So soll die neue S-Bahn aussehen: Die Grundfarbe ist taubengrau, die 1.-Klasse-Abteile gelb und die Mehrzweckabteile blau markiert, die Türbereiche sind schwarz. Foto: Neomind Designstudio

Momentan beschäftigen sich Deutsche Bahn und der Verband Region Stuttgart mit dem neuen Design für die S-Bahnen in der Region Stuttgart. Dabei gibt es auch eine Debatte darüber, ob nicht ein getrennter Ein- und Ausstieg vorgesehen werden soll. Doch die Positionen sind eindeutig.

Stuttgart - Die Reaktionen sind vielfältig: Für einige ist das neue Design der Stuttgarter S-Bahnen, mit dem die ersten Fahrzeuge Ende 2021 unterwegs sein sollen, eine wichtige Weichenstellung für einen attraktiveren Nahverkehr; andere entdecken ihre Liebe zum bahntypischen Verkehrsrot, in dem die S-Bahnen heute fahren und lehnen die neue Grundfarbe taubengrau ab; und wieder andere halten die Neuerungen für nicht weitgehend genug. Vor allem eine Forderung wird immer wieder erhoben: die Türen für den Ein- und Ausstieg sollten getrennt werden, so ließen sich das Gedränge auf den Bahnsteigen besser steuern und die Haltezeiten reduzieren, die als eine Ursache für Verspätungen gelten. Auch der Grüne-Bundestagsabgeordnete Matthias Gastel, favorisiert eine solche Lösung. Allerdings halten die DB Regio, die den S-Bahnverkehr betreibt, und der Verband Region Stuttgart als Aufgabenträger diese für nicht praktikabel.

 

Innen grün, außen rot – oder umgekehrt

Die Idee klingt genial einfach: die Türen der S-Bahnen werden entweder innen grün und außen rot oder umgekehrt angestrichen. Durch die Tür, die innen rot und außen grün ist, darf nur eingestiegen, durch die andere (innen grün, außen rot) nur ausgestiegen werden. Die Vorteile: Ohne „Gegenverkehr“ werde das Ein- und Aussteigen schneller gehen, die „Turbulenzen“ an den Türen würden vermieden. Dieser Vorschlag eines Lesers wird auch von dem Grünen-Bundestagsabgeordneten Gastel aus dem Wahlkreis Nürtingen unterstützt.

In einem Brief an Regionalpräsident Thomas Bopp (CDU) hatte der Verkehrsexperte seiner Fraktion Ende Juni angeregt, die Corona-Zeit, in der weniger Fahrgäste unterwegs seien, für einen Versuch mit getrenntem Ein- und Ausstieg zu nutzen. Zumal damit auch die geforderten Abstände leichter einzuhalten seien. Aber Gastel sieht auch grundsätzliche Vorteile: „Fahrgastströme würden sich auf den Bahnsteigen und in den Zugabteilen ordnen und die Haltezeiten würden sich durch den beschleunigten Fahrgastwechsel verkürzen, weil sich ein- und aussteigende Fahrgäste nicht gegenseitig blockieren. Der Ein- und Ausstieg würde an unterschiedlichen Türen gleichzeitig erfolgen“.

Dabei stützt sich der Bahn-Vielfahrer Gastel auch auf Simulationen und Modellberechnungen des verkehrswissenschaftlichen Instituts der Universität Stuttgart, wonach „wertvolle Haltezeit gespart und die Fahrtplanstabilität erhöht werden könnten“. Zudem sei der getrennte Ausstieg vergleichsweise günstig umzusetzen und könne auch mit einzelnen Zügen getestet werden.

„Fahrgäste blockieren sich nicht“

Gastels Vorstoß stieß beim Verband Region Stuttgart und der DB Regio aber auf wenig Gegenliebe. Brieflich bekam der Abgeordnete schon wenig später die Mitteilung von Bopp, dass man den Vorschlag nicht aufgreifen werde. Auch im Gespräch mit unserer Zeitung bleibt der Regionalpräsident bei seiner Absage. „Der Vorschlag zum getrennten Ein- und Aussteigen ist nicht neu. Das haben wir in den zurückliegenden Jahren schon mehrfach intensiv untersucht“, betont Bopp – zuletzt bei den Vorarbeiten zum neuen Design.

Bahn und Verband sehen Nachteile

Das Fazit: Weil dann nur noch jede zweite Tür zum Ein- oder Ausstieg genutzt werden könnte, werde vor allem in der Hauptverkehrszeit der rasche Fahrgastwechsel behindert. „Das ist kontraproduktiv und bringt keine Entlastung“, so Bopp. Vor allem in den Zügen würde dies eher zu mehr Gedränge führen, wenn die Fahrgäste zu den Ausgangstüren wollten. Die von Gastel vorgeschlagene Lösung setze so genannte Zwillingsbahnsteige voraus, die die Nutzung aller Türen auf beiden Seiten für den Ein- und Ausstieg ermögliche. Doch diese Infrastruktur für eine solche „spanische Lösung“ gebe es im Netz der S-Bahn in der Region nicht.

Ziel: günstigere Umsteigezeiten

Bei der Entwicklung des neuen Design sei ein „zentraler Punkt“ gewesen, „den Ein- und Ausstieg zu beschleunigen“, sagt Bopp. So seien die Türen und die Extra-Abteile für Radfahrer, Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen klar und auffällig markiert und besser erkennbar. Zudem seien die Knöpfe zum Öffnen der Türen sinnvoller platziert. „Da stehen sich die Leute nicht mehr gegenseitig im Weg“, sagt Bopp. Man habe mit dem Redesign eine „optimale Lösung“ erreicht, glaubt er.

Was ist die Spanische Lösung?

Von der „Spanischen Lösung“ spricht man, wenn ein Bahnhof der U- oder S-Bahn nach beiden Seiten eines Gleises über Bahnsteige, sogenannte Zwillingsbahnsteige, zum getrennten Aus- oder Einsteigen verfügt. Vermeintlich wurde dieses Prinzip zum ersten Mal in den 1930er Jahren bei der Metro Barcelona benutzt, vorher gab es dies aber schon in London und New York.

Mit dem Aus- und Einsteigen über getrennte Bahnsteige sollen die Kapazität der Bahnhöfe vergrößert und die Fahrgastwechselzeit verkürzt werden. Der Mittelbahnsteig dient zum Einsteigen, die schmaleren Seitenbahnsteige zum Aussteigen. Solche Lösungen benötigen mehr Platz. Es gibt sie an einigen SSB-Stadtbahnhaltestellen, zum Beispiel an der Haltestelle Pragsattel in Bad Cannstatt. In der S-Bahn existieren sie in der Region Stuttgart allerdings nicht. Eine Untersuchung ergab, dass dafür in den unterirdischen Stationen in Stuttgart zu wenig Platz besteht. Deshalb müssten das getrennte Ein- und Aussteigen über einen Bahnsteig abgewickelt werden.