Mütter und Kinder im Flüchtlingsheim Schlotwiese anno 1947. Foto: HdGBW

Millionen von Menschen suchen eine neue Heimat, in der sie sicher sind, eine Zukunft und Arbeit haben. So ist das heute – und so war es vor 200 Jahren. Damals flüchteten nicht Syrer, sondern Badener und Schwaben. Im Haus der Geschichte beschäftigt man sich am Sonntag mit Flucht und Zuflucht.

Stuttgart - Letztlich sind wir alle Afrikaner. Von Afrika aus sind unsere Vorfahren um die Welt gewandert – Adam und Eva waren schwarz. Beim Bevölkern des Globus haben die Menschen sich fleißig vermengt, wie sehr hat eine Studie der Schweizer Firma Igenea gezeigt: Sie haben die Gene von zehntausenden Deutschen analysiert. Dabei fanden sie heraus, sechs Prozent aller Deutschen sind väterlicher­seits germanischen Ursprungs, zehn Prozent haben jüdische Wurzeln. 30 Prozent stammen von Osteuropäern ab. Die Forscher haben einen ziemlichen Mischmasch entdeckt. Kein Zufall, haben doch gerade im Südwesten allerlei Menschen ihre Spuren und Gene hinterlassen. Alemannen, Römer, Kelten, Franken, und viele andere siedelten hier, die Vertriebenen, die Gastarbeiter aus Südeuropa kamen hinzu. Baden-Württemberg, das ist auch eine Geschichte von Flucht und Zuflucht. Millionen Menschen wanderten aus. Und in den letzten 60 Jahren zogen 1,1 Millionen Menschen aus dem Ausland her.

Das Ausland ist nebenan

Baden-Württemberg liegt einem zu Füßen. Die Karte zeigt den Südwesten im Jahre 1970. Sie ist ein Flickenteppich. Recht bunt, „weil das Land damals ein Flickenteppich war“, sagt Geschichtsvermittlerin Elke Thran. „für einen Stuttgarter war Esslingen damals Ausland.“ Und ein Tübinger hätte nie nach Rottenburg geheiratet, weil die einen evangelisch, und die anderen katholisch waren. Man verstand sich im wahrsten Sinne des Wortes nicht, weil man ein Tal weiter schon eine andere Sprache sprach.

Der Hunger treibt sie raus

Drei „Schwabenzüge“ gab es im 18. Jahrhundert. Zehntausende Siedler zogen gen Osten mit der Aussicht auf ein Stück Land und eine bessere Zukunft. Viele siedelten im Banat und Batschka in Serbien und Ungarn. Die Zahl der Neuankömmlinge übertraf gar die Zahl der Einheimischen. Als viele nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland flüchteten, mussten sie sich als Batschaken beschimpfen lassen. Im 19. Jahrhundert trieb die schiere Not die Menschen fort. Der Vulkan Tambora hatte 1815 eine Aschewolke ausgespuckt, die die Sonne verdüsterte. Es schneite im Sommer, die Ernte verdorrte. Die Menschen in Württemberg aßen Bucheckern und Wurzeln. Tausende verhungerten, und Hunderttausende wanderten aus, vornehmlich in die USA. Ein Uracher Konditor hob zur Mahnung zwei Hungerbrötchen auf, auf dass sich seine Nachfahren auf ewig an diese Zeit erinnern mögen. Heute sind sie im Haus der Geschichte zu sehen.

Die Flucht vor der Folter

Nach dem Scheitern der Revolution von 1848 flüchteten viele Demokraten in die USA. Ihnen drohten Folter und Hinrichtung. Auch den Ulmer Wilhelm Pfänder zog es nach Amerika. Er hatte in Ulm den Sportverein SSV aus der Taufe gehoben. In Minnesota gründete er New Ulm, nur deutsche Turner durften sich dort ansiedeln. Man stelle sich vor, heute würde ein Syrer in Brandenburg Neu Damaskus gründen, und nur Kamelreiter wären willkommen. „Viele Auswanderer bleiben in der Fremde erst mal unter sich“, sagt Elke Thran, das hätten auch die Deutsche getan. Wenn man schaue, wie die Spätaussiedler jahrhundertelang deutsche Bräuche und Sprache bewahrt hätten, „so muss man feststellen, das Deutsche von anderen ein Maß an Integration fordern, dass sie selbst nie eingehalten haben“.

Der Mann geht voran

Der Terror der Nazis ließ vielen Deutschen jüdischen Glaubens keine Wahl: Sie mussten ihre Heimat verlassen. So auch Hans Fröhlich. Seine Familie schickte ihn nach New York. Dort malochte er und sparte Geld, um seine Familie nachzuholen. Seine Mutter durfte ausreisen, für Vater und Bruder war es zu spät, die Nazis brachten sie um.

Die Angst vor Fremden

Die Franzosen hielten nach dem ersten Weltkrieg Gebiete entlang des Rheins besetzt. 1930 zogen sie sich zurück. Und ließen gut 800 schwarze Kinder zurück. Diese Kinder der Besatzungssoldaten wurden als „Rheinlandbastarde“ oder „schwarze Schmach“ geschmäht. In der Weimarer Republik diskutierte das Parlament, ob man diese Kinder zwangssterilisieren müsse. Das lehnte man ab. Mit knapper Mehrheit. Die Nazis sterilisierten die Kinder.

Kein Platz für Arme

Amit Baid kam 2000 zu SAP nach Walldorf. Er war einer der Ersten, der Dank der Green Card einreisen durfte. Er lebt mittlerweile in den USA. „Er steht für eine Elite, die rund um den Globus unterwegs ist“, sagt Elke Thran, „diese Elite spricht selbstverständlich Englisch und keiner verlangt von Ihnen Deutsch zu lernen.“ Die Reichen lädt man ein, die Armen will keiner haben. So wie Theresia Schmidt. Sie lebte in Bühlertal. 1855 wollte die Gemeinde sie und alle anderen Kostgänger loswerden, zahlte ihr und 299 anderen Menschen eine Fahrkarte in die USA. Aus den Augen, aus dem Sinn.

Die neue Heimat

Da gibt es die Familie Schwarz, die nach dem Krieg aus der Slowakei flüchtete. Wie alle anderen Vertriebenen wurden sie im Land verteilt. Sie kamen nach Walldürn, amerikanische Quäker spendeten ihnen eine Milchkuh. Mit der Auflage, das erste Kalb an eine andere bedürftige Familie zu verschenken. Oder Mariam Schirasi, die mit ihrer Familie vor den Häschern Khomeinis nach Konstanz flüchtete. Oder Nadja Pawluk, die in Hohensteinenberg als Zwangsarbeiterin landete. Nach dem Krieg blieb sie hier, heiratete, ihre Kinder und Enkel sind nun Schwaben.

Die Führung am Sonntag, im Haus der Geschichte, Urbansplatz 2, um 14.30 Uhr erzählt von Flucht und Zuflucht. Treffpunkt ist im Foyer. Die Führung kostet 4 Euro (zuzüglich Eintritt, ebenfalls 4 Euro).

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