Das Wahrzeichen der Stadt Heidenheim: Schloss Hellenstein Foto: Stadt Heidenheim

Der 1. FC Heidenheim spielt an diesem Donnerstag gegen Werder Bremen – der Aufstieg in die erste Bundesliga wäre eine Sensation. Den Club kennen mittlerweile viele – die Stadt selbst bleibt dagegen für viele ein unbeschriebenes Blatt. Was macht sie aus?

Heidenheim - Halb Deutschland blickt an diesem Donnerstag und dem nächsten Montag auf Heidenheim – aber halb Deutschland fragt sich auch, wofür diese Stadt auf der Ostalb eigentlich steht. Ulm hat sein Münster, das benachbarte Giengen seinen Steiff-Teddy. Aber Heidenheim? Klar, die Kreisstadt an der Brenz mit 50 000 Einwohnern ist beileibe kein Dorf mehr wie Hoffenheim oder vielleicht noch Sandhausen, obwohl dies mancher Sportreporter noch immer glauben machen will. Und auch das Klischee vom Städtle auf der rauen Ostalb hat längst ausgedient; höchstens im hohen Norden, wo die Nebelhörner tönen, sorgt es noch nicht für lautes Gähnen. Aber was dann?

Der erste Eindruck ist tatsächlich eher: mausgrau. Die Fußgängerzone kann nicht mithalten mit dem Fachwerkidyll etwa eines Bad Urach, eine Bundesstraße schneidet das Zentrum in zwei Teile, manche Läden stehen leer, und die Werksgelände zweier Weltfirmen, des Technologiekonzerns Voith und des Medizinunternehmens Hartmann, bedrängen die Altstadt stark im engen Brenztal. Doch schon die schicke, wenn auch wie überall etwas sterile Shopping Mall namens Schlossarkaden könnte so auch in größeren Städten wie Reutlingen oder Ulm stehen. Und je länger man durch Heidenheim spaziert und je länger man sich mit den Menschen unterhält, um so verblüffter nimmt man die schönen Seiten dieser Stadt zur Kenntnis.

Der Schlossberg steht für die Innovationskraft der Stadt

Der Brenzpark am Fluss, 2006 zur Landesgartenschau gestaltet, ist ein hinreißend schöner englischer Garten mit lauschigem Biergarten; selbst der Stuttgarter Schlossgarten könnte sich davon mehr als nur eine Scheibe abschneiden. Die neue Stadtbibliothek, in hellen kleinen Backsteinquadern errichtet, vereint moderne Architektur mit zeitloser Schönheit. Von jeder Stelle der Stadt ist man fußläufig in zehn Minuten in der Natur, so etwa auf dem Siechenberg über dem Brenztal, wo es einen Felsen gibt, dessen Name auch die derzeitige Situation des 1. FC Heidenheim recht gut beschreibt: Irgendwo zwischen „Himmel und Hölle“ steht der Verein gerade.

Und auf dem Schlossberg, dem heimlichen Zentrum Heidenheims, ist das monumentale Schloss Hellenstein eine gelungene Symbiose eingegangen mit einem Naturtheater, einem Wildgehege, einem Viersternehotel, dem Kongresszentrum – und dem Stadion des FC Heidenheim, das zu drei Seiten von Wald umgeben liegt. Vielleicht erkennt man oben am Schlossberg am ehesten das Geheimnis der Stadt. Es lautet: Tradition und Bodenständigkeit sowie Innovation und Weltoffenheit – das sind in Heidenheim zwei Seiten einer Medaille. Daraus schlägt die Stadt Funken.

Mit Beharrlichkeit und Bodenständigkeit zu großen Zielen

Genau dies artikulieren auch die Heidenheimer selbst. René Götzenbrugger, gebürtiger Augsburger und Chef der Agentur Graustich, die auch den FC Heidenheim betreut, gefällt besonders, dass die Menschen in Heidenheim noch sehr persönlich sind. „Sie sind zielstrebig, aber weitsichtig und weltoffen“, betont er. Judith Meinert vom Café Walden im Ugental, das nur ein paar Gehminuten vom Stadion entfernt liegt, sagt: „Die Stadt Heidenheim hat noch viel Luft nach oben, aber die Umgebung und die Natur, der Wald, die Heide – das alles liebe ich sehr.“

Und das zeichnet ja auch die Kultur des 1. FC Heidenheim aus, so will der Verein draußen in Deutschland gesehen werden: als bodenständig, bescheiden, beharrlich und doch als ein Verein mit großem Ehrgeiz und großen Zielen. Der Verein hat sich aus der Sechstklassigkeit in die zweite Bundesliga hochgearbeitet und könnte jetzt sogar zur Creme der deutschen Fußballvereine vorstoßen, und doch ist ihm der Erfolg nicht zu Kopf gestiegen. Diese Erdung sei wichtig, hört man aus dem Verein immer wieder, niemand nehme sich dort wichtiger als er ist; selbst die beiden Macher des Erfolgs, der Vorstandsvorsitzende Holger Sanwald und der Trainer Frank Schmidt, verstehen sich nur als Teil eines großen Teams.

