Den Direktions-Neubau am Rande der Altstadt sieht Michael Fritz als Statement. Mit den Geschäften ist der Sparkassen-Chef zufrieden. Aber die soziale Schere klaffe auseinander.
Mit einem gesunden Selbstbewusstsein blickt Michael Fritz auf das wohl größte Projekt seines Hauses im auslaufenden Jahr: „Es ist ein Statement an die Stadtgesellschaft: Wir sind da!“ Mit dem Statement meint der Vorstandschef der Kreissparkasse Böblingen den Neubau der Leonberger Direktion. 60 Millionen Euro hat das kommunale Kreditinstitut investiert, um eine weithin sichtbare Regionalzentrale im – nach dem Bereich Böblingen/Sindelfingen – zweitwichtigsten Markt der Kreissparkasse zu haben.
Kreissparkasse: Wir begreifen uns als Teil der Region Leonberg
Wobei Fritz, der die Bank seit dreieinhalb Jahren leitet, den wuchtigen Neubau nicht als Überheblichkeit verstanden wissen will. „Ich denke, die Menschen verstehen es richtig: Wir begreifen uns als Teil der Region Leonberg, und dafür brauchen wir ein repräsentatives Gebäude.“ Ganz bewusst sei man am Traditionsstandort in der Stuttgarter Straße geblieben, wo schon die vor gut einem halben Jahrhundert noch eigenständige Kreissparkasse Leonberg ihren Hauptsitz hatte.
Kundenbindung auch in Richtung Gerlingen und Ditzingen
Doch nicht nur nostalgische Erwägungen haben das Sparkassen-Management am angestammten Ort festhalten lassen, sondern auch wirtschaftliche Aspekte, die mit der Unternehmenshistorie zusammenhängen. „Wir haben nach wie vor eine äußerst interessante Kundenbindung in Richtung Gerlingen und Ditzingen“, sagt der Vorstandschef. Menschen also, die nach der mit der Gebietsreform einhergehenden Neustrukturierung der Sparkassen-Landschaft beim angestammten Institut geblieben sind.
Fritz verhehlt nicht, dass zudem die „vermögende Kundschaft“, die an den Hängen des Engelbergs ihre Immobilien hat, sich eine nahe Anlaufstelle wünscht. „Deshalb war für uns von Anfang an klar, dass wir den Standort Altstadt nicht aufgeben.“ Während der Abriss- und Neubauphase hatte die Sparkasse Büros und Kundenräume rund um den Marktplatz gemietet. „Das war uns wichtig. Denn wenn sich die Leute erst einmal umgewöhnt haben, dauert es sehr lange, bis sie zurückkehren.“
Das frühere Gebäude, das vor knapp fünf Jahren abgerissen wurde, stand ein Stück weit zurückgesetzt von der Straße. „Jetzt haben wir einen ganz anderen Aufmerksamkeitsgrad“, meint Fritz, der dieser Tage seinen 50. Geburtstag gefeiert hat. „Wer in die Stadt hineinfährt, kommt an uns nicht vorbei.“
So sehr das moderne Gebäude an der Sonnenkreuzung ein optischer Hingucker ist, so „erfreulich unspektakulär“ habe der Arbeitsalltag dort begonnen: „Die Akzeptanz ist bei unseren Mitarbeitern und Kunden von Anfang an sehr hoch.“ Nicht zuletzt durch die großzügigen Platzverhältnisse, von denen die Kundschaft in zahlreichen Beratungsräumen profitiere. Das Forum für Konzerte oder andere Kulturveranstaltungen ist mittlerweile ebenfalls in Betrieb. Dass es noch Kritik an den Bürgersteigen vor dem Gebäude gibt, insbesondere an der Bushaltestelle Altstadt, weiß Michael Fritz. „Aber es stand fest, dass die Stadt die Sonnenkreuzung umgestalten wird. Für den Verkehr wird mehr Platz benötigt.“ Um dennoch zuvor ein optisches Zeichen zu setzen, will die Kreissparkasse den kleinen Platz vor dem Haupteingang mit Pflanzenkübeln gestalten.
