Mit 79 Jahren ist die Franziskanerin letzten Herbst zurück in ihr Mutterhaus ins Oberschwäbische gegangen. Aber sie wäre nicht Schwester Margret, hätte sie nicht längst neue Pläne.
Es ist kein Besuch wie jeder andere. Als sich die schwere Holztür öffnet, steht da Schwester Margret Ebe, streckt die Hand zum Gruß entgegen und schüttelt mit sanftem Druck die Hand der Besucherin. Mit ihrer eher leisen Stimme, die aber immer stark genug war, um in den zurückliegenden Jahrzehnten vielen zu sagen, wo’s lang geht, sagt sie jetzt „Herzlich Willkommen!“ und schaut freundlich.
Begleitet wird sie von einer weiteren Schwester. Anna-Barbara Regnat ist die Pressebeauftragte der Kongregation der Franziskanerinnen von Sießen. Schließlich gesellt sich noch die Generaloberin Schwester Karin Berger dazu. Sie ist für alle Franziskanerinnen in Brasilien, Südafrika und Deutschland zuständig. Ein richtiges Empfangskomitee formiert sich da. Der Eintritt einer Franziskanerin wie Schwester Margret in den Ruhestand scheint, wenn er mit der Rückkehr ins Mutterhaus einhergeht, offenbar doch kein Rückzug ins rein Private. Er ist die Rückkehr an einen Ort, der seine eigenen Regeln hat. Und seine Hierarchien.
Zurück in Oberschwaben
Ins Mutterhaus zurückzukehren, das heißt, wieder in einem Kloster zu leben, die Autonomie, die man draußen in der Welt gelebt hat, wieder aufzugeben. Das Haus im Oberschwäbischen ist der Ort, an dem gerade viele der Schwestern aus der Babyboomergeneration zurückkehren, sagt die Generaloberin. Wo alle runterfahren müssen und sich selbst auf die eine oder andere Art wieder neu erfinden müssen. Wo Frauen „sich wiedereinfinden und diesen Wechsel erst mal verkraften müssen“, sagt Schwester Margret über die 53 anderen in ihrem Konvent. Aber sie meint damit natürlich auch sich selbst. Um die 110 Frauen leben insgesamt im Kloster in Sießen. Das Durchschnittsalter der Franziskanerinnen liegt bundesweit bei 66 Jahren. In Sießen steht auch das Pflegeheim, in dem die Hochbetagten unter ihnen leben, die Hilfe brauchen.
Schwester Margret ist jetzt eine der Rückkehrerinnen. Ihr Zimmer, das sie gegen eine große Altbauwohnung in Stuttgart-Mitte eingetauscht hat, liegt im Pflegeheim – wenn auch ganz am Rand. Neubau Erdgeschoss mit bodentiefen Fenstern und einem Blick in den Garten und auf die Kapelle. Sie wollte das so. Das klosterinterne Haus St. Angela, ein „Haus für betreutes Wohnen und Kurzzeitpflege“ erschien ihr damals, als sie ihren Umzug plante, für sich selbst angemessen. Jetzt lebt sie auch mit dementen Mitbewohnerinnen und beobachtet, „wie sich der Mensch am Ende zeigt“. Ist Zuschauerin und Bewohnerin zugleich. Dabei findet sie viele Gemeinsamkeiten zwischen den Armen, wie sie ihre frühere Klientel nennt, und den armen Schwestern, die jetzt Unterstützung brauchen. „Es hat mir immer die Zeit gefehlt, die Dinge zu verarbeiten“, sagt sie mit Blick auf die vielen Begegnungen mit Menschen am Rand der Gesellschaft. Seien es Obdachlose oder Prostituierte. Wenn Menschen, die eh schon am Boden sind, noch zusätzlich gedemütigt werden, schrillen bei ihr die Alarmglocken.
Ein Fahrer des Klosters hat sie mit einem VW-Transporter am Tag des Heiligen Martin, dem 11. November letzten Jahres, in Stuttgart abgeholt und hierher gebracht. Raus aus der trubeligen Landeshauptstadt, wo sie vernetzt war wie wenig andere. Raus aus der Stadt, wo sie gerne beim Italiener um die Ecke im Gerber einen Espresso getrunken und ein Macaron genascht hat.
Der Abschied war kräftezehrend
Genau hier im oberschwäbischen Sießen, drei Kilometer von Bad Saulgau gelegen, hat das geistig-religiöse Ordensleben der heute 79-Jährigen vor fast genau 50 Jahren begonnen. Mit 30 Jahren erst hatte sie sich dafür entschieden. Da hatte die Bauerstochter bereits zwei Ausbildungen zur Hauswirtschaftsmeisterin und als Dorfhelferin absolviert und sechs Jahre als Dorfhelferin gearbeitet.
Seit Herbst ist sie nun also zurück, hat der Franziskusstube in Nähe der Paulinenbrücke in Stuttgart Adieu sagen müssen. Leicht ist ihr der Abschied nicht gefallen. Kräftezehrend war er – und der Zeitpunkt durch die Kündigung der Räume durch das Stadtdekanat schließlich erzwungen. Die Franziskusstube war Schwester Margrets Kind. Eine Einrichtung, in der sie zusammen mit vielen Ehrenamtlichen Obdachlosen und anderen bedürftigen Menschen 28 Jahre lang jeden Tag bis auf den Sonntag ein Frühstück, Besinnung und Ansprache angeboten hat.
