Corona, Abstiegsangst, die eigene Zukunft – vor dem Start in die Rückrunde der Fußball-Bundesliga bezieht Thomas Hitzlsperger Stellung zur Lage beim VfB Stuttgart.
Stuttgart - Die Zeit von Thomas Hitzlsperger beim VfB Stuttgart wird noch im Laufe dieser Saison zu Ende gehen. Bis dahin will der Vorstandschef wichtige Weichen stellen.
Herr Hitzlsperger, mit welchen Vorsätzen sind Sie ins neue Jahr gestartet?
Die üblichen Vorsätze, wie Gewicht abzunehmen und die Ernährung zu verändern, sind bei mir derzeit glücklicherweise nicht nötig. Ich habe es dabei belassen, etwas zur Ruhe zu kommen und mir darüber klar zu werden, was ich in diesem Jahr erreichen möchte.
Was ist dabei herausgekommen?
Dass ich mich auf dieses Jahr sehr freue, gut drauf bin und bis zum letzten Tag beim VfB alles geben werde. Der Verein spielt eine besondere Rolle in meinem Leben, und das werde ich bis zum letzten Tag deutlich machen.
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Ihr Nachfolger Alexander Wehrle soll im April beginnen – hat der VfB eine gute Wahl getroffen?
Ich kenne Alex aus persönlichen Gesprächen, schätze ihn sehr und weiß, was er in den vergangenen Jahren beim 1. FC Köln geleistet hat. Ich kann ihm und dem VfB nur die Daumen drücken, dass der Plan aufgeht. Ich habe auch in Zukunft großes Interesse daran, dass es nachhaltigen Erfolg geben wird. Schließlich konnte ich in den letzten Jahren Entwicklungen einleiten und vorantreiben.
Die Entscheidungsfindung war nicht frei von internen Irritationen. Wie haben Sie die Differenzen zwischen Sportdirektor Sven Mislintat und dem Aufsichtsrat erlebt?
Ich glaube, dass uns jegliche Kommentierung zu diesem Thema von unserem Weg abbringen würde, in der Rückrunde unseren Job zu erledigen und den Klassenverbleib zu schaffen. Ich richte den Blick nach vorne.
Muss der Weg beschützt werden?
Sven Mislintat hat zuletzt mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass der eingeschlagene Weg beschützt werden müsse. Teilen Sie seine Sorgen?
Es wurde in den vergangenen zwei Jahren klar ersichtlich, dass wir eine Idee und einen Plan haben. Jetzt haben wir die Pflicht, eine schwierige Phase zu überstehen, die Ruhe zu bewahren und den Weg weiterzugehen – gerade unter den massiven Einschränkungen der Coronapandemie, die uns zwingt, möglichst wenig Fehler zu machen.
Wie sehr beunruhigen Sie die neuen Entwicklungen, die Omikron-Variante und die Aussicht, weiter ohne Zuschauer spielen zu müssen? Wie lange lässt sich das durchhalten?
Die Prognosen waren schon früher schwierig und sind es bis heute geblieben. Wir arbeiten also unter Dauerdruck. Unsere Aufgabe ist es, die fehlende Planbarkeit zu akzeptieren und gleichzeitig alles dafür zu tun, diesen Zustand möglichst lange überstehen zu können und unser Überleben mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu sichern. Insofern hat sich wenig verändert, auch wenn es gerade hart ist zu erleben, wie viele Spieler in der Bundesliga sich infiziert haben.
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Der VfB ist besonders stark betroffen. Hätten Sie der Mannschaft vor Weihnachten nicht ins Gewissen reden müssen, auf Fernreisen zu verzichten und besser auf sich aufzupassen?
Wir erleben derzeit in der gesamten Gesellschaft, wie leicht sich Menschen infizieren können. Deshalb will ich nicht dazu beitragen, die Fußballprofis ein weiteres Mal an den Pranger zu stellen. Als Verein sehen wir uns als Teil der Lösung, indem wir unsere Reichweite nutzen, zum Impfen aufrufen, eigene Aktionen machen und helfen, wo wir nur können. Perfekt sind aber auch wir nicht.
Wie kontraproduktiv ist es, wenn Stars wie Manuel Neuer oder Lucas Hernandez vom FC Bayern die Quarantäne auf den Malediven verbringen?
Corona hat so viel Schaden angerichtet – wirtschaftlich natürlich, nicht zuletzt aber auch emotional. Ich glaube, es hilft uns nicht, wenn wir die Pandemie immer wieder in den Mittelpunkt unserer Diskussionen stellen.
