemd auf die Bühne. „Der Bosch-Chef hat den Krawattenzwang abgeschafft“, kommentiert er das Raunen im Publikum. „Kaugummikauen entspannt.“

Epple ist für ein starkes Krankenhaus Leonberg und eine gute Ausstattung der Feuerwehr. „Kommissare müssen auf die Straße“, fordert er, damit Jugendliche mit Wodkaflaschen nicht mehr Pappbecher klauen können, wie er beobachtet haben will. Das Publikum fordert er auf, niemanden zu wählen, der „eine Beamten-Sitzkarriere“ hat oder vom Gemeinderat und der Zeitung „am Halsband in den Saal geführt wird“. Es gibt keine einzige Nachfrage.

Jürgen Beck mit vielen Gesten

Da ist das Interesse an Jürgen Beck deutlich größer. Schon Anfang Dezember hatte der Leonberger Ordnungsamtsleiter seinen Hut in den Ring geworfen. Seither hat er herausgehört, dass viele Rutesheimer kein unbegrenztes Wachstum möchten. „Ich nehme Ihre Botschaft sehr ernst und finde sie richtig“, ruft er in seiner auffällig gestenreichen Rede dem Auditorium zu. Seine Vision lautet: Bewahrung der gewachsenen Strukturen, des sozialen Friedens und der kulturellen Vielfalt. Die Städtepartnerschaften sind für ihn ein „Highlight“, das Leonberger Krankenhaus werde er „mit Nachdruck“ unterstützen.

Der Ordnungsamtsleiter kritisiert die „überhandnehmenden Vorschriften, die den ehrenamtlich engagierten Menschen das Leben schwer machen“. Er werde als Bürgermeister den Vereinen „zuverlässig und unbürokratisch zur Seite stehen“.

Die vollen Kassen gefallen Beck schon deshalb, weil damit soziale Projekte finanziert werden könnten. Der gebürtige Bayer kündigt ein barrierefreies Umfeld für Senioren und Behinderte an: „Hürden werde ich systematisch erfassen und beseitigen lassen.“ Er plädiert für einen sozial verträglichen Wohnungsbau, öffentliche Grün- und Gemeinschaftsflächen, „auf denen nicht konsumiert werden muss“. Gleichwohl will er den Einzelhandel fördern.

Auf die Frage des Zuhörers Otto Philippin, wie er den „unerträglichen innerörtlichen Verkehr“ bekämpfen will, kündigt Jürgen Beck eine Verkehrszählung und neue Blitzer an. Den öffentliche Nahverkehr will er durch mehr Busse, Ruftaxis und Stationen für Mieträder stärken.

Als Jurist mit erstem Staatsexamen, Diplom-Verwaltungswirt und der Personalführung von derzeit rund 50 Mitarbeitern fühlt er sich gerüstet, „um das umzusetzen, was Rutesheim gut tut“.

Julius Walter als Pseudo-Büttenredner

„War das eine Karnevalsveranstaltung?“, fragt eine Zuhörerin, als Julius Walter seinen Vortrag beendet hat. Der Auftritt des Kandidaten von „Die Partei“, die eine Bierpreisbremse und Artenschutz für die Grünen fordert, erinnert tatsächlich an eine Büttenrede, aber eine schlechte. Mit Zylinder auf dem Kopf macht Walter Witze auf Kosten seiner Mitbewerber und regt an, den Leonberger Stadtteil Silberberg einzugemeinden, damit der Bahnhof auf Rutesheimer Gebiet liegt.

All das kommt nicht gut an. Walter muss Buhrufe hinnehmen und zieht tags drauf seine Kandidatur zurück. „Aus persönlichen Gründen“, wie er knapp erklärt.

Susanne Widmaier betont sachlich

Susanne Widmaier gibt sich betont sachlich. Das „gute Miteinander“ ist für die amtierende Erste Beigeordnete in Weil der Stadt eine Rutesheimer Stärke, die weiter gestärkt werden müsse. Beispielhaft nennt sie das Engagement der Vereine, der Kirchen und Rettungsdienste. Für Kindergärten und Schulen „muss eine allerbeste Ausstattung selbstverständlich sein“.

Die 51-Jährige bekennt sich zu einer generationengerechten Stadt, in der ältere Menschen mittendrin und nicht am Rande leben. Gleiches soll für Ausländer gelten, die dauerhaft bleiben. Sie lobt das Engagement der Flüchtlingshelfer .

Auf die Situation der Jugendlichen geht die Mutter zweier erwachsener Töchter erst auf Nachfrage einer jungen Zuhörerin ein: „Hier sind die Anregungen und Wünsche der jungen Leute gefragt, die wir eng einbinden möchten.“ Zum Beispiel in einer Neuauflage des Stadtentwicklungsplans. Vom Erstlingswerk ist sie „extrem begeistert“, eben weil sich Rat und Verwaltung an den Ideen der Bürger orientiert haben. „Das hilft gegen Politikverdrossenheit“.

„Das größte Problem“, so räumt sie offen ein, „habe ich erst bei genauerem Hinsehen erkannt. Denn auf den ersten Blick scheint es so, dass der Verkehr fließt. Doch es muss viel nachjustiert werden.“ Das Aufgabenfeld reiche von der Parkplatzsuche bis zu einem verbesserten Nahverkehr.

Widmaier will sich für eine vielfältige Medizinversorgung stark machen, „zu der das Krankenhaus Leonberg unbedingt dazu gehört“. Das Kindergartenangebot müsse bedarfsgerecht ausgebaut werden.

Ein neues Wohngebiet auf dem jetzigen Bosch-Gelände ist für sie eine „riesige Chance“, selbst wenn das zunächst Arbeitsplätze koste. Doch mit einer aktiven Wirtschaftsförderung, die Widmaier als Chefsache betrachtet, will sie die Bereiche Wohnen und Arbeiten zusammenführen.

Dass sie all das kann, daran lässt die Diplom-Verwaltungswirtin keinen Zweifel. Sieben Jahre war sie Pressesprecherin im Leonberger Rathaus, drei Jahre persönliche Referentin des damaligen Oberbürgermeisters Bernhard Schuler. Berufsbegleitend hat sie ein spezielles Führungsstudium als Zweitbeste absolviert und als Lehrbeauftragte kommunales Projektmanagement unterrichtet. Seit 2013 ist sie Erste Beigeordnete in Weil der Stadt.

Noch zwei Kandidaten-Gespräche

Dann ist da noch die Sache mit dem Geschlecht: „Als ich Leute gefragt habe, ob Rutesheim reif für eine Frau ist, haben die herzlich gelacht.“ Das Publikum lacht auch.

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