Sicherheit geht vor: Nach den Ergebnissen des neuen „Schülerbarometers 2020“ strebt die Jugend verstärkt einen Beruf im öffentlichen Dienst an. Speziell die Polizei ist populärster Arbeitgeber für die baden-württembergischen Schüler – noch vor der Automobilindustrie.
Stuttgart - In stürmischen Zeiten setzt die Jugend im Land auf das Bewährte: Die Polizei gilt für sie als deutlich beliebtester Arbeitgeber. Dies zeigt das neue „Schülerbarometer 2020“ des Marktforschungsinstituts Trendence. An der repräsentativen Umfrage haben bis Februar 2020 bundesweit 20 000 Schüler teilgenommen – unter ihnen 3000 aus Baden-Württemberg. Somit haben die intensiven Debatten um Polizeigewalt, Racial Profiling und rechtsextreme Netzwerke noch keinen Niederschlag gefunden.
Trotz der Gefahren des Berufs – etwa durch eine wachsende Aggression in der Gesellschaft – käme für 18,5 Prozent der jungen Menschen nach der Schule eine Bewerbung bei der Polizei in Betracht. Dank dieses Imagegewinns überholt die Polizei den bisherigen Spitzenreiter Daimler (15,4), der auf Platz zwei landet. Es folgen Porsche (11,6), Adidas (10,7) und die Bundeswehr (9,1), die ebenfalls hinzugewinnt, während der Ruf der Automobilhersteller als Arbeitgeber wohl auch infolge der Dieselkrise Kratzer bekommen hat.
Auf den Plätzen sechs bis 15 folgen BMW, das Deutsche Rote Kreuz, der Zoll, Microsoft und ProSiebenSat1 – sodann die AOK, Audi, Bosch, Lufthansa und Hugo Boss. Anzugeben waren jeweils drei Unternehmen, bei denen man sich bewerben würde.
Männerdomäne Polizei – das war einmal
Schon seit 2017 sehen die Jugendlichen im öffentlichen Dienst den beliebtesten Arbeitgeber, der ihnen offenbar mehr Verlässlichkeit in einer sich rasant wandelnden Berufswelt vermittelt: 32 Prozent aller Befragten wollen hier arbeiten. Auf Platz zwei folgt der Handel (19 Prozent), noch vor der Automobilindustrie.
Attraktiv ist die Polizei für junge Menschen, die ein Hochschulstudium oder eine Ausbildung anstreben. Das Interesse ist bei den Mädchen (19,3) sogar größer als bei den Jungen (17,7). Männerdomäne Polizei – das war einmal, wie auch der 40-prozentige Anteil der Anwärterinnen für den Polizeidienst im Südwesten zeigt.
Innenminister Thomas Strobl (CDU) sieht sich bestätigt: „Wir haben in den letzten Jahren sehr viele Hebel bewegt, um geeigneten Nachwuchs zu begeistern“, sagte er unserer Zeitung. „Die Umfrage zeigt, dass die Polizei nahe bei den jungen Menschen ist und als sehr attraktiver Arbeitgeber wahrgenommen wird.“ Von 2016 bis 2021 wurden und werden rund 9000 Bewerber eingestellt: Nachdem 2018 genau 1732 junge Polizisten und im Folgejahr 1787 ihre Ausbildung begonnen haben, sollen in diesem und kommenden Jahr weitere 3000 Einstellungen erfolgen. Es sei „ein großes Glück, dass wir für die größte Einstellungsoffensive in der Geschichte der Landespolizei genügend hoch motivierte und qualifizierte Bewerber haben“, so Strobl. In diesem Jahr gebe es für die geplanten 1600 Einstellungen fast 6000 Bewerbungen.
Mehr für die „Sicherheit“ als die „Freiheit“
Nach ihren Werten befragt ziehen zwei Drittel der Schüler das Wir dem Ich vor, mehr als die Hälfte die Sicherheit der Freiheit. Ebenfalls mehr als die Hälfte wählt als Präferenz lieber die Heimat als die „weite Welt“ und die Vorsicht steht den Befragten vor dem Risiko. Vornehmlich gewünscht ist ein Job, in dem alle an einem Strang ziehen und für das gemeinschaftliche Wohl arbeiten. Priorität haben insbesondere eine hohe Jobsicherheit und Standortverbundenheit – dies verstärke sich in der Corona-Krise nach aktuellen Erhebungen noch, sagte ein Sprecher des Forschungsinstituts.