Susanne Heß leitet die Deutsche Schule in Shanghai seit fünf Wochen von ihrem Homeoffice im 29. Stock aus. „Unsere Schulfarbe ist Rot – eine Glücksfarbe.“ Foto: Susanne Heß/privat

Susanne Heß ist vor gut zwei Jahren von Stuttgarts größtem Gymnasium als Schulleiterin an die Deutsche Schule Shanghai gewechselt. In Chinas größter Metropole gilt seit mehr als vier Wochen strenger Lockdown. Heß bleibt gelassen: „Die Dinge sind, wie sie sind.“

Ausgangssperren, Massentests und Engpässe bei der Versorgung mit Lebensmitteln und medizinischer Behandlung: Wie fühlt sich für eine deutsche Schulleiterin das Leben in Shanghai nach mehr als vier Wochen hartem Lockdown an? Susanne Heß ist trotz alledem guter Dinge. Die frühere Rektorin des Neuen Gymnasium Leibniz in Stuttgart-Feuerbach leitet seit gut zwei Jahren die Deutsche Schule in Shanghai Hongqiao, seit fünf Wochen tut sie das von ihrem Homeoffice im 29. Stock eines Hochhauses im Westen der 26-Millionen-Metropole aus, wo sie mit ihrem Mann wohnt. „Die Dinge sind, wie sie sind“, sagt sie beim Teams-Telefonat mit unserer Redaktion. Und: „Man darf kein pessimistischer Mensch sein.“

 

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Von den Entbehrungen und Nöten, die viele Shanghaier dieser Tage erleben, bekomme sie in ihrer Wohnanlage allerdings wenig mit. Mit der längeren Schließzeit hätten sich auch die Shanghaier Mechanismen vom ersten Lockdown vor zwei Jahren wieder eingespielt. Nicht nur, dass die chinesische Regierung regelmäßig Carepakete schicke, durch die „man ganz viel chinesisches Gemüse kennenlernen kann“, sondern sie habe auch rührige chinesische Nachbarinnen, die ihr nicht nur Tipps für die Zubereitung der fremden Pflanzen geben, sondern die online fürs ganze Haus Gruppenbestellungen organisierten – „die Lieferungen funktionieren“. Sie frage sich allerdings: „Was macht unser Gemüsemann? Unsere Obstfrau?“ Doch es sei eine gute Nachbarschaft: „Es wird geguckt, dass auch die Alten im Haus und auch die Ausländer versorgt sind.“ Ohne ordentliches Einkommen und Affinität zum Internet könne das in manchem Hinterhof natürlich auch ganz anders aussehen, räumt Susanne Heß ein.

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Aber diese Einblicke sind ihr gar nicht möglich. Denn die Bewegungsfreiheit sei derzeit sehr stark eingeschränkt. In jeder Anlage würden alle Menschen durchgetestet, dann gebe es eine Einteilung in Risikogruppen – „es gelten sehr strenge, distriktbezogene Regeln“, berichtet sie. Auch die Schule sei seit Mitte März geschlossen, die Metro fahre nicht – „man kommt nicht so einfach von A nach B“. Die 200 Kitakinder, 650 Schüler und 200 Mitarbeiter ihrer Schule hat sie zum letzten Mal vor fünf Wochen live gesehen, „offline“, wie sie es nennt. Seither läuft der komplette Schulalltag online – „wir machen den Unterricht eins zu eins, auch die AG-Zeiten“. Auch technisch funktioniere das dank eigener IT-Abteilung gut. Anstrengend sei es trotzdem – nicht nur für die Lehrer.

Die Bewegungsfreiheit ist stark eingeschränkt, die Schule geschlossen

Denn der Hauptunterschied zu deutschen Schulen sei: „Wir sind nicht nur eine Schule für Jugendliche und Kinder, sondern in gewisser Weise auch ihr Lebensmittelpunkt.“ Denn von 8 bis 18.30 Uhr gebe es Angebote, neben Unterricht eben auch Freizeitaktivitäten, Sport, ein Café. „Da gibt’s ne echte, deutschsprachige Community, die miteinander werkelt und Feste feiert“, sagt Heß. „Jetzt machen wir das alles online.“ Doch die Gemütslage sei bei vielen angespannt, ein Auf und Ab der Gefühle. „Manchmal denke ich: Das hättest du jetzt nicht gebraucht.“

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„Ein Waldspaziergang wäre schön“

Bereut sie ihren Wechsel ins Ausland? Kein Stück. „Ich war wirklich gern in Stuttgart und habe das Gymnasium immer gern geleitet.“ Sie habe auch noch E-Mail-Kontakte zu einigen Kollegen. „Aber ich habe keine Sehnsucht zurück.“ Sie lebe im Jetzt. Schließlich könne man in Shanghai alles haben, was man auch in Stuttgart haben könne, wenn kein Lockdown ist. Fast alles: „Es gibt keinen Wald und keine Einsamkeit im Wald, hier sind immer Menschen, egal wo, und in großer Zahl. Ein Waldspaziergang wäre schön.“ Und statt der Osterferien gebe es eben Maiferien, die an den Drachenboottag gebunden seien. Aber bei medizinischen Problemen könne man nicht einfach ins Krankenhaus. „Das muss man anmelden beim Nachbarschaftskomitee – man muss schon ein bisschen Geduld haben“, räumt Heß ein. Und über Politik diskutiere sie nicht. „Wir bewegen uns als Schulcommunity in einem Gastland.“ Den Mietvertrag für die Wohnung habe sie gerade verlängert, ihr Schulvertrag dauere sechs Jahre. „Wir sind froh in Shanghai, ein großes Geschenk, hier an dieser Schule arbeiten zu dürfen.“