Pfarrer Dinkel in der Johanneskirche beim Afterwork-Gottesdienst. Foto: Martin Haar

Die fusionierte Westgemeinde aus Paulus, Johannes und Paul Gerhardt realisiert gerade viele Aufbrüche, die in der Summe exemplarisch für den Stuttgarter Kirchenkreis sein könnten. Von Stadtdekan Schwesig gibt es Lob für den Ansatz.

Stuttgart - Stadtdekan Sören Schwesig hat vor einigen Jahren kräftig von seinen Mitbrüdern- und Schwestern im Kirchenkreis Stuttgart auf den Deckel bekommen. Damals meinte er, der Pfarrplan, der zu massiven Stellen-Einsparungen führt, habe auch seine guten Seiten. Denn Kirche wird so gezwungen, neu zu denken. Das neue Denken, das Schwesig fortan propagierte, lautet: Nicht jede Gemeinde muss in allem gut sein. Spezialisierung ist ein Schlagwort in dieser Konzeption. Dies führe nicht nur zu mehr Qualität in der kirchlichen Arbeit, sondern auch zu einer Schonung der Ressourcen.

Was sich in der Theorie gut anhört, wird bei jedem Meter Entfernung vom eigenen Kirchturm schnell zur Sinn- und Existenzfrage vieler Pfarrer und Gemeinden. Jeder will gerne, wie früher, alles im Portfolio haben: Kinder- und Jugendarbeit, exzellente Chöre und Musik sowie das ganze Spektrum, das Kirche ausmacht - von Diakonie bis Seelsorge. Die Frage, ob man damit auch den Nerv der Gesellschaft trifft, stellt sich bei diesem Ansatz freilich nicht. Aber genau darum geht es, wenn Kirchenleute ihre Situation (selbst-)kritisch hinterfragen: Wie schafft es Kirche, den Fall in die gesellschaftliche Bedeutungslosigkeit abzufedern oder gar zu stoppen?

Eine mögliche Antwort darauf gibt nun die Stuttgarter Westgemeinde – der Verbund von drei Kirchen: Paulus, Paul-Gebhardt und Johannes. Hinter diesen drei Gemeinden stecken vier Köpfe, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Christoph Dinkel (Johannes) und Siegfried Finkbeiner (Paulus) sowie deren Kolleginnen Sabine Löw (Paulus) und Astrid Riehle (Paul-Gerhardt). Jeder einzelne dieser Theologen hat seine besonderen Stärken und Schwerpunkte. Und wie es scheint, schaffen es die vier die jeweiligen Qualitäten im Sinne des Ganzen einzubringen.

After-Work Gottesdienst am Feuersee

Ein Beispiel, das am Donnerstagabend (17 Uhr) Schule machen soll: Pfarrer Dinkel steht ohne Talar im Chor und blickt etwas unsicher um sich. Sein Gesicht spiegelt eine Frage wider: Nehmen die Leute das Angebot an? Kommen sie, denen sonntags zu früh ist, zum so genannten Afterwork-Gottesdienst in die Johanneskirche am Feuersee? Sie kommen. 27 an der Zahl zur Premiere. Alle sind neugierig, was das Konzept „viel Musik, wenig Worte“ bietet. Musikalisch reicht das Spektrum des Virtuosen an der Orgel, Georg Ammon, von Bach bis Piazzolla. Die knackige Kurz-Predigt macht Lust auf mehr am Sonntag. Da soll das Johannes-Profil im West-Verbund noch deutlicher strahlen. Da wirft Professor Christoph Dinkel seine Klasse in die Waagschale: „Ich stehe für einen guten Gottesdienst und einen reflektierten Glauben.“ Zudem ist er der Macher und Organisator im Pfarrer-Quartett des Westens. Dinkel hat die Geschäftsführung übernommen. Auch um seine Kollegen zu entlasten. „Sie sollen Freiraum für Kreatives haben“, sagt er.

Bei diesem Stichwort fühlen sich Astrid Riehle und Sabine Löw sofort angesprochen. Beide stehen für kreative Ansätze in ihren Bereichen und Kirchen. Sabine Löw, die als dreifache Mutter, die Sprache der Kinder spricht und versteht, will die Kinderarbeit im Westen profilieren. Sei es mit einem Krabbelgottesdienst oder dem Jugendprojekt „Konfi3“. „Wir haben herausgefunden, dass Neunjährige sehr offen für Spiritualität sind“, sagt Löw, „daher bieten wir einen kleinen Konfi-Unterricht in Kleingruppen an, bei dem die Themen Taufe, Abendmahl und Kirche erlebbar werden.“ Ganz nebenbei komme sie natürlich „auch mit den Eltern, die aus meiner Generation sind in Kontakt“ und könne Beziehungen aufbauen.

