Im Littmannbau soll im Mai kommenden Jahres die Oper „Atatürk- Die Legende von Mustafa Kemal“ uraufgeführt werden. Doch schon heute gibt es Diskussionen. Foto: Max Kovalenko

Eine kurdische Aktivistin spricht von einer Zuspitzung in den sozialen Medien. Die Staatsoper weist Vorwürfe mangelhafter Kommunikation zurück. Der Staatsschutz ist informiert.

Noch bevor die Oper „Atatürk – Die Legende von Mustafa Kemal“ im Mai kommenden Jahres an der Stuttgarter Staatsoper zur Uraufführung kommt, sorgt das Projekt für kontroverse Debatten und scharfe Reaktionen in sozialen Medien. Im Zentrum der Auseinandersetzung steht die Frage, wie die historische Figur Mustafa Kemal Atatürk in der geplanten kulturellen Produktion dargestellt werden soll. Während die Oper auf eine vielschichtige Auseinandersetzung mit dem Staatsgründer verweist, äußern Kritiker aus dem politischen und aktivistischen Umfeld Sorgen über mögliche Gewalt und Verfolgung im Vorfeld.

 

Die Aktivistin und Sozialarbeiterin Avra Emin aus Stuttgart kritisiert insbesondere die öffentliche Kommunikation rund um die Opernproduktion. Diese habe „den Boden für nationalistische und rechtsextreme Reaktionen bereitet“, heißt es in einer Stellungnahme, die unserer Redaktion vorliegt.

Sie spricht von einer zunehmenden Eskalation in den sozialen Netzwerken der Staatsoper. Dort seien beleidigende Inhalte, Drohungen und auch extremistische Symbolik der türkisch-ultranationalistischen „Grauen Wölfe“ verbreitet worden. Entsprechende Screenshots, die unserer Zeitung vorliegen, seien an das Landesamt für Verfassungsschutz weitergeleitet worden.

Aktivistin: Es wird eine „akute Gefährdungslage“ erzeugt

Die Aktivistin ist überzeugt, dass eine „heroisierende und unkritische Inszenierung und deren Vermarktung“ für schutzbedürftige Minderheiten wie Kurden, Armenier oder Aleviten eine akute Gefährdungslage heraufbeschwört habe. Sie hat sich deshalb mit einer Gefährdungsanzeige sowie einer Dienstaufsichtsbehörde an das baden-württembergische Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst gewandt.

Auch aus der Türkei gibt es Kritik. Die nicht im Parlament vertretene ultranationalistische Partei „Zafer Partisi“ warf der Oper auf der Plattform X vor, die Geschichte der türkischen Republik und von Mustafa Kemal Atatürk verzerrt darzustellen. Insbesondere die Begriffe „Autoritarismus“ und „Nationalismus“ im Zusammenhang mit dem Libretto werden als problematisch bezeichnet. Die Partei kündigte an, rechtliche wie politische Schritte zu prüfen.

Staatsoper weist Vorwürfe zurück

Die Staatsoper weist den Vorwurf des Kommunikationsversagens zurück. Man habe die Intensität unterschätzt und den Zeitpunkt der Reaktion auf die Ankündigung einer Oper, die erst in Entstehung begriffen ist. Die Social-Media-Kanäle würden nun eng moderiert, problematische Inhalte konsequent gelöscht und gegebenenfalls gemeldet. Man stehe im Austausch mit Sicherheitsbehörden, nachdem Hinweise auf koordinierte Online-Kampagnen eingegangen seien.

Mustafa Kemal Atatürk – eine umstrittene historische Persönlichkeit Foto: akg-images

Avra Emins macht ihre Kritik insbesondere an dem Begriff „Legende“ fest.  Die Staatsoper verspricht dagegen, der Begriff werde „weniger einer blinden Heiligenverehrung oder Glorifizierung dienen, sondern sich vielmehr mit der Legendenbildung um die historische Figur Atatürk auseinandersetzen“. Man werde eine historisch informierte Perspektive einnehmen, die Gewalt und Repression nicht ausblende.

Die zeitgenössische Produktion befinde sich in einer frühen Entwicklungsphase. Konkrete Inszenierungsdetails seien bislang nur in Grundzügen veröffentlicht worden. Ziel sei eine künstlerisch differenzierte Auseinandersetzung mit der historischen Figur Atatürks. Es heißt, „die Produktion wurde und wird weiterhin dramaturgisch und wissenschaftlich-historisch begleitet“.

Mehrstimmigkeit gehört zum Projekt

Der aus dem Libanon stammenden Komponist Bassem Akiki kündigte eine Oper an, die historische Fakten und fiktionale Elemente verbinden. Unterschiedliche Perspektiven – darunter türkische, armenische, griechische, kurdische und deutsche – sollen in die Erzählung einfließen.

Die Staatsoper betont, dass gerade die Mehrstimmigkeit der Perspektiven Teil des künstlerischen Konzepts sei. Kritiker sehen dagegen die Gefahr, dass die Darstellung politisch missverstanden oder instrumentalisiert werden könnte.

Das Wissenschaftsministerium erklärt, die Vorwürfe würden ernst genommen, eine Prüfung sei eingeleitet worden. Hasskommentare, Beleidigungen sowie mutmaßliche Gewaltandrohungen auf den Social-Media-Kanälen würden dokumentiert und gelöscht, in schweren Fällen Nutzer blockiert.

Ministerium: Hassbotschaften „niemals legitim“

Es wird zudem der hohe Stellenwert der Kunstfreiheit betont. Es sei aber abzuwägen, wo Menschenwürde oder Sicherheit betroffen seien. Hassbotschaften seien „niemals legitim“. Rechtsnationale türkische Gruppen beteiligten sich nach Angaben des Ministeriums sichtbar an der Debatte.

Zur inhaltlichen Kritik an der Oper verweist auch das Ministerium darauf, dass die Produktion noch gar nicht fertiggestellt sei. Man vertraue darauf, dass Intendant Viktor Schoner und sein Team einen angemessenen künstlerischen Umgang mit den historischen Konflikten finden.

Mustafa Kemal Atatürk gehört zu den prägendsten und zugleich umstrittensten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. Für die einen repräsentiert er Säkularisierung, Frauenrechte, Alphabetisierung und die Gründung der modernen Türkei. Für Kurdinnen wie Avra Emin ist seine Geschichte untrennbar verbunden mit Krieg, Vertreibung, Gewalt und dem Schmerz ihrer eigenen Familiengeschichte.