Das Schauspiel Stuttgart thematisiert mit ambitionierten Projekten sowohl die Literatur selbst als auch politische Themen wie Antisemitismus – mit einem starken Bezug zu Stuttgart.
Die Welt trauerte jüngst über den Tod der Berlinerin Margot Friedländer; die Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz starb am 9. Mai, einen Tag nach dem 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges. In Zeiten des wieder erstarkenden Antisemitismus setzt das Schauspiel Stuttgart ein starkes Zeichen zum Thema.
Politik und Wortgewalt im Stuttgarter Schauspiel
Peter Weiss’ „Die Ermittlung“ ist eines, wenn nicht das wichtigste Stück der Nachkriegszeit; Weiss hatte die Auschwitzprozesse in Frankfurt besucht und zum Thema des Werks gemacht. Gespielt wird an einem besonderen Ort– im Landtag. „Danach können Menschen, Einrichtungen sich melden, die diese Produktion zeigen wollen“, sagte Burkhard C. Kosminski bei der Spielplanpräsentation in der John-Cranko-Schule. Nur wenige Meter von der Ballettschule entfernt hat sich bereits eine Institution angemeldet – das Landgericht. Was auch zu einem anderen Stück junger deutscher – und besonders Stuttgarter – Geschichte passt: „Vor dem Ruhestand“ von Thomas Bernhard, 1979 in Stuttgart uraufgeführt von Claus Peymann. Der Regisseur und Intendant war von dem damaligen Ministerpräsidenten Hans Filbinger entlassen worden, brachte zuvor noch das Bernhard-Drama über ewig gestrige Hitlerverehrer auf die Bühne. Wenige Monate später trat Filbinger selbst zurück, als seine NS-Vergangenheit als Marinerichter publik wurde.
Ein wortmächtiges Drama, das auch exemplarisch für die Liebe zur Sprache, zur Literatur steht, welche im interessant ausgeklügelten Spielplan viel Raum einnimmt, von dem Familienstück, Michael Endes „Die unendliche Geschichte“, bis zur Saisonauftakt-Premiere im Kammertheater „Eine runde Sache“. In dem Werk des israelischen Autors Tomer Gardi, inszeniert vom deutsch-israelischen Regisseur Noam Brusilovsky, taucht die Sprache selbst als Protagonistin auf. „Eine absurd fantastische Komödie“, sagt die Chefdramaturgin und Stellvertretende Intendantin Gwendolyne Melchinger.
Die Produktion ist eine von vier Uraufführungen, die prominenteste heißt „Sommersonnenwende“ und wird von Roland Schimmelpfennig verfasst, der mit dem hiesigen Schauspiel seit Jahrzehnten verbunden ist. Prominenz mit Stuttgart-Tradition findet sich auch in den Reihen der Regie. Neben jungen Talenten wie Lucia Bihler als eine von fünf Regisseurinnen, die auf der großen Bühne inszenieren, ist Stefan Pucher wieder in der Stadt. Er inszeniert den Kassenschlager des berühmtesten Stuttgarters, „Die Räuber“ von Schiller.
Martin Kušej, der ehemalige Hausregisseur des Schauspiels Stuttgart von 1993 bis 2000, inszeniert „Vor dem Ruhestand“. Das wird auch den Thomas-Bernhard-Fan Harald Schmidt freuen, wenn er in seiner Spielplananalyse das Programm beguckt.
„Hamlet“ als Stichwortgeber fürs Spielzeitmotto
Womöglich bringt der Entertainer einen Totenschädel mit, das Requisit hält der wohl berühmteste Shakespeare-Held oft in den Händen: Hamlet. Die gleichnamige Tragödie wird von Burkhard C. Kosminski inszeniert. Sie ist zudem Titelgeberin des Spielzeitmottos „Die Zeit ist aus den Fugen“. Das passt irgendwie immer, blickt man auf die politische Weltlage, dann aber jetzt ganz besonders.
Premieren 2025/2026
Schauspielhaus
Den Auftakt macht am 27. September
Thomas Melle: „Die Welt im Rücken“. Regie: Lucia Bihler. Weitere Premieren: 1. Oktober
- Spielort ist der Landtag: Peter Weiss: „Die Ermittlung“. Regie: Burkhard C. Kosminski. – 25. Oktober
Edward Albee: „ Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“. Regie: Tina Lanikk. – 16. November
Michael Ende: „Die unendliche Geschichte“. Regie: Nora Bussenius. – 6. Dezember
William Shakespeare: „Hamlet“. Regie: Burkhard C. Kosminski. – 14. Februar
Thomas Bernhard: „Vor dem Ruhestand“. Regie: Martin Kušej. – 28. März
Oscar Wilde: „Der ideale Mann“. Regie: Marco Štorman. – 30. April
Bertolt Brecht: „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Regie: Sapir Heller. – 6. Juni
Roland Schimmelpfennig „Sommersonnenwende“ (UA). Regie: Daniela Löffner. – 4. Juli
Friedrich Schiller: „Die Räuber“. Regie: Stefan Pucher.
Schauspiel im Kammertheater
Erste Premiere der Saison ist am 20. September
mit einer Romandramatisierung: Tomer Gardi: „Eine runde Sache“ (UA). Regie: Noam Brusilovsky. – 29. November
Thomas Köck: „KI essen Seele auf (Opheai)“ (UA). Regie: Mateja Meded. – 7. Februar
Wilke Weermann: „Pretty Privilege“ (UA) nach Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Regie: Wilke Weermann. – 11. April
Fabienne Dür: „Gelbes Gold“. Regie: Johanna Rödder-Mikow. – 20. Juni
Wolfram Lotz: „Die Politiker“. Regie: Alexander Eisenach.
Extras
Thomas Bernhard: „Holzfällen“, interpretiert von Nicholas Ofczarek und der Musicbanda Franui am 21. September im Schauspielhaus. – Spielplananalyse 25/26 von und mit Harald Schmidt am 22. Oktober 2025 im Schauspielhaus.
Karten
sind vom 14. Juli an im Verkauf.