Damals am 21. September 2008: KSC-Fanbetreuer Wolle in der blauen Vereins-Sweatjacke versucht am Zaun den Fanblock zu beruhigen. Foto: Baumann

Beim letzten Bundesliga-Gastspiel des Karlsruher SC beim VfB Stuttgart ging es hoch her. Ein KSC-Fanbetreuer erinnert sich noch lebhaft an den 21. September 2008 – aber auch die Polizei, gegen die später sogar noch die Staatsanwaltschaft ermittelte.

Stuttgart - Nein, von den Prellungen an Kopf und Schulter ist nichts mehr zu spüren. Damals war er im Getümmel hinter der Untertürkheimer Kurve von einem Polizeipferd niedergeritten worden, als die Lage nach dem Abpfiff eskalierte. Am 21. September 2008 zählte Wolfgang „Wolle“ Emmert, langjähriger Fanbetreuer des Karlsruher SC, zu jenen 23 Verletzten, die das letzte Schwaben-Baden-Derby in der Mercedes-Benz-Arena mit sich brachte.

Die Blessuren sind längst verheilt. Wolle hat inzwischen geheiratet, er heißt nicht mehr Emmert, sondern Sauer. Und auch die Geschichte von damals – vergeben und vergessen. „Das ist doch schon so lange her“, sagt er. Wolle Sauer freut sich vielmehr auf die Rückkehr der Karlsruher: „Die Stimmung ist angeheizt, und sie ist gut.“

Wie viele Karlsruher und Badener am Sonntag nach Schwaben zur Mercedes-Benz-Arena pilgern werden, kann Wolle Sauer nur schätzen. „Der KSC hat 5700 Karten gekriegt, und die sind verkauft“, sagt er. „Es ist gut möglich, dass es mehr als 5700 Fans sein werden.“ Keine Frage, bei dem Mann, der schon mehr als 30 Jahre die Fanarbeit in Karlsruhe macht, ist die Stimmung gut. Das war sie vor fast neun Jahren nicht – aber seither hat sich vieles geändert. Zwischenzeitlich war man ja wieder mal da, 2012 beim VfB II und bei den Stuttgarter Kickers auf der Waldau. Zwischenfälle bei den Blauen in Degerloch waren ausgeblieben – obwohl ein ganzer Pulk von KSC-Fans vorzeitig aus einem eskortierten Stadtbahnzug ausgestiegen und ungeplant in der Kickers-Zone gelandet war.

Alles hatte „verdammt ruhig“ begonnen

2008 aber – damals waren beide Teams noch in der Bundesliga – sah das anders aus. Mehr als 600 Beamte sorgten dafür, dass die Fans strikt getrennt blieben, ließen die Züge aus Baden nach Untertürkheim fahren, um die KSC-Anhänger vom Karl-Benz-Platz zum Stadion marschieren zu lassen. „Verdammt ruhig ist es hier“, hatte Wolle zunächst gestaunt. Als die Partie an jenem Sonntag um 17 Uhr angepfiffen wurde, bilanzierte die Polizei zwei Sachbeschädigungen, zwei festgenommene VfB-Fans wegen Schal-Raubes, zwei Festnahmen wegen Beleidigung, acht Karlsruher in Gewahrsam wegen des Abbrennens von Pyrotechnik.

Kurz vor Abpfiff startete die Randale

Das änderte sich in der 87. Spielminute. Der VfB führte 3:1, ein schwarzer Block im KSC-Lager randalierte. 200 Schalensitze wurden herausgerissen, eine Toilette wurde in Brand gesteckt. Die Fans wollten den Zaun der Sektorentrennung in der Untertürkheimer Kurve stürmen – und dort fand sich auch Wolle wieder, um die Gemüter zu beruhigen. Beim Abmarsch hinter dem Stadion, im abgegrenzten Bereich, eskalierte die Lage weiter. VfB-Rowdys provozierten mit Wurfgeschossen wie Becher, Pferdeäpfel und Fahnenstangen, die sie in den abgesperrten Bereich der Gästefans warfen..

Die Polizeireiter griffen ein. „Völlig daneben, auf engstem Raum voll in die Leute zu reiten“, schimpfte Betreuer Wolle im Getümmel – und wurde selbst von einem Pferd an Kopf und Schulter getroffen. Am Ende zählte man 23 Verletzte. Wie sich später herausstellte, hatten sich zwei der Reiter bedroht gefühlt und zum Schlagstock gegriffen. Der KSC protestierte, Polizeisprecher Stefan Keilbach relativierte damals: „Eine Überreaktion durchaus, aber der Einsatz der Reiterstaffel war generell notwendig.“

„Bisher geht nichts ins Negative“

Der Landtag beschäftigte sich mit einem womöglich „unverhältnismäßigen und brutalen Einsatz“ der Polizeireiter. Bei der Staatsanwaltschaft gingen mehrere Strafanzeigen ein. Mit dem Ergebnis: „Es hat sich kein hinreichender Tatverdacht ergeben“ – der Staatsanwalt stellte das Verfahren ein.

Ob der Sonntag wieder so verläuft wie eine Woche zuvor beim Dresdner Gastspiel? Polizeisprecher Keilbach hofft, dass das Konzept mit diesmal weit über 1000 Polizisten erneut funktioniert. Auch KSC-Fanbetreuer Wolle Sauer weiß, dass es viel zu tun gibt. Beide Mannschaften müssen gewinnen, da steigt der Stress. „Wir fiebern diesem Spiel entgegen“, sagt er, „und bisher geht nichts ins Negative.“

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