Nach 104 Tagen Amtszeit und 0,69 Punkten pro Spiel ist für den Trainer bei Hertha BSC Schluss. Womöglich übernimmt Friedhelm Funkel beim Vorletzten, bei dem sich die Probleme türmen.
Mit dem Wechsel in die Hauptstadt sollte ja alles besser werden – doch bisher hat die Berliner Luft dem ehemaligen VfB-Kapitän Marc Kempf gar nicht gutgetan. Genau genommen grenzt Kempfs Engagement bei Hertha BSC bislang an ein sportliches Desaster. Seit der 27-Jährige Anfang Februar vom VfB an die Spree transferiert wurde, hat er mit dem selbst ernannten Big City Club in sechs Bundesligaspielen lediglich einen Punkt geholt – im gesamten Jahr 2022 holte man überhaupt nur zwei.
Linksfuß Kempf fiel dabei einmal mit Corona aus, ein weiteres Mal musste er aufgrund einer Roten Karte pausieren. Am Sonntag nun grätschte der Abwehrmann den Gladbacher Marcus Thuram im eigenen Sechzehner derart ungestüm ab, dass Alassane Plea mit seinem anschließend verwandelten Elfmeter die 0:2-Niederlage der Berliner im Borussia-Park einleiten konnte.
Niemand ist größer als der Club
Weil Marc Kempf aber beileibe nicht der einzige Herthaner ist, der aktuell tief im Leistungsloch feststeckt, hat die Clubführung am Vormittag nach dem Abrutschen auf den direkten Abstiegsplatz 17 gehandelt. Nach zuletzt sieben Niederlagen in den neun Spielen der Rückrunde mit 6:25 Toren hat man den Trainer Tayfun Korkut („Der Verein steht über allem – auch über mir“) entlassen. Erst Ende November war Korkut bei den Berlinern auf Pal Dardai gefolgt – nach nur 104 Tagen Amtszeit geht der 47-Jährige nun mit mickrigen 0,69 Punkten pro Spiel, also einer schlechteren Bilanz als sein Vorgänger.
„Es bleiben noch acht Partien, um die nötigen Punkte für den Klassenerhalt zu holen. Dafür werden wir alles tun und wollen mit dieser Entscheidung unterstützen, dass alle Beteiligten noch mal intensiver für die Situation sensibilisiert sind“, begründete Sport-Geschäftsführer Fredi Bobic letztlich den Schritt: „Wir setzen auf die positiven Effekte eines Neuanfangs.“
Über die Korkut-Nachfolge will der Verein informieren, „sobald diese Personalie abschließend geklärt ist“, wie es in einer Presseerklärung zu der Frage heißt, wer bei der Alten Dame neuer Cheftrainer wird. Vieles spricht dabei für eine Interimslösung bis zum Saisonende – und auch einen heißen Kandidaten gibt es: Friedhelm Funkel. Schließlich kennt der 68-jährige Traineroldie die Hertha bereits, ist mit ihr allerdings im Sommer 2010 als Nachfolger von Lucien Favre in die zweite Liga abgestiegen. Das soll sich nun tunlichst nicht wiederholen.
Erfolgreicher Feuerwehrmann in Köln
Funkel hat erst in der Vorsaison beim 1. FC Köln bewiesen, dass er ein erfolgreicher Feuerwehrmann sein kann. „Er war maßgeblich daran beteiligt, dass wir den Klassenerhalt geschafft haben. Denn er hat genau das reingebracht, was notwendig gewesen ist“, sagt der ehemalige FC-Sportchef Horst Heldt, der Funkel im April 2021 verpflichtet hatte, ehe die Geißböcke über die Relegation erstklassig blieben.
Auch bei der Hertha herrscht nun Alarmstufe Rot. Doch die Probleme sind abseits der sportlich äußerst prekären Lage vielschichtig. Da ist zunächst der Manager Bobic, der sich sein Engagement in der Hauptstadt nach seiner Erfolgszeit in Frankfurt sicherlich ganz anders vorgestellt hat. Der seit Saisonbeginn tätige Bobic muss nach dem Blitzabgang von Sportdirektor Arne Friedrich nun auch mit dem Vorwurf leben, dass seine Trainerrochade nicht gegriffen hat. Denn Tayfun Korkut, der vor dem Gladbach-Spiel in einem Akt der Verzweiflung den Kapitän Dedryck Boyata auf die Bank setzte und insgesamt sechs neue Spieler brachte, war Bobics Mann.
Eine Finanzspritze ohne Wirkung
Allerdings regiert im Schatten des Olympiastadions schon länger das Chaos. Das 375 Millionen Euro schwere Investment des Geldgebers Lars Windhorst, der eine vom Club beauftragte TV-Dokumentation über das Team und sein Umfeld unlängst verärgert stoppen ließ, ist absolut wirkungslos verpufft. Mehr noch: Bobic musste aufgrund der aktuellen Finanzlage bereits Transferüberschüsse generieren – und Gehälter einsparen. „Im Mai ist die nächste Mitgliederversammlung. Da wird sicher etwas passieren müssen“, murrte Lars Windhorst zuletzt öffentlich, was als Kampfansage in Richtung des Präsidenten Werner Gegenbauer zu verstehen ist.
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Sportlich ist das Restprogramm vor dem Heimspiel gegen die TSG Hoffenheim am Samstag nicht einfach. Nach der folgenden Länderspielpause heißen die Kontrahenten Bayer Leverkusen und Union Berlin, bevor es in einem Dreierpack gegen die Abstiegskonkurrenten FC Augsburg, VfB Stuttgart und Arminia Bielefeld geht. „Es wird nach der Saison eine Zäsur geben“, kündigte Fredi Bobic bereits an. Fragt sich nur, ob in der ersten oder zweiten Liga.