Daneben ist es die Kontinuität an vielen Stellen, die als wichtiges Element des Erfolgs genannt wird. Das gilt nicht nur für Schmidt, der seit 13 Jahre Trainer in Heidenheim ist und weiter fest im Sattel sitzt, sondern zum Beispiel auch für den Aufsichtsratsvorsitzenden Klaus Mayer, der vor ewigen Zeiten als ehrenamtlicher Kassenprüfer im Verein angefangen hat. Und das gilt auch für die Fans: Viele kennen den Ort, wo heute die Voith-Arena steht, noch aus Kinderzeiten und haben dort auf der einstigen Tartanbahn ihr Sportabzeichen gemacht. Das verbindet – im Fanshop und im Albstüble am Stadion ist auch an Tagen, an denen der FC nicht spielt, ordentlich was los.

Was der Verein für die Stadt geleistet habe, betont OB Bernhard Ilg (CDU), sei phänomenal und ein Gewinn für die gesamte Region, aber es sei auch die Frucht harter Arbeit. Er persönlich glaubt an den Aufstieg und tippt auf ein 1:1 in Bremen und ein 0:0 in Heidenheim: „Emotional wäre der Aufstieg ein historisches Ereignis und kaum in Worte zu fassen“, so Ilg.

Im Gemeinderat greift der OB mit harter Hand durch

Diese Kontinuität im Verein setzt sich übrigens in der Stadt fort. Ilg leitet das Rathaus seit 20 Jahren, und viele bescheinigen ihm, trotz manchen Fehlers im Detail, im Großen und Ganzen gute Arbeit. Wie er das macht, konnte man diese Woche bei einer Gemeinderatssitzung live bestaunen. Zunächst ließ er mit harter Hand alle Besucher aus dem Konzerthaus entfernen, sogar mit Hilfe der Polizei, weil sich einige Gäste, die zuvor draußen gegen den G 5-Mobilfunkstandard demonstriert hatten, nicht an Maskenpflicht und Abstandsgebot halten wollten. Danach führte er in sehr sachlichem und zurückhaltendem Ton die Sitzung und griff Vorschläge aus den Fraktionen mit entwaffnender Offenheit auf. Bezeichnend war übrigens, wie der OB sich später zu dem Vorfall im Gemeinderat äußerte: Er könne sich nicht vorstellen, dass diese Gäste Heidenheimer waren – so ein Verhalten kenne er von seinen Bürgern nicht.

Aber natürlich darf man Heidenheim, diese Industrie- und Naturstadt zwischen Härtsfeld und Albuch, nicht verklären. Auch dort gibt es keine stete Harmonie, weder im Fussballclub noch im Rathaus. Für frischen Wind wollen jetzt die Grünen sorgen, die im vergangenem Jahr bei der Gemeinderatswahl die meisten Stimmen erhalten haben, was für die eher schwarze Ostalb bemerkenswert ist – übrigens ebenso wie der Umstand, dass die AfD nur auf 1,1 Prozent gekommen war. Die Grünen-Fraktionsvorsitzende Anamari Filipovic will in Heidenheim jedenfalls eine neue, noch grünere Politik machen. Dazu gehöre auch, sagt sie, dass der 1. FC Heidenheim nicht mehr wie bisher bedingungslos unterstützt werden könne. Vor zwei Jahren hatte die Stadt das Stadion für zwei Millionen Euro an den Verein verkauft – wert war es 18 Millionen Euro gewesen. Man hatte die Aufwendungen, die die Stadt in den nächsten 20 Jahren für das Stadion gehabt hätte, gegengerechnet und abgezogen. „Das würde es heute nicht mehr geben“, sagt Filipovic. Und einige Bürger, wie der Digitaldesigner Daniel Demarez, sehen Heidenheim sogar mit großer Skepsis; dort würden Missgunst und Intoleranz regieren, sagt er.

Fans des 1. FC Heidenheim glauben eher nicht an Erfolg

Auch die Fans des 1. FC Heidenheim sind alles andere als unkritisch. In der Vergangenheit gab es immer wieder Konflikte mit dem Verein. Und eine kleine Umfrage vor dem Stadion führt zudem zu dem überraschenden Ergebnis, dass die allermeisten nicht an das Wunder eines Aufstiegs glauben, manche halten einen Erfolg sogar für falsch. Sonst könne, sagt ein älterer Herr, der 1. FC Heidenheim bald in der Versenkung verschwinden, wie vor ihm der SSV Ulm oder der VfR Aalen.

Zur Bodenständigkeit auf der Ostalb gehört also wohl auch, dass man immer etwas bruddelt und dass man keineswegs zu Euphorie neigt. Nur ein junger Mann, der sich gerade im Fanshop mit einem neuen Trikot eingedeckt hat, ist vorsichtig optimistisch: „Wenn wir in Bremen nicht allzu hoch verlieren, haben wir zuhause eine Chance.“ Das ist im Übrigen exakt die Taktik von Trainer Frank Schmidt. Er formulierte es in der Pressekonferenz so: „Wir brauchen in Bremen ein solches Ergebnis, dass man im Rückspiel noch an die Sensation glauben kann.“

Hehlenga, heimlich also, hoffen sicherlich aber ganz viele in Heidenheim auf das Wunder, das sich am Montag in der Voith-Arena auf dem Schlossberg ereignen soll. Vielleicht würde dann auch das unbeschriebene Blatt Heidenheim endlich in ganz Deutschland bekannt und man bekäme ein Bild vor Augen. Was stünde drauf auf dem Blatt? Auf jeden Fall die Begriffe Bodenständigkeit, Ehrgeiz – und Charakter.

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