Die dunkle Kleidung ist eines seiner Markenzeichen. Außerdem ist Diego Simeone für seinen Glauben ans Schicksal bekannt: Bei Transfers von Spielern bezieht er auch Sternzeichen mit ein. Foto: AP

Im Finale der Champions League an diesem Samstag trifft Atlético Madrid auf den Stadtnachbarn Real Madrid. Atlético-Trainer Diego Simeone sieht das Spiel als „neue Chance“. Ein Porträt.

Madrid - Endlich Revanche. Wie müssen die Spieler von Atlético Madrid diesen Samstagabend herbeigesehnt haben? Die Gelegenheit, den Fluch zu heilen. Das Werk zu vollenden, die Wunde zu schließen. Zwei Jahre nach der dramatischen Finalniederlage gegen den Stadtnachbarn Real. Zwei Jahre der Trauer, zwei Jahre des Spotts. Sie hatten die Rechnung ohne ihren Trainer gemacht. „Im Leben gibt es keine Revanche, nur neue Chancen“, sagte Diego Pablo Simeone. Der Begriff Revanche, der die weltweite Berichterstattung vor dem Wiedersehen der Vereine im Champions-League-Endspiel dominiert – bei Atlético war es die ganze Woche nicht zu hören. Nicht von den Spielern, nicht von den Funktionären, nicht einmal von den Altvorderen oder Vereinskolumnisten.

Simeones Wort ist Gesetz bei Atlético, und die Liste seiner Weisheiten lässt sich fortsetzen. „Spiel für Spiel“ – „Der Einsatzwille ist unverhandelbar“ – „Manchmal gewinnt nicht der Bessere, sondern der Überzeugtere“. Seit viereinhalb Jahren trainiert der 46-Jährige in Madrid, und viele seiner Phrasen sind in die spanische Sprache eingegangen. So selbstverständlich, dass viele Menschen sie benutzen, ohne überhaupt noch zu wissen, woher sie kommen.

Selbst Guardialo oder Mourinho verblassen neben dem Gesamtkunstwerk Simeone

Man könnte sie als Binsen abtun und ihre rituelle Beschwörung als eine Art Kicker-Voodoo. Wenn Simeone nicht so unverschämt erfolgreich wäre. Wenn er nicht schon wieder diese Mannschaft ins Europapokalfinale geführt hätte, die vom Etat her nicht mal unter die Top Ten gehört. Und wenn das nicht so offenkundig damit zu tun hätte, dass alle „eingereiht“ sind, wie Simeone das nennt. Spieler, Fans, Medien: eingereiht hinter der wirkungsmächtigsten Trainerfigur seiner Zeit, einem stets dunkel gekleideten Mann, der zuerst Erlöser war und jetzt Caudillo ist. Als er kam, hatte der Verein seit 14 Jahren nicht mehr gegen Real gewonnen. Seitdem ist die Bilanz mit je sieben Siegen ausgeglichen. Als Simeone kam, betrug der Umsatz des Vereins rund 100 Millionen Euro. Am Ende dieser Saison werden es rund 300 Millionen sein.

Selbst Branchenstars wie Pep Guardiola oder José Mourinho verblassen neben dem Gesamtkunstwerk des Argentiniers. Wie ein Dirigent steuert er am Seitenrand seine Spieler und sogar das Publikum. So wie er nur einmal das Wort Revanche auf den Index setzen muss, und keiner benutzt es mehr, so wird auch jede seiner Gesten intuitiv verstanden. Am Samstag könnte er in der Fußball-Oper von Mailand sein Trai­ner­opus krönen. Seine Elf hat mit Barcelona und Bayern München die Topfavoriten eliminiert. Real Madrid verfügt über die besseren Einzelspieler, aber nicht die gleiche Verve. Trainiert wird Real von Zinédine Zidane, der sagt: „Ich muss noch viel lernen. Simeone hat schon alles, was ein Trainer braucht.“ Alles, bis auf diesen Titel.

„Diego, sollen wir nicht mal ein bisschen über Weiber reden?“

Der Austragungsort stimmt schon mal – kein unerhebliches Detail für einen, der an das Schicksal glaubt, bei Transfers auch das Sternzeichen der Spieler miteinbezieht und in der Finalvorbereitung aus Aberglauben alles exakt umgekehrt machte als vor zwei Jahren. „Purer Fußball“, sagt Simeone in seinem weichen argentinischen Spanisch über das gewaltige San-Siro-Stadion, in dem er selbst ein paar Jahre für Inter Mailand spielte. „Wenn es ein Szenario gibt, das für mich den Fußball repräsentiert, dann ist es Italien.“

Was aus Sicht der aktuellen spanischen Dominanz seltsam klingen mag, erklärt sich durch Simeones Kindheit. Höhepunkt der Woche waren die Sonntage: Pizza essen und im Fernsehen dem argentinischen Nationalhelden Maradona dabei zusehen, wie er aus dem notorisch erfolglosen SSC Neapel eine Siegermannschaft machte. Womöglich rührt schon daher Simeones Vorliebe für die Underdogs, die Rebellion, für David gegen Goliath, den aufmüpfigen Kampf gegen die Verhältnisse. So wie Maradona sich jede andere Mannschaft hätte aussuchen können, so könnte Simeone längst einen reicheren Verein trainieren.

