Am Mittwoch beginnt der Prozess gegen den Geländewagen-Fahrer. Wie erleben Menschen den Fußgänger-Übergang am Olgaeck ein Jahr nach dem tödlichen Unfall?
Die farbigen Rosen sind am Verwelken. Damit sie möglichst lange frisch bleiben, hat jemand ihre Stiele in Alufolie gewickelt. Der Blumenstrauß liegt am Rand des Grasstreifens an der Olgaeck-Kreuzung. Fast will man ihn schützen, damit er nicht achtlos zertreten wird. Es ist Tag sechs nach dem Jahrestag des fürchterlichen Unfalls am Stuttgarter Olgaeck.
Zum Jahrestag des Unfalls wieder Blumen am Olgaeck
Am 20. Mai wird vor dem Amtsgericht Stuttgart gegen den Unfallfahrer wegen fahrlässiger Tötung, fahrlässiger Körperverletzung und fahrlässiger Gefährdung des Straßenverkehrs verhandelt. Es ist ein Verhandlungstag vorgesehen. Der Angeklagte war am 2. Mai 2025 mit einem schweren Mercedes der G-Klasse in eine Gruppe an einer Fußgängerfurt Wartender am Olgaeck gefahren. Eine Frau überlebte den Unfall nicht, acht weitere Menschen, darunter auch Kinder, wurden zum Teil schwer verletzt. Zum Jahrestag ist das Gedenken am Unfallort wieder aufgeflammt und durch die Blumen für ein paar Tage auch wieder deutlich sichtbar.
Das Ewigkeitslicht mit dem Sonnenblumenaufdruck, das neben den Rosen steht, ist allerdings längst erloschen. In den Wochen und Monaten nach dem tödlichen Unfall lagen an der Stelle viele Blumen, manchmal im Topf oder in improvisierten Vasen. Sie wurden immer wieder erneuert. Bis es immer weniger wurden und die Geste des Gedenkens im Spätsommer ganz abebbte.
Erinnert sich heute noch jemand der Passanten an den tödlichen Unfall? Hat sich das Sicherheitsgefühl der Menschen verändert, die hier täglich vorbeikommen? Jeder der befragten Vorbeikommenden weiß, was hier geschehen ist. Ja, klar, wisse sie, was hier geschehen sei. Der Unfall, sagt eine Frau um die 50. Sie zuckt mit den Schultern. Offenbar ahnt sie, dass ihr Vorsatz, gut auf sich aufzupassen, sie nur bedingt schützt, wenn ein Auto auf den Gehweg rast.
Olgaeck – nicht die einzige unsichere Stelle für Fußgänger in Stuttgart
Eine Mutter, die ihren vielleicht fünf Jahre alten Sohn an der Hand über den Zebrastreifen führt, sagt: „Ich habe mich schon vorher hier nicht sicher gefühlt.“ Sie versuche, immer oben zu stehen. Sie meint den erhöhten Bahnsteig der Stadtbahn-Haltestelle Olgaeck. Aber der Übergang hier sei nicht der einzige unsichere Ort für Fußgänger in Stuttgart. Sie nennt den Übergang am Milaneo, wo sich morgens der Verkehr staut und die Autos auf dem Zebrastreifen stehen.
Ein alter Mann mit Rollator, auch er erinnert sich, sagt, dass er Angst vor den „gelben Dingern“ habe und deutet mit dem Kopf in Richtung Straßenbahn. Mit dem Rollator müsse er aufpassen, dass seine Räder immer im 90-Grad-Winkel zu den Schienen stünden. Er macht es vor. In der Tat müssen Fußgänger hier auf fünf Stadtbahnlinien achten, die hier stadtein- und stadtauswärts den Weg über die Charlottenstraße kreuzen. Zusätzlich zu den Autos.
Jeder angesprochene Fußgänger weiß um Unfall am Olgaeck
Jeder oder jede der zufällig Angesprochenen weiß um den Unfall. Eine Frau, die kurz danach ihre neue Arbeitsstelle in der Nähe angetreten hat, erinnert sich an die Blumenberge. Doch es sei für sie nie eine Option gewesen, wegen des Unfalls einen Umweg zu einer anderen Haltestelle zu laufen. „Es kann einem jederzeit ein Dachziegel auf den Kopf fallen“, sagt sie nachdenklich. Und meint es nicht zynisch.
Zwei junge, Englisch sprechende Männer bleiben kurz stehen. Ja, klar, erinnern sie sich. Sie sind auf dem Weg zur Arbeit. Auch sie kreuzen hier regelmäßig die Kreuzung. Am Anfang hätten sie an dieser Stelle schon so etwas wie Furcht empfunden. Das sei jetzt vorbei. Geblieben sei ein Gefühl der Awareness, das Gefühl also, an diesem Ort auf sich aufzupassen. Dann müssen sie weiter. Sie sind in Eile. Wie viele hier. Das Olgaeck ist ein Umschlagplatz für Menschen, die von einer Straßenseite auf die andere wollen, die Straßenbahn nutzen oder noch den Anschluss an den Bus, der hier auch abfährt, erreichen wollen.
Stadt prüft Verkehrssituation nach tödlichem Unfall am Olgaeck
Die Stadt Stuttgart hat in Folge des Unfalls für den Bereich Olgaeck eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 30 Stundenkilometern eingeführt. Wohl wissend, dass der Unfall nach bisherigem Kenntnisstand nicht Folge zu schnellen Fahrens war. Nach Auskunft eines Sprechers der Stadt warte man noch auf die Analyse eines externen Ingenieurbüros, das im Rahmen eines Sicherheitsaudits die Verkehrssituation untersucht. Darin sollen die Verkehrsführung, die Sichtbeziehungen und „Konfliktpunkte zwischen verschiedenen Verkehrsarten“ untersucht werden. Sprich, wie sich die Wege von Fußgängern, Stadtbahnen, Bussen und Autofahrern am Olgaeck kreuzen. Im Fokus steht laut Stadtsprecher die Frage, wie sich die Verkehrssituation dort verbessern lasse.