Das Afrika-Kommando der USA ist in Stuttgart stationiert. Nun hat Africom 34 Armeen im Sahel gemeinsam üben lassen. Warum ist die Übung „Flintlock“ auch für die Region wichtig?

Camp Zagre/Ouagadougou - Selbstsicher dreht der junge Rebell seine Runden vor dem Hauseingang. Es werden seine letzten sein. Das Kalaschnikow-Sturmgewehr in die Hüfte gestützt, schlendert er im Kreis, redet unablässig in sein Handy. Kaum ist das Gespräch beendet, verschwindet er im Gebäude. Im selben Moment tauchen etwa 200 Meter entfernt zwei burkinische Soldaten hinter einer Buschgruppe auf, die aus Burkina Fasos hellrotem Staubboden wächst. Trippeln zügig zur nächsten Deckung in Hausnähe, einer dicht hinter dem anderen, ihre Gewehre auf das Haus gerichtet. Ihnen folgen noch zwei Mann in sandfarbenen Tarnanzügen. Und nochmals zwei.

Ein kurzer Moment der Stille. Dann robben die ersten Soldaten – nun zum Dreier-Team formiert – an die Hauswand. Rauchgranaten explodieren, die drei stürmen durch die offene Tür. Drinnen bellen Feuerstöße aus Gewehren. Das zweite Dreier-Team, erst als Sicherung draußen geblieben, stürmt mit kurzer Verzögerung hinterher.

Mehr als 2000 Soldaten aus über 30 Staaten

Diese Übungsszene beleuchtet einen Aspekt dessen, was Africom, das Kommando der US-Streitkräfte für Afrika, vom Stuttgarter Stadtteil Möhringen aus macht: Ausbildungshilfe in immer mehr Staaten Afrikas. Ausgeführt vor allem durch Angehörige der Heeres-Spezialkräfte, der Green Berets.

Der inszenierte Zugriff hat am Freitag die Zwölf-Tage-Großübung Flintlock 2019 beendet, ein Einladungsmanöver des Africom-eigenen Kommandos für Spezialisierte Operationen (Socafrica) und des Gastgeberlandes. Dieses Mal haben sich in Burkina Faso 2200 Soldaten aus 34 Staaten, darunter 1300 Afrikaner, beteiligt. Einige in einem Außenposten in Mauretanien, wo Flintlock 2020 seinen Schwerpunkt haben soll. Unter den Teilnehmern waren auch zwei Soldaten des Kommandos Spezialkräfte aus Calw, die als Berater im Hauptquartier des Manöverstabs im Camp Zagre nahe der Hauptstadt Ouagadougou im Einsatz waren.

Wie der Sahel-Raum und Europa zusammenhängen

Netzwerke schaffen – das beschreibt Soc­africa-Kommandeur Marcus Hicks als ein zentrales Anliegen solcher Veranstaltungen. Netzwerke unter den Elitesoldaten afrikanischer, vor allem west- und zentralafrikanischer Staaten sowie zwischen ihnen und den Spezialkräften der Nato. Aber auch mit jenen aus Australien, Österreich, der Schweiz. Gemeinsame Übungen sind wie die zunehmende Ausbildungs- und Rüstungshilfe europäischer Länder, nicht zuletzt Deutschlands, auf die Stärkung der von vielen Konflikten zerrissenen und um Stabilität ringenden Staaten der riesigen Sahelzone gerichtet.

Die ist geprägt von schwachen staatlichen Strukturen, Massenarmut, Bevölkerungsexplosion und von menschenfeindlichen Lebensbedingungen in Wüsten und Halbwüsten. Spätestens 2015 dürfte auch in Deutschland angekommen sein, was es für Europa bedeutet, wenn dieser Raum offen steht für Schlepper, Menschenhändler, Drogenschmuggler. Und nicht zuletzt für salafistische Terroristen.

Wer führt hier das Kommando?

Was es heißt, in dieser Region Soldat zu sein, hat der nigrische Hauptmann Koundy Amadou intensiv erfahren. Vier Jahre habe er bereits gegen die islamistische Terroristentruppe Boko Haram gekämpft, erzählt der drahtige 37-Jährige. Was er von Flintlock mitnimmt, wenn es wieder gegen diesen Feind geht? Einen gut gerüsteten Gegner, für den wie für viele andere bewaffnete Gruppen die langen porösen Staatsgrenzen innerhalb der Region keine Barrieren sind? „Jeder hat hier von jedem gelernt. Außerdem habe ich Telefonnummern mit Leuten ausgetauscht, die auch gegen Boko Haram kämpfen. Und außerdem den Kontakt zu einem senegalesischen Kollegen aufgefrischt, mit dem ich ein Jahr im UN-Einsatz im Kongo war.“ Gut so, meint der britische Major Stewart Low. „Was es dann im Einsatz wert ist, muss man noch sehen“, ergänzt er. Britische Ausbilder stehen in Nigeria seit zwei Jahren den spezialisierten Kräften zur Seite, neuerdings auch Kameruns Eingreif-Brigade.

