Zeit für den Roten Teppich: Am 9. Februar startet die 67. Berlinale mit Filmen aus aller Welt. Foto: Getty Images Europe

In manchem Berlinale-Jahr war vielen Festivalbesuchern zum Weinen zumute – so schwach waren einige Filme im Wettbewerb. 2016 wurde es überraschend besser. Dieses Jahr strotzt das Konkurrentenfeld vor wohlklingenden Namen und vielversprechenden Ansätzen.

Berlin - Es scheint immer ganz leicht, Dieter Kosslick zu sein. Egal, wo man den seit 2001 amtierenden Berlinale-Chef sieht oder hört, er legt dauerhaft gute Laune an den Tag und kritisiert munter Missstände – schließlich ist die Berlinale ein politisches Festival. Dabei gab es Jahre, in denen Kosslick durchaus Zweifel gekommen sein dürften. 2011 zum Beispiel, als der starke iranische Beitrag „Nader und Simin“ weit und breit der einzige Kandidat für den Goldenen Bären war in einem insgesamt viel zu schwachen Wettbewerb. Das aber ist Geschichte. Die Berlinale, neben Cannes und Venedig eines der wichtigsten Filmfestivals der Welt, scheint zurück in der Spur zu sein.

2017 erfreuen Kosslick und sein Team mit reihenweise wohlklingenden Namen und vielversprechenden Ansätzen. Ein Spielfilm über den einflussreichen Jazz-Gitarristen Django Reinhardt etwa war längst überfällig. Der französische Regisseur Etienne Comar fokussiert nun in „Django“ auf Reinhardts Zwist mit den Nazis im besetzten Paris. Das kann ein standesgemäßer Eröffnungsfilm für eine Berlinale werden, die außerdem den großen finnischen Regisseur Aki Kaurismäki („Das Leben der Bohème“) für den Wettbewerb gewinnen konnte. Bereits in „Le Havre“ (2011) hat Kaurismäki das Flüchtlingsthema bearbeitet, als viele noch die Augen davor verschlossen. Dieses Jahr bringt er „The Other Side of Hope“ nach Berlin, einen Film über einen syrischen Flüchtlingsjungen in Helsinki, der sich illegal durchgeschlagen hat und Unterschlupf sucht. Näher am Puls der Zeit kann ein Festival kaum sein.

Schlöndorff spinnt Max Frischs „Montauk“ weiter

Mit den Abstiegsängsten der Mittelschicht beschäftigt sich der österreichische Kabarettist und Schauspieler Josef Hader in seinem Regiedebüt „Wilde Maus“, in dem er als arbeitslos gewordener Journalist randaliert und versucht, die titelgebende, längst legendäre Achterbahn im Wiener Prater wieder in Gang zu bringen. An ein großes Künstlerporträt wagt sich der Dokumentarfilmer Andres Veiel („Black Box BRD“). Der in Stuttgart geborene Wahl-Berliner nähert sich Joseph Beuys, stellt dessen Aussagen über sich selbst, sein Werk, Fett und Filz nebeneinander und versucht so, dem „erweiterten Kunstbegriff“ des vielfach Unverstandenen auf die Spur zu kommen.

Noch zwei weitere deutsche Filme starten im Wettbewerb. In Thomas Arslans Roadmovie „Helle Nächte“ müssen sich ein Vater und sein 14-jähriger Sohn, die einander kaum kennen, auf einer gemeinsamen Reise zusammenraufen. Und Altmeister Volker Schlöndorff spinnt in „Rückkehr nach Montauk“ Max Frischs stark autobiografisch geprägten Roman „Montauk“ weiter. Dank Stellan Skarsgard und Nina Hoss in den Hauptrollen darf man zumindest großes Schauspielerkino erwarten.

Überhaupt stellen sich viele große Namen der Konkurrenz. Richard Gere („Pretty Woman“), Laura Linney („Kinsey“), Steve Coogan („Philomena“), Rebecca Hall („Vicky Cristina Barcelona“) und Chloë Sevigny („Bloodline“) sitzen in Oren Movermans US-Drama „The Dinner“ um einen Tisch und stürzen in einen familiären Abgrund. Kristin Scott Thomas („Der englische Patient“) gerät als britische Schattenministerin in Sally Potters Film „The Party“ in einen Enthüllungsskandal, flankiert von Patricia Clarkson („The Green Mile“), Bruno Ganz („Der Untergang“), Cillian Murphy („Inception“) und Timothy Spall („Harry Potter“).

Eine Ungarin zeigt zarte Liebesbande im Schlachthaus

Nach dem China-Hype der Vorjahre kommt diesmal nur ein Streifen aus dem Reich der Mitte: Liu Jians Animationsfilm „Have a Nice Day“, eine schwarze Komödie über die Gier. Der japanische Regisseur Sabu erzählt in „Mr. Long“ von einem Profikiller aus Taiwan, der sich in Japan versteckt und dort zum populären Straßenkoch aufsteigt. Der Chilene Sebastián Lelio hat Berlin 2012 mit „Gloria“ begeistert, dem Porträt einer sich emanzipierenden Frau. Auch dieses Jahr setzt er auf starke weibliche Figuren: Eine Transgender-Frau, nach dem Tod ihres Geliebten unter Mordverdacht, streitet in „Una mujer fantastica“ für ihre Rechte. Die Polin Agnieszka Holland, zuletzt in den USA unter anderem für zwei Folgen von „House of Cards“ verantwortlich, hat nun in ihrer Heimat das Mystery-Drama „Pokot“ gedreht. Darin wird einer friedlichen Außenseiterin in der Provinz die Schuld an seltsamen Vorkommnissen in die Schuhe geschoben. Der Beitrag „On Body and Soul“ der Ungarin Ildikó Enyedi dreht sich um zarte Liebesbande unter Mitarbeitern in einem Schlachthaus – zumindest am Rande dürften die Zustände in der tierverarbeitenden Nahrungsmittelindustrie eine Rolle spielen.

Versehen mit dem Zusatz „außer Konkurrenz“ hübscht die Berlinale den Wettbewerb traditionell mit Mainstream-Ware und Stars auf. Danny Boyle zeigt die Weltpremiere der Fortsetzung seines legendären Drogen-Dramas „Trainspotting“, auf dem Roten Teppich präsentiert der Festival-Leiter unter anderen Catherine Deneuve, Geoffrey Rush, Gillian Anderson und Hugh Jackman. Das dürften dann wieder die Momente sein, in denen es nicht nur so wirkt, als falle es ganz leicht, Dieter Kosslick zu sein.

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