In normalen Jahren kommen jetzt 25 000 Fans zur Vierschanzentournee und beleben den Ort Oberstdorf. Doch dieses Jahr ist alles anders.
Oberstdorf - Wenn sich jemand in Oberstdorf auskennt, dann ist es Karl Geiger. Vor 27 Jahren wurde der Skiflug-Weltmeister in der Marktgemeinde im Allgäu geboren. Hier ist er aufgewachsen und zur Schule gegangen. Auf den Sprungschanzen im Schattenbergstadion hat er seine ersten Hüpfer gemacht. Dort hat er zur Jahrtausendwende Martin Schmitt zugejubelt, der dreimal in Serie das Auftaktspringen der Vierschanzentournee gewonnen hat. Vor drei Monaten hat er standesgemäß in kurzer Lederhose seine Freundin Franziska Pander, natürlich im Dirndl, geheiratet. Und in diesem Ort ist auch vor zwei Wochen Tochter Luisa zur Welt gekommen. Kurzum: Oberstdorf darf getrost als die Heimat von Karl Geiger bezeichnet werden.
Ausgestorben wie in der Nebensaison
Doch so wie der Skispringer in diesen Wochen seine Heimatstadt am Fuße des Nebelhorns erlebt, so kennt er sie nur aus dem November. Dann, wenn der Herbst vorüber ist und der Winter noch nicht begonnen hat. „Es ist alles ein wenig unwirklich“, sagte er vor dem Start zur Vierschanzentournee, „normalerweise sind die Hotels voll, die Leute gehen Skifahren und es gibt noch viele andere tolle Sachen, die man machen kann.“ Normalerweise.
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Oberstdorf nach Weihnachten 2020 jedoch ist wie ausgestorben. Es ist kein Vergleich zu den Jahren davor, als 25 000 Besucher das Auftaktspringen der Tournee hautnah miterleben wollten. Und sich zuvor im Ort aufgehalten haben. Weder in Garmisch-Partenkirchen noch in Innsbruck oder Bischofshofen prägen die Skisprungfans das Stadtbild so eindrucksvoll.
Vor die Tür nur mit dem Hund
Am Marktplatz neben der Kirche in Oberstdorf tummelten sich die Besucher aus Deutschland, Österreich und Polen einträchtig nebeneinander an den Glühweinständen, danach schoben sich die Menschenmassen über die Oststraße hinauf Richtung Schanze. Viele machten am Stand des Fußballclubs Oberstdorf am Platz neben dem Eislaufzentrum einen weiteren Stopp.
Nichts von alledem gibt es in diesem Jahr. Nur wenige Menschen laufen durch die Straßen, die meisten führen ihre Hunde Gassi. Wie auch sonst in der Republik sind fast alle Geschäfte geschlossen. Statt üppig beladenen Ständern mit Kleidung vor den Läden hängen Plakate in den Schaufenstern, auf denen Rabatte bis zu 70 Prozent versprochen werden. Doch wer soll diese Angebote wahrnehmen?
Hotellerie und Gastro darben
Besonders betroffen sind die Hotellerie und die Gastronomie. „Zwischen dem 16. März 2020 und dem 10. Januar 2021 gehen den Betrieben nach unseren Hochrechnungen 90 Millionen Euro Umsatz verloren“, sagt Frank Jost. Allein in der Woche der Vierschanzentournee, so der Oberstdorfer Tourismus-Direktor, seien dies etwa 20 Millionen Euro. Oberstdorf und seine 10 000 Einwohner leben von den Touristen. In normalen Jahren registrierte Deutschlands südlichste Gemeinde 2,7 Millionen Übernachtungen. In diesem Jahr sind es 400 000 weniger. Dies bedeutet auch weniger Einnahmen für die Gemeinde. „In diesen Tagen bekommen wir über die Kurabgaben 25 000 Euro weniger pro Tag“, sagt der Touristiker und schaut auf seinen Laptop: „Ich sehe es täglich.“
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Ausgefallen ist natürlich auch die Präsentation der weltbesten Skispringer. Am Abend vor der Qualifikation haben sich immer Tausende Fans im Kurpark getroffen, haben die 100 Meter vom Oberstdorf-Haus zum kleinen Pavillon ein Spalier gebildet, durch das die Sportler meist leicht joggend durchgelaufen sind. Die Arme hatten sie wie Flügel ausgebreitet um sich mit den Fans abzuklatschen. Am Sonntagabend überquerten vereinzelt Menschen den Park, meist eiligen Schrittes.
Mitfiebern am Fernseher
Kurze Zeit hatten die Macher in Oberstdorf Hoffnung, dass sie doch einige Zuschauer ins Stadion lassen können. Statt der 25 000 nur 2500. Im Stadion waren bereits entsprechende Vorkehrungen getroffen worden. Doch mit dem zweiten Lockdown wurde auch dieser Plan zunichte gemacht. Tourismusmanager Frank Jost hofft immer noch, dass wenigstens beim zweiten sportlichen Highlight dieses Winters einige Fans dabei sein dürfen. Vom 23. Februar bis 7. März 2021 finden die nordischen Ski-Weltmeisterschaften statt. Ein Grund für die Bewerbung war, dass mit den Titelkämpfen die Bekanntheit der Marktgemeinde als Wintersportdestination gesteigert wird. Sollten bis dahin immer noch die strengen Regeln gelten, sagt Jost: „Eine Weltmeisterschaft ohne Zuschauer ist mir lieber als keine Weltmeisterschaft.“ Er baut dabei auf die Kraft der Fernsehbilder.
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Auch für Sandro Pertile ist eine großartige TV-Produktion wichtig. Der Renndirektor des internationalen Skiverbandes Fis sagt: „Natürlich werden wir ohne Fans an der Schanze eine komplett andere Vierschanzentournee erleben, aber wir glauben fest daran, dass wir trotzdem ein großartiges Produkt in die Wohnzimmer liefern können.“
Sportler vermissen die Atmosphäre
Und wie fühlen sich die Springer, wenn sie jetzt die vier Springen der Tournee in einer Atmosphäre wie im Training absolvieren müssen? „Das ist natürlich sehr schade“, sagt Markus Eisenbichler, „mit Zuschauern ist es natürlich viel schöner, weil man die Atmosphäre aufsaugen kann. Das pusht mich immer bei der Tournee.“ Bundestrainer Stefan Horngacher sieht aber einen kleinen Vorteil, denn sein Springer lässt sich gerne ablenken. Karl Geiger dagegen appelliert an die Fans: „Drückt uns die Daumen und haltet es aus.“ Damit im nächsten Jahr seine Heimat Oberstdorf wieder wirklich aussieht.