Der Organisator im offensiven Bereich: Ilkay Gündogan im Trikot der Nationalmannschaft Foto: dpa/Tom Weller

Der Kapitän sucht vor der Heim-EM noch seinen Platz im neuen System des Bundestrainers – das hat auch mit Toni Kroos’ Rückkehr zu tun.

Dirk Rotenberg hält Ilkay Gündogan für einen exzellenten Repräsentanten seines Landes. Das hat der deutsche Generalkonsul aus Barcelona erst kürzlich bei einem Treffen betont. Der Diplomat schätzt den Fußballprofi für seine Höflichkeit, seine Persönlichkeit und natürlich sein Spiel. Auf Anhieb hat der 33-Jährige beim FC Barcelona eine Führungsrolle eingenommen, das Geschehen geprägt und gleichzeitig die Farben Schwarz-Rot-Gold in Spanien vertreten. Wie schon zuvor über Jahre bei Manchester City, wo der Mittelfeldspieler mit den feinen Füßen als kreativer Kopf des englischen Starensembles agierte.

 

Nur in der Nationalmannschaft hinterlässt Gündogan bislang keine großen Spuren, obwohl ihn alle für sein ausgleichendes Naturell außerhalb des Platzes und seine außergewöhnlichen Fähigkeiten auf dem Feld loben. Wie ein Suchender im neuen System des Bundestrainers wirkt der Kapitän aktuell. Das belegen zuletzt die Leistungen in der Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in den überzeugenden Testspielen gegen Frankreich (2:0) und die Niederlande (2:1) im vergangenen März sowie die mäßigen nun unmittelbar vor der Heim-EM gegen die Ukraine (0:0) und Griechenland (2:1).

Die Kritik verstummt nicht

Jedes Mal hat Gündogan die Mannschaft angeführt, jedes Mal wurde er ausgewechselt – begleitet von einem Murren. Bis zum Eröffnungsspiel der Euro 2024 am Freitag (21 Uhr/ZDF) in München gegen Schottland wird die Kritik nicht verstummen. Denn der Techniker ist nicht so sehr in das Spiel einbezogen, wie er es von seinen Clubs her kennt. Das zeigen auch Statistiken aus dem Frühjahr. Gündogan spielt im DFB-Team weniger Pässe als bei Barça (45 statt 60 Pässe durchschnittlich pro Partie), und er wird weniger angespielt (zehn Pässe weniger im Schnitt).

Das hat viel mit Toni Kroos’ Rückkehr in den DFB-Kosmos zu tun. Julian Nagelsmann hat seine Formation um den königlichen Sechser von Real Madrid gebaut. Um den 34-Jährigen kreisen die Aktionen. Gündogan musste eine Position nach vorne rücken, als Verbindungsspieler in doppelter Hinsicht. Zum einen gibt er den Organisator zwischen Florian Wirtz und Jamal Musiala, zum anderen bildet er das Scharnier zu Mittelstürmer Kai Havertz.

„Ich bin schon immer ein Spieler, der mehr auf die anderen schaut“, sagt Gündogan in Herzogenaurach über sein Selbstverständnis. Er ist derjenige, der die anderen besser macht, sie glänzen lässt. Das gilt nun vor allem für Wirtz und Musiala. Gündogans Positionierung im offensiven Bereich soll den jungen Freigeistern Sicherheit und Struktur geben, ohne dass das Spiel bei Ballverlust an Stabilität verliert. „Unsere Aufgabe ist es, die besten Bedingungen für die Jungs zu schaffen. Sie sollen den Raum haben, um kreativ sein zu können und um Fehler machen zu dürfen“, sagt Gündogan.

Gemeinsam mit dem aus Greifswald stammenden Kroos bildet der gebürtige Gelsenkirchener das Herzstück des deutschen Spiels. Sie bestimmen den Rhythmus – mit ihrer Erfahrung, ihrer Ballsicherheit, ihrer Spielintelligenz. „Wenn es ein Problem gibt, bin ich da. Wenn es Zweifel mit dem Ball gibt, gib ihn mir. Es ist alles gut“, beschreibt Kroos seine Art, die Mitspieler zu führen.

Seite an Seite mit Gündogan geht es in der Zentrale jedoch nicht, wie in der Vergangenheit zu erleben war. Hintereinander sieht Kroos nach seinem Comeback kein Problem: „Ilkay muss nicht gecoacht werden. Er weiß sehr genau, was zu tun ist. Grundsätzlich ist die Aufgabenaufteilung so, dass man auf der hinteren Position mehr Einfluss auf das Spielgeschehen nimmt. Vorne hat man weniger Aktionen, aber dafür entscheidendere Richtung Tor.“

Ist Leroy Sané eine Alternative?

Doch kam der Ball zuletzt zu Gündogan, stockten die Angriffe immer wieder. Auch eine Frage der Frische. „Ehrlich gesagt, war es in Spanien eine der härtesten Spielzeiten, die ich bisher hatte“, sagt der Mittelfeldspieler, „das glaubt man nicht nach sieben Jahren in der Premier League, aber wir hatten bei Barça nicht so viele Rotationsmöglichkeiten.“

Der DFB-Kader bietet dagegen reichlich Möglichkeiten. So kommt die Frage auf, ob der Kapitän in der Zehnerrolle überhaupt in die Startelf gehöre – oder Nagelsmann nicht eher einen Platz für den schnellen Leroy Sané schaffen sollte? Gündogan kennt solche Diskussionen. Sie nehmen ihm nicht die Ruhe. Zumal er in seiner Karriere nicht nur Triumphe gefeiert hat, sondern anfangs große Turniere und dadurch den Gewinn des WM-Titels 2014 verletzungsbedingt verpasste. Zehn Jahre später soll es bei der Heim-EM anders laufen – mit Kroos. Dafür benötigen die Taktgeber der leisen Töne keine besondere Kommunikation untereinander. Sie wollen ab Freitag ihre Füße sprechen lassen.