Stefan Küpper vom Bildungswerk der Wirtschaft und Birgit Buschmann vom Wirtschaftsministerium überreichen Thomas Nehr (Mitte) die Auszeichnung Foto: privat

Fachkräftemangel? Nicht hier. In Murrhardt funktioniert, was anderswo scheitert. Was dahintersteckt – und warum andere jetzt genau hinschauen.

Der Applaus kam aus gutem Grund: Die Diakonie ambulant Gesundheitsdienste Oberes Murrtal ist im Stuttgarter Haus der Wirtschaft mit dem Award „familyNET 4.0 – moderne Unternehmenskultur“ ausgezeichnet worden – diesmal in der Kategorie Führung & Personalentwicklung. Verliehen wurde die Ehrung vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg sowie vom Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft.

 

Die Jury zeigte sich beeindruckt von einem Konzept, das weit über die reine Theorie hinausgeht: In der Pflegebranche, oft gebeutelt von Fachkräftemangel, Abwanderung und Überlastung, gelingt es dem Murrhardter Träger offenkundig, mit durchdachten Maßnahmen und echter Wertschätzung ein Arbeitsumfeld zu schaffen, das bleibt – und bindet.

Diakonie ambulant im Kurzprofil

  • Name: Diakonie ambulant Gesundheitsdienste Oberes Murrtal e.V.
  • Sitz:Murrhardt, Blumstraße 20
  • Leistungen: Ambulante Pflege, Therapie (Logo-, Ergo- & Physiotherapie), Hauswirtschaft
  • Mitarbeiterzahl: 73
  • Versorgungsgebiet: Zwischen Spiegelberg, Murrhardt, Sulzbach/Murr, Großerlach
  • Besonderheit: Pflege und Therapie aus einer Hand
  • Website: www.diakonie-ambulant.info

Moderne Führungskultur: Motivation statt Kontrolle

Wie das funktioniert, machte die Laudatorin Julia Hagel, Bereichsleiterin für Personalpolitik und Arbeitswelt beim Bildungswerk der Baden-Württembergischen Wirtschaft (BIWE), deutlich: Die Diakonie setze konsequent auf Weiterentwicklung – auf der ersten wie zweiten Führungsebene. Dabei gelte: Führung wird nicht vorausgesetzt, sondern gezielt vermittelt und gepflegt. So entstehe eine moderne, reflektierte Führungskultur, die Rückhalt gibt statt Druck, die motiviert statt kontrolliert.

Wie die Diakonie selbst mitteilt, zeigt sich der Erfolg auch in Zahlen: Während anderswo Pflegekräfte rar werden, wirbt hier das eigene Team neue Kollegen – und das aus Überzeugung. Ein Signal, das auch außerhalb der Region wahrgenommen wird.

Digitalisierung in der Pflege: Mehr Zeit für Menschen schaffen

Das jetzt ausgezeichnete Konzept ist kein einmaliger Geniestreich, sondern das Ergebnis eines jahrelangen Transformationsprozesses. Bereits 2021 hatte der Träger mit seinem Digitalisierungskonzept im gleichen Wettbewerb für Aufsehen gesorgt: Weniger Papier, mehr Zeit am Menschen – mit digitalen Dokumentationshilfen, mobiler Datenerfassung und neuen Kommunikationswegen.

Damals betonte der Geschäftsführer Thomas Nehr, dass Digitalisierung in der Pflege nicht Selbstzweck sei, sondern Werkzeug für bessere Arbeitsbedingungen. Jetzt geht der Blick weiter: Führung als lernbarer, veränderbarer Prozess – getragen von einer Haltung der Offenheit, der Fehlerfreundlichkeit und des ständigen Lernens.

„Moderne Führung als Schlüsselressource der Zukunft“

Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut unterstrich bei der Preisverleihung, wie bedeutsam solche Modelle für die Zukunft der Arbeitswelt seien: „Unternehmen wie die Diakonie ambulant zeigen, wie agil und innovativ soziale Träger heute agieren – und wie moderne Führung zur Schlüsselressource wird.“

„Unternehmen wie die Diakonie ambulant zeigen, wie agil und innovativ soziale Träger heute agieren“, sagt die Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut. Foto: IMAGO/Arnulf Hettrich

Dabei ist das Bild, das die Diakonie vom Arbeiten im sozialen Bereich zeichnet, erfrischend anders: Hier geht es nicht um bloßes Funktionieren, sondern um das Ermöglichen. Um Räume, in denen sich Menschen entwickeln können. Und um eine Organisation, die es ernst meint, wenn sie von Wertschätzung spricht.

Wandel in der Arbeit aktiv gestalten

Gelebte Fehlerkultur, flexible Arbeitszeiten, individuelle Entwicklungspfade: Der Wettbewerb familyNET 4.0 – moderne Unternehmenskultur will solche Praxisbeispiele sichtbar machen. Finanziert vom Ministerium für Wirtschaft sowie Südwestmetall und umgesetzt durch die BBQ Bildung und Berufliche Qualifizierung, prämiert er jährlich Unternehmen, die den Wandel der Arbeitswelt nicht aussitzen, sondern aktiv gestalten.

Dass darunter mit der Diakonie ambulant ein Pflegedienst aus dem ländlichen Raum zu den Siegern zählt, ist mehr als Symbolik. Es ist ein Weckruf: Gute Arbeit beginnt mit guter Führung. Und Pflege verdient genau das.

In Murrhardt, wo die Diakonie ihre Zentrale hat, weiß man längst: Pflegekräfte brauchen nicht nur Applaus – sie brauchen Strukturen, Entwicklungsperspektiven und ein Team, das trägt. Die erneute Auszeichnung bestätigt, was sich im Alltag zeigt: Zukunftsfähige Pflege beginnt im Kopf. Und endet nicht bei der Personalakte, sondern beim Menschen.

familyNET 4.0

Wettbewerb
Der landesweite Wettbewerb familyNET 4.0 – Unternehmenskultur in einer digitalen Arbeitswelt wird vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Tourismus Baden-Württemberg gemeinsam mit dem Arbeitgeberverband Südwestmetall veranstaltet. Ziel ist es, Unternehmen auszuzeichnen, die moderne, lebensphasenorientierte und zukunftsfähige Unternehmenskulturen entwickeln.

Preisträger
Neben der Diakonie ambulant zählen in der Kategorie Führung, Personalentwicklung und Diversität auch die Kreissparkasse Waiblingen BW Papersystems Stuttgart GmbH aus Nürtingen zu den Gewinner-Unternehmen.