Superhelden gibt es nur im Comic oder im Film, echte Familien haben keine übermenschlichen Kräfte. Ist aber auch ok. Foto: ONYXprj - stock.adobe.com

Kinder orientieren sich stark an ihren Eltern. Aber müssen sich diese deshalb immer vorbildlich verhalten?

Einen Fahrradhelm tragen, das findet der Vierjährige so richtig doof. Wozu auch? „Der Papa hat ja auch keinen auf!“ Klarer Fall, als elterliches Vorbild versagt. Weiß ja schließlich jeder, wie sehr gerade kleine Kinder ihre Eltern imitieren!

 

Nur: Warum orientiert sich das Kind nicht an der Mutter, die immer einen Helm trägt? Oder an den beiden älteren Geschwistern, bei denen das auch nie ein Thema war? Ist das mit der Vorbildfunktion vielleicht doch nicht so einfach?

Emotionale Beziehung als Schlüssel

„Wir brauchen unsere Kinder nicht zu erziehen. Sie machen uns sowieso alles nach.“ Dieser Satz, der dem deutschen Komiker Karl Valentin zugeschrieben wird, fasst die Theorie vom Lernen am Modell zusammen. Aufgestellt wurde sie in den 1970er Jahren vom kanadischen Psychologen Albert Bandura.

Ganz grob besagt es, dass Kinder Verhaltensweisen anderer Menschen – aber auch von fiktiven Helden aus Büchern oder Filmen – beobachten und diese dann so oder so ähnlich übernehmen. Das passiert vor allem dann, wenn sie eine emotionale Beziehung zu der beobachteten Person haben.

„In den ersten Lebensjahren sind die Eltern ganz automatisch die wichtigsten Vorbilder, weil die Kinder viel Zeit mit ihnen verbringen und sich noch nicht aktiv andere Vorbilder suchen können“, sagt Peter Rieker, Soziologe am Institut für Erziehungswissenschaften der Universität Zürich. Egal ob Sprache, soziale Kompetenzen oder das Wischen auf dem Smartphone – kleine Kinder lernen sehr viel durch Beobachten und nachmachen.

„Nur“ ein gutes Vorbild sein

Für Eltern macht das die Welt einerseits leichter, schließlich braucht man dafür weder Erziehungsratgeber lesen, noch viel erklären, noch in anstrengende Diskussionen mit den Kindern gehen, sondern muss nur ein gutes Vorbild sein. Andererseits ist dieses Nur-ein-gutes-Vorbild-Sein im Alltag ganz schön schwer.

Wer schon mal mit vollem Mund sein Kind ermahnt hat, beim Essen bitte nicht mit vollem Mund zu sprechen, weiß, wie wirkungsvoll das ist. Und ja, auch Eltern streiten mal und sicher nicht immer so, wie es im Lehrbuch steht. Sie gehen bei Rot über die Straße. Tragen beim Radfahren keinen Helm. Haben ständig das Handy in der Hand. Rauchen und trinken Alkohol. Machen die Kinder das alles dann früher oder später nach?

„Nein“, beruhigt Peter Rieker. „Kinder werden nicht in eine fertige Welt hineingeboren, die sie komplett imitieren. Sie gestalten die Welt auch mit. Damit sind sie dem guten Vorbild der Eltern nicht hilflos ausgeliefert.“ Kinder machen vor allem dann etwas nach, wenn sie auch verstehen, warum dies getan wird, welchen Sinn es hat und wenn ein Verhalten Erfolg versprechend scheint. Sie registrieren, wie sich eine Person nach einer Handlung fühlt und wie die Umwelt darauf reagiert.

Entdecke die Handlungsmöglichkeiten

„Und sehr früh beobachten Kinder ja nicht nur das Verhalten ihrer Eltern, sondern auch das von Geschwistern, Großeltern oder pädagogischen Fachkräften im Kindergarten“, sagt Simone Lehrl, Professorin für Elementarbildung an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Sie sehen also: Man kann mit Helm Fahrrad fahren oder ohne. Man kann ständig das Handy in der Hand haben oder es kaum benutzen. Man kann seine Schuhe mitten im Flur stehen lassen oder sie ordentlich aufräumen.

„Für Kinder entstehen so verschiedene Handlungsskripte, also Möglichkeiten, wie sie sich verhalten können“, sagt Simone Lehrl. Dadurch können sie selbst verschiedene Verhaltensweisen ausprobieren und dann die wählen, mit der sie persönlich gut zurechtkommen – was auch je nach Situation unterschiedlich sein kann.

Je älter Kinder werden, umso mehr Möglichkeiten haben sie, sich Vorbilder aus ihrer Umgebung zu suchen: in der Schule, im Verein, bei Freunden zu Hause. „Auch hier nimmt ein Kind aber nicht jeden, es braucht eine emotionale Beziehung. Kinder haben ein gutes Sensorium, wer für sie unterstützend ist, ihnen zuhört, bereit ist, in einen Austausch zu gehen“, sagt Peter Rieker.

Besonders stark kann der Einfluss von Vorbildern außerhalb des Elternhauses in den Bereichen werden, in denen die Eltern selbst für eine Lebenssituation bislang noch keine oder keine zufriedenstellende Verhaltensweise gezeigt haben. Rieker hat für eine Untersuchung neulich Jugendliche zu ihren Gründen für den Besuch in einem Jugendzentrum befragt. „Einige kommen deshalb, weil man dort immer ein offenes Ohr für sie hat. Zu Hause dagegen fehlte ihnen eine Person, mit der sie gut reden können“, sagt Peter Rieker.

Welche Werte sind wichtig?

Es lohnt sich für Eltern also durchaus, sich Gedanken darüber zu machen, welche Werte und Verhaltensweisen ihnen in der Erziehung besonders wichtig sind, und diese entsprechend vorzuleben. „Denn natürlich ist es einfacher, den Kindern zu erklären, warum sie einen Fahrradhelm tragen sollten, wenn man es selbst auch tut“, sagt Simone Lehrl. Allerdings lernen Kinder nicht nur am Modell, sondern beispielsweise auch durch Konditionierung, also über Belohnung und Bestrafung. Oder durch Interaktion. „Hier ist die Familie dann ein Verhandlungshaushalt, der diskutiert und Regeln aushandelt“, sagt Peter Rieker.

Erklärungen als Grundlage

Solche Regeln können dann für alle in der Familie gelten, etwa, dass beim Essen kein Handy auf dem Tisch liegt. Oder die Eltern machen klar, dass es bei einem Thema wie etwa den Schlafenszeiten oder beim Rauchen eben einen Unterschied zwischen Kindern und Erwachsenen gibt und dass deshalb verschiedene Rechte und Regeln gelten.

Dem Vierjährigen war bislang übrigens tatsächlich nicht wirklich klar, wozu so ein Fahrradhelm überhaupt gut sein soll. Vermutlich wurde er ihm einfach mal aufgezogen ohne große Erklärung.

Seine Geschwister haben ihm dann vom Wassermelonentest erzählt, bei dem eine Melone mal mit, mal ohne Helm auf den Boden geworfen wird. Er wollte das dann ausprobieren. Seitdem trägt er den Helm ohne Murren – und macht sich große Sorgen um Papas Kopf.

Info

Wenn Eltern rauchen
Gut durch Studien untersucht ist die Vorbildfunktion von Eltern beim Thema Rauchen. Rauchen beide Elternteile, greifen Kinder selbst dreimal häufiger zu Zigaretten als Kinder nicht rauchender Eltern.