Die Franziskusfigur aus Holz, die dort stand, hat sie dem Caritas-Vorstandsmitglied Raphael Graf von Deym zukommen lassen. Sie steht jetzt in der Olgastraße 46, der Tagesstätte für wohnungs- und obdachlose Menschen der Caritas Stuttgart. In der ehemaligen Franziskusstube sind inzwischen die Renovierungsarbeiten abgeschlossen. Der neue Multifunktionsraum namens Pauline wurde am Palmsamstag eingeweiht.
Es ist also höchste Zeit, endlich auch einmal nachzufragen, was eigentlich Schwester Margret macht. Denn im Grunde kann man sie aus Stuttgart gar nicht wegdenken. Wie sie dort mit wehendem Gewand, die Hände in dessen tiefen Taschen durch die Stadt lief. Ein Gespräch über Abschied und Neuorientierung muss fast zwangsläufig auch um die Menschen der Franziskusstube kreisen, sonst wär dieses Gespräch nicht vollständig. „Unsere Leut“, nennt Schwester Margret sie noch immer. Sie zeigt die Whatsapp-Nachricht einer Frau, die schreibt: „Ich denke oft an dich und vermisse dich!“
Kurzbesuch in Stuttgart
Erst vor zwei Wochen hat sie manche „unserer Leute“ in Stuttgart wiedergetroffen. Gudrun Nopper, die Gründerin der Stillen Not, hatte ins Varieté Friedrichbau geladen – und Schwester Margret machte in Stuttgart einen Tag Urlaub vom Kloster. Sie sagt, dass sich mit der Zeit die Lust auf den Außendienst wieder melde.
Für den Anfang in Sießen wählte sie vor fünf Monaten eine ganz spezielle Perspektive. „Ich habe mir vorgenommen, das erst mal wie einen Urlaub im Kloster zu sehen.“ Und dazu gehört das genaue Beobachten, wie man es in einer neuen Umgebung macht. Sie nennt diese Zeit die Eingewöhnung. Die Generaloberin sagt Erholungsphase dazu und dass sie in den zurückliegenden Jahren ja so viel gearbeitet habe. „Ich wache immer noch um sechs Uhr auf“, sagt Schwester Margret. Um 7.15 Uhr gibt’s dann Frühstück, der Gottesdienst findet innerhalb des Hauses zu einer „angenehmen Zeit“ um 9 Uhr statt. Mittagessen, Spazierengehen, ab und zu eine Thermalbadanwendung, Gerätetraining auf dem Ergometer, „um bei Kräften zu bleiben“ – so sieht jetzt ihr Tag aus. „So gut ist es mir noch nie gegangen.“ Sich in das Gebet der anderen wie in einer Hängematte tragen zu lassen und gleichzeitig mitzutragen, genießt sie hier ganz offensichtlich.
Glaube lässt sich überall leben
Wobei, sie sei ja nie wirklich weggewesen vom Kloster. Sie zieht ihr Mobiltelefon aus der Tasche und ruft die Gebete des Tages im Netz auf. „Das hab ich immer auch in der Straßenbahn getan“, erklärt sie. So wie die anderen „in ihr Handy geschaut haben“, hat sie es auch getan. Nur dass sie still gebetet und manchmal bei einem Satz hängengeblieben sei und meditiert habe. „Es ist egal, wo ich das tue. Das ist mein Glaube.“
Zu dem gehört auch, zu überlegen, welche Außendienstaktivitäten mit knapp 80 Jahren noch möglich seien. Die Antwort, was Schwester Margret nun eigentlich mache, lässt sich damit also schnell beantworten: Sie macht Pläne. Streetwork auf der Königstraße für „unsere ehemaligen Obdachlosen“ und für die jungen Leute, die in die Innenstadt kommen, ist eine dieser Ideen. „Aber nur im Sommer, im Winter wird mir das zu anstrengend sein“. Dafür will sie viele ehemalige Profis, die nun in Rente sind und die ihr in ihrer Stuttgarter Zeit begegnet sind, als Ehrenamtliche gewinnen. Im Kopf steht die Runde schon. Fehlt noch die Tat.
Und unerfüllt ist ebenfalls noch der Traum, ganz in Klosternähe auf dem Bussen, dem Heiligen Berg Oberschwabens, Pilger und Radfahrer zu empfangen. Am besten beides im Wechsel. Die Kräfte scheinen zurück. „Und im Winter erhole ich mich dann hier.“ Schwester Margret zitiert ihren Großvater, einen Landwirt aus Grüningen bei Riedlingen. „Wenn die Blätter fallen und wenn sie kommen, werden die Leute unruhig. Dann fangen Sie entweder an zu spinnen oder sie müssen etwas machen“. Schwester Margret hat sich mal wieder fürs Machen entschieden. Es sind ihre kleinen Fluchten.