Im freien Fall: Niklas Schmidt (re.) und der SV Werder Foto: dpa/Carmen Jaspersen

Die Stimmung beim großen SV Werder Bremen ist nach dem Abstieg aus der ersten Liga schon wieder im Keller. Vor dem Spiel beim KSC ist Werder am Tiefpunkt. Woran liegt das?

Stuttgart/Bremen - Werder Bremen und seine Fans, das war bis vor Kurzem eine Verbindung, die so fest war wie der Beton der legendären vier schrägen und zumindest in der Längsrichtung riesigen Flutlichtmasten am legendären Stadion, an dem vorbei die Weser einen Bogen macht. Und wohin die legendären Flutlichtmasten seit je den Weg weisen – und es am schönsten tun, wenn sie bei einem Abendspiel von Weitem leuchten. Jedenfalls: Wenn auch in der jüngeren Vergangenheit sportlich kaum mehr etwas im Fluss war beim ruhmreichen SV Werder, der immer mal wieder unten reinrutschte in der Bundesliga, eines war gewiss: Die vier Masten stehen – und die grün-weiße Gemeinde steht zusammen. Komme, was wolle. Komme, wer wolle.

 

Jetzt, am vergangenen Sonntag, sangen die Fans unter ihren vier Masten einen alten Gassenhauer, aber sie sangen ihn nicht freudetrunken, sondern voller Häme und Zynismus. „Oh wie ist das schön“ – so hallte es durchs Weserstadion. Es stand 1:4 gegen den SC Paderborn, am dritten Spieltag in Liga zwei. Grün-Weiß sieht schwarz: Es war zappenduster am hellen Sonntagmittag. Jetzt geht es an diesem Samstag zum Karlsruher SC (13.30 Uhr) – und die Stimmung in der Bremer Reisegruppe könnte dunkler nicht sein.

Denn es gab ja beim vergangenen Heimspiel nicht nur diese zynischen Gesänge, es gab auch noch wütende Rufe. „Baumann raus“ – auch das hallte durchs Weserstadion, was zeigt, dass zumindest der Anhang seinen Schuldigen der Misere gefunden hat. Es ist der frühere Werder-Kapitän und heutige Sport-Geschäftsführer Frank Baumann.

Das Gesicht der Misere

Erst der Abstieg, dann das Erstrunden-Aus im DFB-Pokal, jetzt die deftige Pleite gegen Paderborn – es rumort an der sonst eher beschaulichen Weser. Und Baumann ist das Gesicht der Misere. „Die Fans sollen ruhig ‚Baumann raus‘ rufen, dann bin ich eben der Sündenbock“, sagte er selbst hinterher und erklärte dann zum wiederholten Male, dass für richtig gute neue Spieler kein Geld da sei: „Ich stelle meine persönliche Reputation nicht über das wirtschaftliche Wohl des Vereins.“

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Darum geht es ja bei Werder und bei Baumann speziell, und das ist der Punkt, der die Fans wütend macht: Schon länger können sie seine Erklärungen für Fehleinkäufe und einen zu hohen Kostenapparat nicht mehr hören – immer wieder hatte Baumann, auch in der vergangenen Abstiegssaison, betont, dass Werder kaum finanziellen Spielraum für Neuverpflichtungen habe und der Markt daher wenig bis nichts biete. Auf welchem Markt sich dann allerdings Clubs wie der FC Augsburg, der SC Freiburg, Union Berlin oder auch der FSV Mainz regelmäßig bedienen, diese Frage stellt sich die Anhängerschaft nun schon seit geraumer Zeit an der Weser.

Der große Ausverkauf

Jetzt, in Liga zwei, ist der Fall klar: Insgesamt 30 Millionen Euro an Transferüberschüssen hat sich Werder bis spätestens Sommer 2022 zum Ziel gesetzt, was eine Grundvoraussetzung dafür ist, um das große Finanzloch, das der Abstieg und Corona in die Vereinskassen gerissen haben, füllen zu können. Der Ausverkauf nach dem Abstieg war also die logische Folge. Werder verlor im Sommer Profis wie Yuya Osako, Milot Rashica, Josh Sargent, Ludwig Augustinsson, Davie Selke oder Theodor Gebre Selassie, jetzt kam in Maximilian Eggestein eine weitere Säule hinzu.

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All diese Verkäufe brachten nun mehr als 30 Millionen Euro an Einnahmen – Werder aber bleibt klamm. Denn bei einem coronabedingten Minus von 40 Millionen Euro bleibt auch jetzt kaum Geld für neue Profis, weshalb der aktuelle Kader kaum aufstiegstauglich ist. Und so entwickelt sich der große SV Werder Bremen in diesen ersten Zweitligawochen mehr und mehr zum großen, neuen Sorgenkind des deutschen Fußballs. Lange war das ja zuletzt der ehemalige Dino Hamburger SV, es folgte in der vergangenen Runde der irrwitzige FC Schalke 04 – der nun aber einen Zweitligakader hat, der schlüssiger zusammengestellt und konkurrenzfähiger ist als jener der Bremer. Auch, weil der Schalker Abstieg im Grunde im Winter feststand und es daher für Liga zwei Planungssicherheit gab.

Bode tritt ab

Die wiederum scheint es für Baumann in Bremen wohl eher nicht mehr zu geben. Denn ob der Geschäftsführer noch lange im Amt ist, das ist fraglich. Für den 5. September ist die mehrmals verschobene Mitgliederversammlung geplant. Dann wird ein neuer Aufsichtsrat gewählt, und der große Baumann-Befürworter, der Ex-Nationalspieler Marco Bode, tritt dann nicht wieder an. Er ist damit bislang der einzige Hauptverantwortliche, der selbst die Konsequenzen aus dem sportlichen Niedergang Werders gezogen hat.