Vertrauen in die handelnden Personen
Dann lassen Sie uns über den Auftakt der Rückrunde sprechen. Der VfB steht vor dem Spiel in Fürth auf einem Relegationsrang. Ertappen Sie sich manchmal bei dem Gedanken, die Mannschaft sei doch viel zu gut, um abzusteigen?
Nein. Das kann fast kein Verein von sich behaupten. Ich bin zwar auch weiterhin überzeugt, dass wir mindestens drei Mannschaften hinter uns lassen werden. Dazu ist es aber nötig, dass wir weniger vom Verletzungspech gebeutelt werden und möglichst alle Spieler Topform erreichen. Wir sind gewarnt und starten auf Platz 16. Das macht etwas mit den Spielern und allen Beteiligten.
Wie hat sich die Stimmung verändert?
Die Lockerheit fehlt natürlich ein Stück weit, aber das ist in einer solchen Situation normal. Da wird ein Spiel zu einer viel größeren Anstrengung, als wenn man als Achter in die Rückrunde geht und vorher einen Lauf hatte. Das Entscheidende ist, dass wir alle im Verein Vertrauen in die Mannschaft und die sportliche Führung haben. Es braucht keine Korrekturen.
Auch keine neuen Spieler?
Ich will für den Januar nichts ausschließen – aber es ist leider nicht so, dass wir aus dem Vollen schöpfen und ohne Weiteres investieren können.
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Ein zweiter Investor scheint vor der Tür zu stehen. Wie nah ist der Abschluss?
Ich will darüber erst ausführlich sprechen, wenn es so weit ist. Grundsätzlich ist es durch Corona nicht leichter geworden. Einerseits spüre ich zwar, dass das Interesse von institutionellen Investoren sehr groß ist, da sie erkennen, was im Fußball gerade los ist und wie dringend viele Clubs frisches Geld benötigen. Dadurch haben sich andererseits aber auch die Verhandlungspositionen verändert. Wir müssen sehr genau prüfen, was für den VfB langfristig Sinn ergibt, und dürfen nicht nur sagen, wir nehmen das schnelle Geld, koste es, was es wolle. Sonst tut man den Verantwortlichen, die nach uns kommen, möglicherweise keinen Gefallen.
Versteht das auch Sven Mislintat, der sich lieber heute als morgen einen neuen Investor wünscht?
Diesen Wunsch kann ich nachvollziehen. Wir alle hätten es gerne, wenn möglichst bald möglichst viel Geld reinkäme. Es müssen aber Vorstand, Verein und Ankerinvestor mit dem neuen Partner einverstanden sein.
Wie wichtig ist es Ihnen, die Investorensuche noch selbst abzuschließen?
Ich will das weiter vorantreiben – gleichzeitig aber keine verrückten Dinge machen, nur damit ich zum Abschied sagen kann, dem VfB viele Millionen beschafft zu haben. Einen Abschluss wird es nur geben, wenn wir alle der Überzeugung sind, verantwortungsvoll gehandelt zu haben.
Wie geht es weiter für Thomas Hitzlsperger?
Haben Sie schon eine genaue Vorstellung davon, wie Ihr Leben weitergeht?
Ich habe beim VfB in mehr als fünf Jahren viel gelernt und erlebt – eine bessere Schule hätte ich nicht durchlaufen können. Die Frage wird sein: Was kann und möchte ich für meine Zukunft nutzen? Wo kann ich meine Qualitäten am besten einsetzen? Das Fußballgeschäft ist so reizvoll und bietet so viele Möglichkeiten. Ich freue mich, in Ruhe entscheiden zu können, wie es weitergeht.
Ein Posten unterhalb des Vorstands dürfte aber kaum mehr infrage kommen, wenn man schon einmal an der Spitze einer Fußball-AG stand.
Ich denke, dass mein selbst gewählter Abschied vom VfB auch eines dokumentiert hat: So besonders die Aufgabe auch ist – ich habe die Freiheit zu entscheiden, wann der richtige Zeitpunkt zum Aufhören gekommen ist. Für mein Selbstwertgefühl brauche ich es daher auch in Zukunft nicht, in einer Hierarchie möglichst weit oben angesiedelt zu sein. Vermutlich sind aber die Voraussetzungen eher gegeben, dass ich bei einem anderen Club Ähnliches tue, was ich beim VfB zuletzt gemacht habe.