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Die baden-württembergischen Grünen suchen den Kontakt zur Wirtschaft und sind willkommen.

Stuttgart/Göppingen - Die baden-württembergischen Grünen suchen verstärkt den Kontakt zur Wirtschaft. Und die Unternehmen im Land, die Technologieführer zumal, öffnen bereitwillig ihre Türen. Die alten Feindbilder werden vor der Landtagswahl mit atemberaubendem Tempo entsorgt.

Winfried Kretschmann kann sich noch gut erinnern. Als der Fraktionschef der Landtags-Grünen zur letzten Landtagswahl bei einer Fernsehrunde mit den Spitzenkandidaten auftrat, rief aus dem Publikum der Chef eines der größten Mittelständler im Land: "Was will der hier? Der kann gehen." So etwas verletzt. Das steckt auch ein Politprofi nicht ohne weiteres weg.

Heute muss der Grünen-Chef mit so einer Reaktion kaum mehr rechnen. Daran haben Kretschmann und seine Mitstreiter gearbeitet. Sie sind landauf, landab in die Unternehmen gegangen. Hat sie anfangs nur der Umweltschutz-Beauftragte einer Firma empfangen, tauscht sich heute der Vorstand mit ihnen aus. Abgewiesen werden sie nur noch selten. Dabei helfen nicht zuletzt die steigenden Umfragewerte der Grünen, Türen zu öffnen. "Mancher hat vielleicht im Hinterkopf, dass ein unbekannter Grünen-Abgeordneter über kurz oder lang ein potenzieller Staatssekretär sein könnte", sagt Eugen Schlachter, finanzpolitischer Sprecher seiner Partei.

Neuerdings passiert es sogar, dass sich die Führungsspitze eines Unternehmens für die Mitarbeiterzeitung mit den Grünen-Politikern ablichten lässt. So zuletzt bei Schuler, dem Weltmarktführer für Pressen in Göppingen. Wenn der Ministerpräsident zur Schuler AG nach Göppingen gekommen wäre, hätte der Empfang nicht freundlicher ausfallen können, meint hinterher ein Teilnehmer in kleiner Runde in Richtung der Grünen-Delegation, die, angeführt von Kretschmann, das High-Tech-Unternehmen eben mehrere Stunden besucht hat. Auch daran wird deutlich: Die Grünen sind in der Wirtschaft angekommen.

Kretschmann hört aufmerksam zu

Das Interesse an einem Meinungsaustausch geht nicht nur von der Ökopartei aus, wie die Begegnung bei Schuler deutlich zeigt. Vorstandsmitglied Joachim Beyer, der, wie er sagt, selten die Chance hat, mit Politikern zu reden, nutzt ausgiebig die Gelegenheit, all das loszuwerden, was sein Unternehmen seit längerem drückt.

Und Kretschmann hört aufmerksam zu. In der ehemaligen Bibliothek, wo sich sonst die Führungsspitze trifft, beim gemeinsamen Mittagessen oder beim Rundgang durch die Produktionshallen. "Wir wollen authentisch wissen, was unsere Betriebe umtreibt", sagt der Fraktionschef.

Schnell wird klar: Die Schnittmenge gemeinsamer Interessen zwischen dem mittelständischen Unternehmen und der Ökopartei ist groß. Der Technologieführer, der über 5000 Mitarbeiter weltweit beschäftigt, verlangt geradezu nach ambitionierteren Umweltstandards für seine Produkte und fühlt sich von der Landesregierung nicht ausreichend unterstützt.

Ein Beispiel verdeutlicht das. Derzeit ist Schuler dabei, für BMW das modernste Presswerk der Welt zu bauen. Andere Autohersteller, erklärt Beyer seinem Besuch, ziehen Billig-Presswerke aus Osteuropa vor. Den Grünen legt der Manager deshalb unverblümt ans Herz: "Fordern Sie die Industrie heraus!" Die Ökopartei, so sein Anliegen, soll sich für strengere Umweltnormen starkmachen. Nur dann könne sich technologischer Fortschritt gegen Billiganbieter durchsetzen. "Wir fürchten solche Vorgaben nicht, denn wir haben das Know-how", sagt Beyer.

