Von Wegen Lisbeth mögen Ironie und Sarkasmus Foto: Nils Lucas

Die Berliner Band „Von Wegen Lisbeth“ wird derzeit als das Pop-Phänomen Deutschlands gefeiert. In ihren Liedern verarbeiten sie mit einer gehörigen Portion Sarkasmus vergangene Liebesbeziehungen, ihr Dasein als Millennials und andere Eigentümlichkeiten des Berliner Alltags.

Ludwigsburg - Was für eine Erinnerung! Ein schöner Anblick seien die vielen bunten Regencapes von der Bühne aus gesehen, sagt Mathias Rohde, Sänger bei Von Wegen Lisbeth, und bedankt sich mehrmals an diesem frühen Sonntagabend bei seinen Fans, die zum Open-Air-Konzert ins Ludwigsburger Schloss gekommen sind, um ihn und seine Band live zu sehen. Denn es regnet in Strömen, doch trotzdem wird da im Schlossinnenhof getanzt und gesungen und alle gehen mit, wenn es in dem Lied „Meine Kneipe“ heißt: „Mach, was du willst, aber bring nie wieder deine neuen Freunde in meine Kneipe!“

Von Wegen Lisbeth sind derzeit die heißeste Band des deutschen Indie-Pop. Kürzlich wurden sie von der New York Times zur derzeit wichtigsten deutschen Pop-Band gekürt: musikalisch und gesellschaftlich gesehen. Beim Gespräch vor dem Konzert sagen Mathias Rohde und der Bassist der Band, Julian Hölting, dass ihnen gar nicht so klar sei, weshalb man sie dort für diese Ehrung ausgewählt habe, sie könnten es sich höchstens so erklären, dass sie sich musikalisch einfach anders anhören als andere. So gäbe es doch auch andere gute deutschsprachige Bands, die dafür in Frage kämen. „Wenn man so etwas liest, freut man sich, aber man nimmt es sich nicht so sehr zu Herzen“, sagt Mathias Rohde; anders sei es bei negativer Kritik, die würde einem schon eher zu denken geben.

Die beiden Oktober-Konzerte der Band im LKA sind schon ausverkauft

Die aktuelle Tour der Band trägt den Namen „Britz-California“; die beiden Oktober-Konzerte im Stuttgarter LKA sind schon ausverkauft. Britz sei ein Berliner Stadtteil, der im Bezirk Neukölln liegt, noch nicht von Gentrifizierung betroffen, „urberlinerisch und ein bisschen spießig, mit Kleingartenanlagen“, sagt Julian Hölting. Zwei Bandmitglieder wohnten mal dort, und es sei eine lustige Zeit gewesen. Der Gegensatz dazu sei die Glamourwelt von Kalifornien. Beide Welten würden zu ihnen gehören.

Ihre Musik beschreiben Von Wegen Lisbeth klar als Pop. Es sei „kein Kalkül dahinter, eine bestimmte Richtung zu machen“, sagt Hölting, die Musik entstehe einfach. Neben Synthesizer, Percussion, Gitarre, E-Bass und Schlagzeug prägen den Sound der Band noch Instrumente wie etwa eine Steel Drum, ein Kinderglockenspiel oder ein Omnichord. Die Inspirationen für ihre Texte holen sie sich „von der Straße“, sagt Mathias Rohde, es seien einfach „Alltagsbeobachtungen und alles, was man unterbewusst mitkriegt und dann verarbeitet“. Musikalische Vorbilder hätten sie viele, jedes Bandmitglied höre ganz unterschiedliche Sachen. Namen zu nennen fällt ihnen schwer. In ihrer Playlist sammeln sie die Songs, die sie gut finden oder die interessante Stilelemente beinhalten und tauschen sich darüber aus. Dann sagt Julian Hölting, dass er in der letzten Woche viel Ideal gehört habe. Außerdem gäbe es noch einen Berliner Radiosender, der von den 60ern bis zu den 90ern alles spielt – „mit einem genialen Konzept“, so Rohde, „ab sechs eine Stunde sechziger Jahre, ab sieben eine Stunde siebziger . . . und ab neun eine Stunde neunziger – wer hätte das gedacht?“ Vier Stunden lang durch die musikalische Zeitgeschichte, das sei doch ideal fürs Autofahren oder Kochen.

Und wer, bitte schön, ist Lisbeth?

Auf die Frage, wer Lisbeth sei, schütteln beide den Kopf und sagen „da antworten wir nicht mehr drauf“, zu oft wurden sie schon danach gefragt.

Das neue Album, das im Mai erschien, trägt den Raum für Interpretation bietenden Namen „sweetlilly93@hotmail.com“. Schickt man eine E-Mail an die Adresse, erhält man eine von dreißig wechselnden Antworten im Autoresponder. Auf diesen Namen kamen sie einerseits, weil er einfach gut in den Sprachflow passe und sie den gleichnamigen Song „sweetlilly“ schon hatten, sagt Mathias Rohde. Andererseits, ergänzt Julian Hölting, würde die Adresse auch einfach für die Generation stehen, in der sie aufgewachsen sind. Dahinter könne sich jeder verbergen. Wer wisse das schon.

Viele der Lieder bei Von Wegen Lisbeth handeln von der Liebe und von vergangenen Beziehungen, von verletzten Gefühlen und deren Verarbeitung. Dem Gesang von Mathias Rohde sind Sehnsucht und Melancholie zu entnehmen, und dann kommt, wie in „Meine Kneipe“ immer noch eine Prise Witz hinzu. Auch das dürfte für das gewisse Etwas der Band stehen. Als Spaß-Band lassen sie sich allerdings ungern bezeichnen. Selten seien sie zwar untereinander wirklich ernst, Humor spiele schon immer eine Rolle, doch noch mehr ist ihnen der Sarkasmus in ihren Texten wichtig. So heißt es etwa in einer Zeile aus „Wenn du tanzt“: „Ackermann, Merkel, Jan Fleischhauer, Voldemort – nette Menschen“, und nur die tanzenden Beine des angesungenen Mädchens könnten dazu beitragen, die Welt zu retten. „Lieferando-Mann“ heißt ein anderer aktueller Song, doch für Lieferando seien sie noch nie gefahren, und auch bei Amazon kaufen sie nur, wenn es sein muss – am ehesten Elektroteile. Amazon hatte ihnen allerdings zuletzt wegen ihres Songs „Alexa, gib mir mein Geld zurück“ angeboten, für ziemlich viel Geld eine halbe Stunde bei einer Veranstaltung des Unternehmens zu spielen. Dankend haben sie abgelehnt, sagt Julian Hölting, und das nicht ohne Stolz.

Termine 17. und 18. Oktober, 20 Uhr, LKA (beide Konzerte sind ausverkauft)

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