Das kommunale Kreditinstitut ist nicht nur als Bauherr in eigener Sache aufgetreten, sondern hat zudem in vier Gebäuden 71 Wohnungen realisiert, ein Viertel davon sozial gefördert. „Es laufen noch einige Restarbeiten. Aber die ersten Mieter sind schon im Oktober eingezogen“, berichtet Fritz. „Die Vermietung für die anderen Wohnungen läuft an. Ich gehe davon aus, dass wir im Frühjahr einen guten Mieterstand haben.“ Der Sparkassen-Chef verschweigt nicht, dass es sich bei den Objekten auf dem freien Mietmarkt nicht „um die allerpreisgünstigsten“ handelt. „Aber wir klagen nicht über mangelnde Nachfrage.“
Auch ansonsten will der Banker kein Klagelied anstimmen: „Die Neuordnung unseres Filialnetzes ist abgeschlossen. Mit jetzt 40 Zweigstellen fühlen wir uns sehr wohl, die Nachfrage ist gut, die Standorte funktionieren.“ In der Leonberger Kernstadt hebt Fritz die Eltinger Filiale hervor: „Die läuft richtig top.“
Eine hohe Nachfrage bei privaten Immobilien
Zufrieden ist er auch mit der neuen Niederlassung in der Römerstraße, die die bisherigen Filialen Leo-Center und Ramtel ersetzt. Der Rückzug aus Leonbergs großem Einkaufszentrum war durchaus risikobehaftet. Die dort verbliebenen zwei Bankomaten gewähren freilich eine gewisse Sparkassen-Präsenz.
Positiv bewertet Michael Fritz das Geschäft mit privaten Immobilien: „Die Nachfrage ist unverändert enorm hoch.“ Gleichwohl klaffe die Schere zwischen gut situierten Kunden und Menschen mit Geldproblemen zusehends auseinander. So nehme die Zahl der Kontopfändungen deutlich zu. „Es gibt einfach Menschen, bei denen Einnahmen und ihr Ausgabenverhalten nicht zusammenpassen“, sagt der Banker. „Selbst in Baden-Württemberg sind 20 Prozent der Menschen nicht in der Lage, etwas zu sparen. Jeder Fünfte lebt von der Hand in den Mund.“
Schuldnerberatung: Kein Thema, „bei dem man wegschauen kann“
Umso wichtiger sei seinem Haus gerade bei der Konsumfinanzierung eine ehrliche Beratung: „Unser Anspruch ist, unseren Kunden offen zu sagen, wann eine Grenze erreicht ist.“ Als kommunales Kreditinstitut fühle sich die Sparkasse aber selbst dann in der Pflicht, wenn es schon zu spät ist: „Wir unterstützen die Schuldnerberatung des Diakonischen Werkes. Das ist kein Thema, bei dem man wegschauen kann.“
Trotz einer gewissen Gemeinnützigkeit muss die Kreissparkasse wirtschaftlich arbeiten. Wäre es da nicht einfacher, Menschen mit offensichtlichen Geldsorgen als Kunden abzulehnen? Das sei die Ausnahme, sagt Michael Fritz: „Bei objektivem Fehlverhalten können wir jemanden wegschicken. Aber das ist nicht unser Selbstverständnis.“
Der Kreissparkassen-Chef
Anfänge
Der Diplom-Betriebswirt Michael Fritz arbeitete nach seinem Studium an der Dualen Hochschule seit 1997 in verantwortungsvollen Positionen bei der Kreissparkasse Böblingen – unter anderem als Zentralbereichsleiter Unternehmenssteuerung.
Aufstieg
Ab Oktober 2017 verantwortete der nun 50-Jährige als Vorstandsmitglied das Ressort Vertrieb Privatkunden und Marktservice. Seit dem 1. Juli 2022 ist Michael Fritz Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Böblingen. Darüber hinaus engagiert er sich in regionalen Gremien.