Richtig in Fahrt kommt das Vorstandsmitglied beim Thema erneuerbare Energien. "Wenn wir den Anteil umweltfreundlicher Energien auf 20 Prozent steigern wollen, kommen wir um das Thema Windkraft nicht herum", betont Beyer und legt nach. Er kenne Gemeinden im Land, erzählt er in der Runde, die seien erzkonservativ. Diese Gemeinden wollen ihren Strom selbst erzeugen und würden gern eine Windanlage aufstellen, bekommen aber für den Standort keine Genehmigung. Bedenken der CDU, die die Landschaft vor einer "Verspargelung" bewahren möchte, wischt er beiseite. "Konservativ ist nicht das, was die CDU heute meint", sagt Beyer ganz offen.

Neuerdings entwickelt das Göppinger Unternehmen auch Windenergieanlagen

Sein Engagement für umweltfreundliche Energien hat einen ökonomischen Hintergrund: Neuerdings entwickelt das Göppinger Unternehmen auch Windenergieanlagen. Zwar gibt es bereits über 100 Betriebe im Land, die Komponenten für diese modernen Windmühlen bauen. Schuler ist jedoch der erste Komplettanbieter in Baden-Württemberg. Mit Müh und Not, so die Klage der Unternehmensleitung, wurde für den Prototyp der Windenergieanlage ein Standort in Stötten (Geislingen) gefunden. Sechs weitere Windanlagen, eine sogenannte Nullserie, sollen ab nächstem Jahr produziert werden. Doch für diese sechs Windräder erhält Schuler selbst nach etlichen Kontakten mit dem Wirtschaftsministerium keinen Standort in Baden-Württemberg genehmigt.

"Wir entwickeln diese hochmodernen Anlagen, und dann können wir sie nicht auf unserem Heimatmarkt aufstellen", sagt Beyer verständnislos. Für einen Mittelständler wie sie, der in den Markt für Windanlagen erst einsteige, sei der Heimatmarkt noch bedeutender als für Mercedes. Die Genehmigung scheitert unter anderem an der Höhe solcher Anlagen von über 100 Metern. Doch gerade für Schwachwindgebiete wie Baden-Württemberg seien Türme in dieser Höhe, wie Schuler sie bauen wolle, erst wirtschaftlich.

Der Dialog mit den Firmen ist nach und nach in Gang gekommen. 2007 ist Daimler-Entwicklungsvorstand Thomas Weber als Gastredner auf dem Kleinen Parteitag der Grünenaufgetreten. Seither trifft man sich einmal pro Jahr abseits der Öffentlichkeit und tauscht sich aus. Stihl, Bosch, EBM Pabst oder Eberspächer - auch bei anderen namhaften Firmen haben sich Türen für die Grünen geöffnet. Vielfach werden sie ermutigt, auf ehrgeizigen Umweltnormen zu bestehen. Unabhängig davon, ob es sich um Abgaswerte, Lärmschutz oder energieeffiziente Produktion dreht: Durch ihren technologischen Vorsprung können die baden-württembergischen Unternehmen früh anbieten, was die Normen erfüllt. Darin liegt ein Wettbewerbsvorteil.

Zurück zum Ortstermin in Göppingen. Die Erwartungen an die Grünen-Abgeordneten sind groß. Franz Untersteller, energiepolitischer Sprecher seiner Fraktion, sieht sich gar veranlasst, darauf hinzuweisen, dass die Grünen in der Opposition sind. Doch er sagt zu, einen Vorstoß zu unternehmen, damit Schuler-Windanlagen eine Chance im heimatlichen Umfeld erhalten: "Ich kann nicht zugucken, dass die Windräder überall aufgebaut werden, nur nicht hier."

Fraktionschef Kretschmann erhält zum Abschied eine Windanlage im Kleinformat. Für den Grünen-Fraktionschef scheinen die Anfeindungen früherer Zeiten aus den Reihen der Wirtschaft vergessen. Schuler-Vorstandsmitglied Beyer begrüßt während des Besuchs durchaus die hohen Umfragewerte der Grünen. "Demokratie lebt vom Wettbewerb", sagt er. Wenn Demokratie funktioniere, müsse auch mal eine Regierung abgewählt werden. Der Vorstand fügt noch hinzu: "Das muss doch möglich sein, ohne deshalb gleich ein Kommunist oder Neonazi zu sein. Die politische Erneuerung ist wichtig in einer Demokratie."

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