Wie alles, was derzeit im Westen passiert, hat auch dieses Löw-Projekt den einen und einzigen Hintergrund: „Es geht um die Verbindung mit Menschen und darum, die Schwelle an der Kirchenpforte so niedrig wie möglich zu halten, damit alle reinkommen können“, wie es Christoph Dinkel formuliert. So kommt es nicht von ungefähr, dass das Theater der Altstadt zuletzt in den Westkirchen eine Spielstätte fand. Es geht um das Gemeinschaftserlebnis Kirche, als (H)Ort des Glaubens und des Angenommenseins.

Dazugehörigkeit contra Glaubensnorm

Dazu passt auch der Slogan „belonging before believing“ (Dazugehören kommt vor Glauben) aller Angebote in der Paul-Gerhardt-Gemeinde. Sei es beim etwas anderen Gottesdienst „Freizeichen“ mit viel Stille und Kontakt oder bei dem von Stadtdekan Schwesig gelobten Projekt „Kultur-Biotop“. Er nennt es einen „wunderbaren Ansatz, der für das Sozialwesen und das Zusammenleben im Quartier steht“. Und im Zentrum dieses Ansatzes, die Zugehörigkeit über Glaubensnormen zu stellen, steht exemplarisch Astrid Riehle. Die frühere Assistentin des Stadtdekans bildet zusammen mit Pfarrer Finkbeiner die spirituelle Herzkammer im Westen. Riehle leitet nicht nur eine Meditationsgruppe, sondern bietet auch Exerzitien an. Und Finkbeiner, ein ausgewiesener Meditations-Experte, weicht auch schon mal in den Hospitalhof aus. Er meint, dass die Sinnsucher dieser Zeit die Anonymität außerhalb der Gemeindegrenzen zu schätzen wissen.

Ansonsten hält sich Finkbeiner gerne in seinem Sprengel auf. Dort sollen seine anderen Stärken zur Geltung kommen, die er so formuliert: „Rausgehen zu den Leuten, nicht warten, bis sie in die Kirche kommen.“ Zum Beispiel mitten auf den Bismarckplatz, wo Finkbeiner montags zum Friedensgebet einlädt. „Gerade in Zeiten von Corona ist es noch wichtiger, dass wir mit den Menschen in Kontakt kommen und danach schauen, welche Bedürfnisse sie haben“, sagt Finkbeiner und ergänzt: „Ich habe gerade in der Coronazeit festgestellt, dass die Menschen spirituell suchen.“

Für Astrid Riehle geht es dabei auch darum, Kirche und Bibel ins Alltagsleben zu übertragen. Wenn man so will: Das Wort ins Fleisch bringen. Alle vier wissen, dass sich der moderne Mensch heute mit den sperrigen Sätzen in der Bibel und den Psalmen schwertut. „Das klingt oft wie eine Fremdsprache“, sagt Riehle und überlässt es ihrem Kollegen Dinkel, den Satz zu vollenden: „Das ist ein kolossales Geschäft, aber wir müssen es in der Predigt und unseren Angeboten ins Leben der Menschen bringen.“

Genau das ist es, was sich Stadtdekan Schwesig vorstellt: Ein Verbund von Gemeinden, in denen starke Profile und einzelne Kompetenzen die hohen Erwartungen der Menschen, die auf dem Markt der spirituellen Angebote eine große Auswahl haben, erfüllen können. In Dinkel den intellektuellen Feingeist, in Löw die empathische Seelsorgerin, in Riehle die soziale Kraft und in Finkbeiner den Streetworker mit spirituellem Tiefgang. Undenkbar alles in einer Gemeinde alter Prägung umzusetzen. Schwesig blickt daher mit Freude auf den Westen: Denn hier versuche man, „ins Quartier hineinzuwirken und Gemeinschaft zu erzeugen“. Übersetzt: Hier versucht man den unterschiedlichen Bedürfnissen einer diversen Gesellschaft gerecht zu werden.

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