Von Göppingen nach Kirchheim Neue Hoffnung für alte Bahnstrecke

Von Karen Schnebeck 

Freiwillige haben die Bahntrasse in der Vergangenheit immer wieder von Gestrüpp befreit, zum Teil haben sie dazu – wie hier bei Eschenbach – die Gefräßigkeit von Ziegen genutzt. Foto: Horst Rudel/Archiv
Freiwillige haben die Bahntrasse in der Vergangenheit immer wieder von Gestrüpp befreit, zum Teil haben sie dazu – wie hier bei Eschenbach – die Gefräßigkeit von Ziegen genutzt. Foto: Horst Rudel/Archiv

Seit mehr als 20 Jahren gibt es immer wieder mal Vorstöße, die stillgelegte Boller Bahn zu reaktivieren. Der jüngste könnte womöglich tatsächlich erfolgreich sein – und eine komplett neue Verbindung von Göppingen bis Kirchheim schaffen.

Bad Boll - Im vergangenen Oktober haben die SPD-Landtagsabgeordneten Sascha Binder, Peter Hofelich und Andreas Kenner bei der Landesregierung nachgefragt, wie die Aussichten für eine Reaktivierung der Voralbbahn zwischen Göppingen und Bad Boll stehen und für eine Verlängerung der Strecke nach Kirchheim/Teck (Kreis Esslingen). Die Antwort des grünen Verkehrsministers Winfried Hermann war damals offenbar selbst seinen eigenen Parteikollegen zu zurückhaltend. Denn jetzt haben sich die grünen Landtagsabgeordneten Alexander Maier und Andreas Schwarz des Themas angenommen und wollen Nägel mit Köpfen machen.

„Es ist immer wieder über eine Reaktivierung geredet worden, aber passiert ist wenig“, kritisiert Maier. „Wir sind der Meinung, dass es nur zu so einem Projekt kommen kann, wenn das von unten, von den Kommunen ausgeht.“ Maier und Schwarz haben sich deshalb jüngst im Bad Boller Rathaus mit Vertretern sämtlicher Städte und Gemeinden getroffen, die an der stillgelegten Boller oder der Weilheimer Bahn, zwischen Weilheim und Kirchheim, liegen.

Zum ersten Mal ziehen alle an einem Strang

Die Idee ist simpel: Im Schulterschluss sollen die Gemeinden das Projekt voranbringen, das die Politik in den vergangenen mehr als 20 Jahren trotz vieler Vorstöße immer wieder aus den Augen verloren hat.

Immer wieder hatten sich einzelne Kommunen, vor allem Bad Boll, und der Verein Ein neuer Zug im Kreis dafür stark gemacht, das „Boller Bähnle“ wieder zu nutzen. Immer wieder gaben sie Gutachten in Auftrag, die untersuchten, wie eine Reaktivierung umgesetzt werden könnte oder für wie viele Fahrgäste die Strecke interessant wäre. Ähnliche Vorstöße gab es jenseits der Göppinger Kreisgrenze entlang der Bahnstrecke von Weilheim nach Kirchheim. Doch dass alle Kommunen gemeinsam an einem Strang ziehen, das gab es noch nie.

Beide Bahnstrecken sind lediglich stillgelegt, die Gleise sind noch vorhanden. Der Regionalverkehrsplan empfiehlt die Reaktivierung und die Verbindung beider Strecken, um einen Ringschluss von Göppingen bis Kirchheim zu erreichen. Der Plan sieht allerdings viele Verbindungen in der Region Stuttgart vor, was davon tatsächlich umgesetzt wird, ist eine ganz andere Frage.

Das nächste Treffen ist für Ende April geplant

„Wir beschäftigen uns schon lange mit dem Thema“, sagt Schwarz. „Der Ringschluss würde zu einer Attraktivitätssteigerung aller Kommunen entlang der Strecke führen, die Bahn könnte ein wichtiger Standortfaktor werden.“ So gebe es etwa zwischen Bad Boll und Kirchheim vielfältige Beziehungen, die Bürger machten auf dem Weg zur Arbeit oder zum Einkaufen schließlich nicht an den jeweiligen Kreisgrenzen halt. „Aber bisher sind die Leute mit dem Auto unterwegs. Attraktive öffentliche Verbindungen fehlen.“

Weil sämtliche versammelten Kommunen das genauso sehen, ist nun geplant, die vielen einzelnen Gutachten, die in der Vergangenheit bereits gemacht wurden, zusammenzupacken, wie der Weilheimer Bürgermeister Johannes Züfle (parteilos) berichtet. Dann wollen die Initiatoren prüfen, welche Untersuchungen noch notwendig sind, um das Bahnprojekt voranzubringen. Offene Fragen gibt es trotz der vielen Voruntersuchungen noch viele, etwa wie die Trasse für eine Verbindung von Boll nach Weilheim genau verlaufen könnte und vor allem, ob die Strecke wirtschaftlich betrieben werden könnte. Die Chancen für Letzteres stehen offenbar nicht schlecht. Ein älteres Gutachten aus Bad Boll hatte dem Bürgermeister Rudi Bührle zufolge bis zu 3000 Fahrgäste täglich prognostiziert.

Die grünen Landespolitiker und die Kommunen geben sich zuversichtlich, dass es jetzt vorangeht. „Wann, wenn nicht jetzt“, sagt Schwarz. Schließlich hätten sowohl der Bund als auch das Land mehr Mittel für den Nahverkehr in Aussicht gestellt. Und damit es nicht wieder nur bei Absichtsbekundungen bleibt, ist das nächste Treffen bereits in Vorbereitung. Schon Ende April will man sich mit Vertretern der zuständigen Behörden zusammensetzen.

Stillgelegte Strecken im Kreis Göppingen

Heute:
Zug fahren kann man im Kreis Göppingen normalerweise nur noch auf der Filstalbahn. Alle anderen Strecken wurden schon vor Jahrzehnten aufgegeben. Das Boller Bähnle von Göppingen über Ursenwang und Heiningen nach Boll ist die einzige Strecke, die noch weitestgehend intakt und nur stillgelegt ist.

Gestern:
Früher gab es neben der Filstal- und der Boller Bahn eine Zugverbindung von Göppingen nach Schwäbisch Gmünd. Heute ist davon nichts mehr übrig, teilweise verläuft dort ein Radweg. In Birenbach wird derzeit darüber gestritten, ob auf der Trasse ein Supermarkt gebaut werden soll, oder ob man sie für den Radverkehr freihält. Hinzu kommen die Bahnstrecke Süßen–Weißenstein, von der ebenfalls kaum noch etwas übrig ist und die Tälesbahn zwischen Geislingen und Wiesensteig. Sie wird ebenfalls teilweise als Radweg genutzt.

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