Will seine Kraft als Ballettdirektor darauf verwenden, auch neue Talente zu fördern: Marco Goecke Foto: dpa

Will er es nun allen beweisen und wird deshalb 2019 Ballettdirektor in Hannover? Nein, sagt Marco Goecke, für den es in Stuttgart keine Zukunft mehr gab. Für ihn gehe die Arbeit weiter wie bisher – nur an einem neuen Ort. Beweisen müssten sich andere.

Stuttgart - Marco Goecke, seit 2005 Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts, muss die Kompanie am Ende der Spielzeit verlassen. In Hannover hat der eigenwillige Künstler nun eine neue Heimat gefunden. Er folgt dem Ruf der designierten Opernintendantin Laura Berman, die Goecke 2019 als Leiter der Tanzsparte an ihre Seite holt.

Herr Goecke, es ist nicht das erste Mal, dass Sie das Angebot erhalten, eine Ballettdirektion zu übernehmen. Sie haben immer abgelehnt. Jetzt sagen Sie zu. Wie kommt es zu diesem Sinneswandel?
Die Konditionen, die mir Laura Berman angeboten hat, waren sehr gut. Außerdem freue ich mich, dass ich meine Fähigkeit zu geben nicht nur kurzfristig für eine Produktion einsetze, sondern kontinuierlich. Und vielleicht kann man in einer festen Kompanie anders stark und anders schwach sein, als wenn man frei arbeitet.
Natürlich hat die Nichtverlängerung Ihres Vertrags als Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts damit zu tun. Eine Trotzreaktion? Wollen Sie etwas beweisen? Sozusagen unter dem Motto: Jetzt will ich’s denen aber mal zeigen?
Nein. Ich glaube, dass die neue Intendanz in Stuttgart erst einmal etwas beweisen muss. Meine Kunst ist schon überall auf der Welt. Meine Arbeit geht genauso weiter wie vorher, nur der Ort ist ein anderer.
In der letzten Zeit war ja eher eine gegenläufige Bewegung zu beobachten: dass sich Choreografen frei gemacht haben von administrativen Verpflichtungen. Ich nenne als Beispiel nur mal Martin Schläpfer, für dessen Ballett am Rhein Sie ja auch schon gearbeitet haben.
Auch Martin Schläpfer hat weiterhin das Privileg, mit seinen festen Tänzern zu arbeiten. Was das Administrative betrifft: Ich habe viele gute Leute um mich herum, die an dem Spaß haben, woran ich keinen Spaß habe. Mein Team entscheidet mit. Ich choreografiere.
Doch warum gerade Hannover?
Weil mir Hannover angeboten wurde.
Hannover ist für Sie nicht zuletzt ein erinnerungsträchtiger Ort. Vor 18 Jahren haben Sie dort beim Choreografischen Wettbewerb mit „Loch“ Ihr erstes Ballett vorgestellt.
Ja, das stimmt – und ich bin dort nicht ins Finale gekommen. Eine interessante Erinnerung.
Unter welchen Bedingungen treten Sie in Hannover an? Mit welchem Team?
Ich habe einen Geschäftsführer, einen stellvertretenden Ballettdirektor, zwei Ballettmeister, einen persönlichen Referenten und eine Intendantin, die alles daran setzt, zu ermöglichen, dass dies eine gute Zeit wird.
Natürlich werden Sie das Repertoire vor allem mit eigenen Arbeiten bestücken. Vor allem auch mit abendfüllenden Balletten, so wie es Ihre Vorgänger Stephan Thoss und Jörg Mannes getan haben.
Es wird nicht nur meine Arbeit geben. Ich mache einen Abendfüller pro Spielzeit. Es wird auch Gäste geben, ich möchte keine Monokultur.
Als geborener Wuppertaler denken Sie natürlich auch ans Tanztheater Wuppertal einer Pina Bausch. Aber ich vermute: Mit einer einzigen, mit der eigenen Handschrift werden auch Sie sich in Hannover nicht begnügen wollen. Tänzer wollen Abwechslung. Wen können Sie sich als Ergänzung vorstellen? Und wie setzen Sie sich von anderen, benachbarten Ensembles ab, also vom Staatsballett Berlin, vom Hamburg Ballett, vom Ballett am Rhein? Und: vom Tanztheater Wuppertal, dessen Leitung Sie sich vermutlich hätten vorstellen können?
Das Tanztheater Wuppertal zu übernehmen hätte ich mir niemals vorstellen können, weil das eine ganz andere Form von Tanz ist. Ich werde sicherlich meine holländischen Verbindungen nutzen, weil dies auch ein langjähriges Zuhause ist. Sicherlich werde ich einige Kraft investieren, um etwas Neues zu machen und auch neue Talente zu fördern.
Vermutlich werden Sie Ihren Aktionsradius nicht auf Hannover beschränken wollen. Sind Sie weiterhin beim Nederlands Dans Theater (NDT) als Associate Choreographer unter Vertrag? Wie steht es mit Ihren internationalen Verpflichtungen?

Mit dem NDT geht es sicher weiter, in welcher Form auch immer. Bevor ich in Hannover anfange, stehen noch Kreationen für das Gärtnerplatztheater München, die Pariser Oper, für das NDT und Gauthier Dance an. International wird es sicherlich auch weiterhin viele Einstudierungen meiner Arbeiten geben, geplant ist das unter anderem in Zürich, Israel und Helsinki.

Die Fragen stellte Hartmut Regitz.

Zur Person: Marco Goecke

Marco Goecke ist seit 2005 Haus-Choreograf des Stuttgarter Balletts; mit der Spielzeit 2017/18 läuft sein Vertrag aus, den der designierte Intendant Tamas Detrich nicht verlängerte. 1972 in Wuppertal geboren, wurde Goecke in Köln, München, Den Haag zum Tänzer ausgebildet. 2000 zeigte er seine erste Choreografie „Loch“; bis heute sind mehr als sechzig Stücke für internationale Kompanien entstanden.

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