Er kämpfe wie ein Löwe, sangen die Fans bei Inter Mailand

Zwei weitere Charakterzüge begleiteten das Kind einer Mittelklassefamilie schon früh: die geborene Führungsbegabung – schon als Zehnjähriger leitete er in Buenos Aires ein Jugendorchester – und die unersättliche Leidenschaft für den Fußball. „Er sprach 24 Stunden nur über Fußball“, erinnerte sich sein ehemaliger Inter-Teamkollege Gianluca Pagliuca: „So ex­trem, dass wir manchmal sagten: ‚Diego, sollen wir nicht mal ein bisschen über Weiber reden?‘“

Die Hingabe zum Spiel teilt er mit Guardiola, dem Ex-Bayern-Trainer, den er im Halbfinale bezwang. In seinen fußballerischen Vorlieben jedoch könnte er unterschiedlicher nicht sein als der katalanische Feingeist. „Wenn ich Schlamm sehe, werfe ich mich kopfüber hinein“, sagt er. Beide waren Mittelfeldspieler, aber wo Guardiola schon als Aktiver das Spiel vom Kopf her verstand, sangen die Fans bei Inter: „Diego Simeone lotta come un leone“: er kämpfe wie ein Löwe. Auch als Trainer mag er es intensiv. Wenn ihm eine Darbietung seiner Profis besonders gut gefällt, sagt er, „sie haben wie Männer gespielt“.

Simeone selbst sieht sich in erster Linie als Pragmatiker

Simeone selbst besteht darauf, dass er in erster Linie pragmatisch denkt. Zum einen habe er angesichts eines lediglich rund ein Drittel so großen Budgets wie Bayern, Barcelona oder Real nicht die Spieler, um den Branchengrößen mit Hurra-Fußball zu begegnen. Zum anderen erlaube es die Identität des Vereins nicht: Atlético sei schon immer eine abwehrstarke, kampfbetonte Mannschaft gewesen.

Simeone mag Madrid, es erinnere ihn an Buenos Aires, sagt er. Als Spieler gewann er 1996 die letzte Meisterschaft des Vereins bis zu seiner ersten als Trainer 2014. Diese Vorgeschichte verschaffte ihm einen gewissen Startvorteil. Aber eine Sache ist es, einen Ort zu kennen, das andere, ihn zu spüren. Eine Sache, sich theoretisch mit Psychologie zu beschäftigen (und daher etwa zu wissen, dass Revanchegelüste nur negative Energien freisetzen), eine andere, das Glück oder Unglück anderer wirklich beeinflussen zu können.

Wegen dieses Gefühls für seine Umwelt scheint er sich auch nicht abzunutzen. Mit seinen viereinhalb Jahren bei Atlético hat er jetzt schon die längsten Trainerstationen von Kollegen wie Guardiola oder Mourinho übertroffen. Ihm sind weder cholerische Anfälle noch kalkulierte Schlingeleien fremd, aber ihn umgibt nichts Düsteres wie Mourinho oder Narzisstisches wie Guardiola. Wie ausgeruht er nach dem aufreibenden Finaleinzug auf dem Rasen der Münchner Arena als Erstes mit seiner Familie in Buenos Aires telefonierte, vermittelte erstaunliche Normalität.

Sein ältester Sohn spielt in der argentinischen Jugendnationalmannschaft

Simeone hat drei Kinder aus seiner voriges Jahr geschiedenen Ehe, der älteste Sohn Giovanni stürmt für die argentinische Jugendnationalmannschaft. Sollte er ihn je trainieren, würde er „vollkommen objektiv“ sein, davon ist er überzeugt. So hart wie er jeden aussortiert, der nicht mitzieht, der keinen „noblen Charakter“ hat, wie er selbst das gern nennt, mit seiner typisch überhöhten Rhetorik.

„Entweder du folgst mir oder nicht“: sie tun es immer weiter bei Atlético, sie taten es auch nach jener Finalniederlage vor zwei Jahren, als Simeone mal wieder ein Trauma bekämpfte, bevor es überhaupt entstand. Das Spiel war gerade vorbei, die internationale Presse applaudierte ihm, nicht dem Sieger, weil sein Kampf gegen das Fußball-Establishment ja letztlich bei jedem eine romantische Ader freilegt. Und Simeone war ganz bei sich: „Diese Niederlage verdient nicht eine Träne“, sagte er. „Wenn einer sein Leben gibt, kann er auch verlieren. Das macht uns nur größer.“

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