Mit Video-Umfrage - Die Vorfreude auf den am Mittwochabend beginnenden Kirchentag wächst. Nicht nur bei Landesbischof Frank Otfried July. Auch die Gastronomie, der Handel oder die Tourister hoffen, dass ihnen der Kirchentag etwas einbringt. Die Anzeichen dazu sind gut.

Stuttgart - Außer Spesen nix gewesen. So soll’s nicht sein. Wenn schon eine Großveranstaltung, die Stadt in ihren Griff nimmt, soll auch etwas hängen bleiben. Und zwar mehr als ein diffuses Glücksgefühl. So war’s 1993, als Stuttgart die Leichtathletik-WM ausrichten durfte. Die Stadt feierte ihr erstes Sommermärchen, die Welt staunte über die Schwaben, aber der Spaß riss ein Loch in die Stadtkasse. Der damalige Präsident des Leichtathletik-Weltverbandes, Primo Nebiolo, meinte dazu nur schulterzuckend: „Be happy, an pay the Defizit.“ Frei übersetzt: Seid glücklich und zahlt!

Zahlen müssen Stadt und Land nun auch. Beide steuern je 2,5 Millionen Euro zu dem 18 Millionen Euro Etat bei. Fünf Millionen Euro, die letztlich der Steuerzahler aufbringt. Auch jener, der mit Kirche und Glauben nichts am Hut hat. An vorderster Front der Kritiker findet sich immer wieder die Piratenpartei. Michael Knödler, stellvertretender Vorsitzender der Piraten im Gemeinderat, fragt sich deshalb: „Muss das sein? Muss die Stadt neben ihren Plätzen und Gebäuden den Kirchentag auch noch subventionieren?“ Mehr noch: Auch die freie Fahrt mit Bus und Bahn, die Kirchentagsbesucher mit dem Eintrittspreis bezahlen, kritisiert Knödler: „Auch das ist eine Subvention.“

Für die Stadt

Der Erste Bürgermeister Michael Föll (CDU) hat dazu eine andere Haltung. Nach seiner Meinung hat der Deutsche Evangelische Kirchentag für die Stadt eine große Bedeutung. Der Gemeinderat bestätigte das bereits am 24. Februar 2011. Damals gaben die Räte grünes Licht für den Zuschuss von 2,5 Millionen Euro in bar, Sachleistungen und Gebührenbefreiungen in Höhe von 711 000 Euro. Föll: „Der beantragte Zuschuss ist sowohl der Höhe nach als auch von der Bedeutung der Veranstaltung her angemessen.“ Und zwar aus zwei Gründen: „Erstens glaube ich, dass sich der Kirchentag durch die Umwegrentabilität für die Stadt finanziell rechnet. Zweitens erhalten wir auch einen ideellen Mehrwert.“ Unter Umwegrentabilität versteht Föll die positiven Auswirkungen des Kirchentags auf die Übernachtungszahlen und die Einnahmen der Gastronomie sowie des Einzelhandels. So entstehe ein indirekter Nutzen dieser Großveranstaltung für die Stadt.

Weniger messbar, aber für Finanzbürgermeister Föll nicht minder wichtig, ist der Imagegewinn in der Zeit vom 3. bis zum 7. Juni 2015 für Stuttgart: „Auf dem Kirchentag werden ja gesellschaftliche und politische Themen diskutiert. Ich finde es wichtig, dass Stuttgart Forum solcher Diskussionen wird. Auch das ist Mehrwert.“

Soweit der Bürgermeister . Aber wie schätzen Gastronomie und Hotellerie, der Handel oder die Touristiker die so genannte Umwegrentabilität ein. Was bringt ihnen der Kirchentag tatsächlich? Auch ideell. Ein Überblick:

Für den Handel

Sabine Hagmann, Hauptgeschäftsführerin Handelsverband Baden-Württemberg:

„Der Kirchentag mit rund 100 000 Gästen in Stuttgart und der Region ist auch für den Einzelhandel ein großes, erfreuliches Ereignis. Inwieweit es tatsächlich zu Mehrumsätzen kommt, können wir schwer einschätzen. Punktuell wird dies aber mit Sicherheit zu spüren sein. Zum Beispiel in Supermärkten und Warenhäusern. Fakt ist aber: der Kirchentag ist ein Fest für die gesamte Region, die sich damit einmal mehr nachhaltig als gastfreundlicher und attraktiver Einkaufsstandort präsentieren kann.“

Für die Gastronomie

Daniel Ohl, Sprecher des Verbandes für Hotellerie und Gastronomie Dehoga:

„Der Kirchentag ist für uns ganz wichtig. Denn diese Woche mit einem Feiertag ist normalerweise eine der weniger guten Wochen im Jahr. Hier bleiben die Geschäftsreisenden aus. Durch den Kirchentag haben die Hotels aber eine sehr gute Auslastung. Aber auch die Gastronomen in der City freuen sich und rechnen mit guten Umsätzen.“

Für den Tourismus

Armin Dellnitz, Geschäftsführer der Stuttgart Marketing:

„Ob der Kaufkraftgewinn tatsächlich bei 20 Millionen Euro liegt, kann ich nicht sagen. Aber ich bin überzeugt davon ,dass die Region wirtschaftlich enorm profitieren wird. Wir werden in diesen Tagen eine hohe mediale Aufmerksamkeit erfahren. Wollte ich so eine Wirkung durch Kampagnen künstlich erzeugen, müsste ich viele Millionen Euro einsetzen. Und selbst dann wäre es nie so gut wie diese natürliche Form der positiven Außendarstellung.“

Für die Kirche

Søren Schwesig, evangelischer Stadtdekan: „Der Kirchentag ist aus drei Gründen wichtig. Erstens ist er ein offenes Bekenntnis der Christen, die zeigen können, was ihren Glauben ausmacht und wie sie daraus die Gesellschaft prägen wollen. Dieses Nachdenken wird auch in den Gottesdiensten und spirituellen Angeboten sichtbar. Auch Dort wird unter anderem das Spannungsfeld Ethik und Wirtschaft thematisiert. Zweitens hoffe ich, dass die Impulse, die der Kirchentag aussendet, in den Stuttgarter Gemeinden bedacht und aufgenommen werden. Drittens wünsche ich mir, dass wir Religionen in einem anderen Zusammenhang begreifen. Denn wer die Konflikte in der Welt sieht, könnte meinen, Religion sei etwas Trennendes. Auf dem Kirchentag soll klar werden, dass der Glaube Menschen verbindet. Auch im interreligiösen Dialog.“

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