Alexander Wehrle ist der neue Chef der VfB Stuttgart AG. Foto: dpa/David Inderlied

An diesem Montag beginnt beim VfB Stuttgart eine neue Zeitrechnung – die von Alexander Wehrle als Vorstandsvorsitzender. Der Neue muss einige Felder beackern. Wir haben die wichtigsten zusammengestellt.

Thomas Hitzlsperger hat einen emotionalen Abschied bekommen. Weniger wegen der kleinen Zeremonie vor dem Anpfiff – als vielmehr durch den 3:2-Erfolg des VfB Stuttgart gegen den FC Augsburg. Es war das letzte Heimspiel des Ex-Nationalspielers als Vorstandsvorsitzender der VfB AG. Nun ist Länderspielpause – während der die Amtszeit Hitzlspergers endet. Mit dem Aufsichtsrat der AG hat sich der 39-Jährige auf eine Beendigung der Zusammenarbeit zum 31. März geeinigt. Dann ist sein Nachfolger bereits zehn Tage am Ball.

 

An diesem Montag übernimmt Alexander Wehrle (47) beim VfB die Geschäfte. Für den bisherigen Geschäftsführer des 1. FC Köln ist es eine Rückkehr zu dem Club, bei dem er bis 2012 schon Referent des Vorstands war. In der alten Heimat warten neue Herausforderungen auf den Wunschkandidaten der Verantwortlichen für die Hitzlsperger-Nachfolge. Das sind seine wichtigsten Aufgaben:

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Die Finanzen Wie vielen anderen Vereinen, so hat die Coronapandemie auch dem VfB Stuttgart ordentlich zugesetzt. Wehrle muss Geldquellen erhalten oder neu erschließen – auch, damit die staatlichen Hilfskredite in den kommenden Jahren zurückgezahlt werden können. Die Suche nach einem weiteren größeren Investor mit passenden Bedingungen ist in der Ära Hitzlsperger nicht zu einem Ende gebracht worden. Nun ist es am neuen Mann, zu einem Ergebnis zu kommen. Wenn auch nicht zu jedem Preis – diese Prämisse gilt nach wie vor.

Eint der neue den VfB auf allen Ebenen?

Mindestens genauso wichtig: die Gespräche mit aktuellen und potenziellen künftigen Sponsoren. Einige große Unternehmen haben zuletzt ihr Engagement zurückgefahren oder gar beendet. Auch beim Hauptsponsor gibt es entsprechende Überlegungen und Pläne. Wehrle muss gemeinsam mit Marketingvorstand Rouven Kasper (seit Anfang des Jahres im Amt) den VfB in der Sponsorenlandschaft neu positionieren und Vertrauen aufbauen. Ein möglicher Abstieg würde dieses Vorhaben erheblich erschweren.

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Die internen Querelen Fast fünf Jahre liegt die Ausgliederung der Profiabteilung beim VfB Stuttgart nun schon zurück. Die passende Basis für ein richtig gutes Miteinander zwischen e. V. und AG ist bis heute nicht gefunden. Zuletzt erschwerte das schwierige Verhältnis zwischen Präsident Claus Vogt und Vorstandschef Thomas Hitzlsperger eine echte Annäherung. Innerhalb des Führungsstreits der beiden sind viele Gräben neu aufgerissen worden, es gab ein Lagerdenken, und das Misstrauen ist weiter ein treuer Gast unter dem roten Dach. Alexander Wehrle kennt viele der Protagonisten – und muss doch mit klarem, objektivem Blick eine integrative Wirkung entfalten.

Der Sport Der VfB Stuttgart schwebt nach wie vor in Abstiegsgefahr. Das Gute für Alexander Wehrle: Die vergangenen zwei, drei Wochen haben den Weg gemeinsam mit dem Sportdirektor Sven Mislintat und dem Trainer Pellegrino Matarazzo bestätigt. Diese Diskussion muss der neue AG-Chef also erst einmal nicht führen. Allerdings ist die langfristige personelle Aufstellung nach wie vor nicht geklärt. Wehrle übernimmt erst einmal das Sportressort im AG-Vorstand mit – um dessen Besetzung es vor Wochen Ärger gegeben hatte.

Sven Mislintat zeigt sich offen

Sven Mislintat war über die Suche nach einem externen Kandidaten für den Posten des Sportvorstandes verstimmt, hätte seinen Mitstreiter Markus Rüdt gerne auf dem Posten gesehen, hatte selbst aber keine Ambitionen. Wie es nun weiter läuft, muss Wehrle klären, ohne dass es weitere Missstimmung gibt. Immerhin gibt sich Mislintat nun offen für verschiedene Optionen und lobt seinen neuen Chef: „„Ich habe schon mal gesagt, dass ich mich freue, Sportdirektor zu sein. Wenn ich als Sportvorstand gebraucht werde, diskutiert man das vernünftig.“

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Die Stellung des VfB Durch das sportliche Auf und Ab der vergangenen Jahre und die vielen Personalwechsel an der Clubspitze hat der VfB an bundesweiter Bedeutung eingebüßt – auch bei den wichtigsten Organisationen des Fußballs, beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) und bei der Deutschen Fußball-Liga (DFL). Wehrle ist Mitglied des DFL-Präsidiums. Als dessen Vertreter sitzt er zudem im DFB-Vorstand. So kann er dafür sorgen, dass der VfB mit seinen Themen (etwa im Bereich Verteilung der TV-Gelder) gehört wird und wieder an Bedeutung gewinnt.

Der VfB und die Stadt Dass auf die Fans und Mitglieder des VfB Stuttgart Verlass ist, hat sich am Wochenende wieder einmal gezeigt – als über 55 000 Zuschauer zum Abstiegskrimi gegen den FC Augsburg in die Mercedes-Benz-Arena strömten. Dennoch wird immer wieder die Frage diskutiert: Wie stark ist der Club in der Stadt verankert? In Köln hat es Alexander Wehrle geschafft, den FC zu einer Angelegenheit einer ganzen Stadt zu machen, den Verein gesellschaftlich top zu positionieren. Auch auf diesem Feld kann der VfB noch Schritte nach vorne machen.