Wobei das Zurseitestehen längst auf Augenhöhe erfolgt. In der Flintlock-Operationszentrale, zu der ein niedriger Betonbau im Camp Zagre – im Alltag die Offiziersschule Burkina Fasos – umfunktioniert worden ist, führt der burkinische Oberst Kanou Coulibaly das Kommando, ein bulliger Offizier. Mit fester Stimme erteilt er kurz und knapp auf Französisch seine Befehle. Der Übersetzer neben ihm überträgt sie sofort ins Englische. Dicht gedrängt sitzen die ­einzelnen Stabsabteilungen in diesem einen Raum. Während an einem Tisch ein algerischer, ein mauretanischer und ein spanischer Offizier unter sich die Feindlage ­erörtern, begutachten am Nebentisch ein Amerikaner, ein Franzose und ein Tschader eine Meldung aus einem der Außenposten.

Kaum ein westlicher Flintlock-Teilnehmer, der die fortschreitende Professionalisierung der afrikanischen Partner nicht lobt. „Wir haben ihnen während der Übung 58 verschiedene Aufgaben gestellt – und jede davon stellt sich ihnen auch real in dieser ­Region“, sagt Max Krupp, ein 44-jähriger Oberst der Green Berets und während Flintlock Coulibalys Mentor. Er nennt den Auftritt der Afrikaner „wirklich beeindruckend“. Dazu passt, dass in der zehnten ­Auflage von Flintlock erstmals drei afrikanische Streitkräfte auch Ausbilder gestellt haben. Dazu passt ebenso, dass erstmals Rechtsberater intensiv in Planung und Operationsführung eingebunden waren.

Ein großer Schritt für viele Armeen

Die Beachtung von Kriegs- und Menschenrecht – an dieser heiklen Stelle haben sich viele Armeen Afrikas einen grausigen Ruf erworben. „Wann wir an dem Punkt sind, dass sich in diesen Streitkräften junge Rechtsberater trauen, einem Kommandeur zu sagen, was er zu tun hat, bleibt abzuwarten“, sagt ein amerikanischer Rechtsanwalt in Uniform. „Aber eine neue Offenheit für das Thema ist deutlich zu erkennen.“

Für die meisten dieser Armeen ist das ein Riesenschritt. Viele Jahre nicht mehr als Präsidentengarden, Schocktruppen für den Inlandseinsatz oder nur uniformierte Staffage für Nationalfeiertage, häufig aus Putschangst von Regierungen schwach und in Konkurrenz zu anderen bewaffneten Organen ihrer Staaten gehalten, bauen diese Armeen nun systematisch Kampfkraft auf. Das Umdenken dahinter ist nicht zu verkennen. Die Energie, mit der Africom diesen Prozess vorantreibt, auch nicht. Die zunehmende Instabilität des Sahel schweißt offensichtlich zusammen.

Wie Africom wahrgenommen wird

„Flintlock hat die Fenster weit aufgestoßen. Was uns aber immer noch massiv beschränkt, sind unsere schwachen Ressourcen“, sagt der burkinische Offizier Didace Da. Auch da setzen die Amerikaner an: Ihre Botschaft in Ouagadougou finanziert drei Anti-Terror-Kompanien und drei Versorgungskompanien der Armee Burkina Fasos.

In Streitkräften und Medien des Sahel gibt es viele Interpretationen für das Engagement von Africom. Sie reichen von „Die Amerikaner bereiten sich auf einen großen Krieg in der Region vor“ bis zu „Die helfen uns wirklich“. Fast durchweg wird die Rolle des US-Militärs wesentlich positiver beschrieben als etwa die des französischen. Der alten Kolonialmacht werden – ob zu Recht oder nicht – Eigennutz und postkoloniale Allüren unterstellt.

Ein deutscher Diplomat, der den Sahel seit Jahren aus eigener Anschauung kennt, sagt es so: „Africom macht viele kleine Schritte. Die Amerikaner machen es gut. Und sie machen es mit beeindruckender Konsequenz.“

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