Cro (Mitte) wurde mit eingängigen Pop-Rap berühmt. Doch Stuttgart hat noch viele weitere Hip-Hop-Gesichter zu bieten. Foto: Hannes Felix Kramer

Die Fantastischen Vier, Freundeskreis, Cro, Rin, Marz, Sickless und Die Orsons haben im Kessel ihre Wurzeln. Warum gerade hier? Was macht die Hip-Hop-Kultur in Stuttgart heute aus?

Stuttgart - Willkommen in der Mutterstadt, der Motorstadt am Neckar, Mekka für Rapper . . .

Mit diesen Zeilen beginnt das Lied „Mutterstadt“ von den Massiven Tönen. Die Hymne auf Stuttgart ist schon 22 Jahre alt. 2017 war der Song Soundtrack einer Museumsausstellung. Das Stadtpalais widmete den Stuttgarter Hip-Hop-Künstlern der ­90er Jahre unter dem Titel „Palais der Kolchose“ eine Ausstellung. Die ließen sich auch die alten Hasen der Szene nicht entgehen. An einem Tag schlich Jean-Christoph Ritter, der als Schowi zu den Massiven Tönen gehört, durch die Schau. Er konnte kaum fassen, was er dort hängen sah: „Eine alte Autogrammkarte!“ Weniger Falten und weniger Bart, so fasste er in „SWR 2“ zusammen, was er sah. „Darf ich das anfassen?“

Hip-Hop hat es ins Museum geschafft. Was war die Kolchose? Warum wurde Hip-Hop in Stuttgart so präsent? Laut Smudo von den Fantastischen Vier spielte die deutsche Besatzungsgeschichte eine Rolle: „Wir hatten in Stuttgart den Standortvorteil, dass wir als ehemalige amerikanische Besatzungszone schon relativ früh in Berührung mit der Hip-Hop-Kultur kamen.“

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Der Startschuss der deutschen Hip-Hop-Szene fiel in Stuttgart

Die Musikrichtung entstand in den 1970er Jahren in den USA. Zunächst war Hip-Hop eher ein Genre für Liebhaber, keine Musik für die Massen. In den 80ern erreichte die Richtung durch Künstler wie Kurtis Blow, die Sugarhill Gang oder Grandmaster Flash ein größeres Publikum und kam auch nach Europa und Stuttgart. Hier formierten sich Ende der 80er die Fantastischen Vier – die Pioniere des deutschen Hip-Hop. Sie waren die erste kommerziell erfolgreiche Hop-Hop-Band aus Deutschland. Mit ihrem Lied „Die da?!“ landeten die Stuttgarter 1992 ihren ersten Charterfolg. „Die da?!“ lief auf allen Radiosendern und im TV. Der Startschuss für deutschen Hip-Hop war gefallen. Er war damals neu, im Vergleich zu der Musik aus den USA gab es keine Sprachbarriere mehr. Der Sound der Fantas war poppig, die Texte waren einfach.

In Stuttgart formierte sich als Gegenpol dazu in den 90ern die Hip-Hop-Familie Kolchose als loser Künstlerverbund. Mitglieder waren Max Herre und seine Band Freundeskreis, Jean-Christoph Ritter (Schowi) und DJ 5ter Ton von der Band Massive Töne – und viele weitere. Freundeskreis und Massive Töne wurden ebenfalls sehr erfolgreich. „Mutterstadt“ wurde 1996 veröffentlicht, die Zeit gilt als die goldene Ära des Deutsch-Rap. Ihren Höhepunkt erreichte die Epoche 1999, als innerhalb von einer Woche vier Stuttgarter Alben die Charts dominierten: „4:99“ (Die Fantastischen Vier), „Esperanto“ (Freundeskreis), „Überfall“ (Massive Töne) und „Rolle mit Hip-Hop“ (Afrob).

Heute ist der damalige Siegeszug des Hip-Hops reif fürs Museum. Jean-Christoph Ritter brauchte eine Weile, um das im Stadtpalais zu schlucken. „Ich finde es irre, hier Exponate zu sehen, die mir total vertraut sind“, sagte er. Wie lange alles her ist? Schilder erinnerten daran: „Wenn ich dann aber lese, das ist von vor 20 oder 25 Jahren, dann ist es – komisch, mindestens komisch“, sagte Ritter zu „SWR 2“.

Auf dem Zenit angekommen

Mit Konzerten und Partys für Hip-Hop-Begeisterte in der Stadt wurde die Kultur in den 90ern gefeiert. Diskotheken wie der 0711 Club wurden zur Pilgerstätte für Fans aus ganz Deutschland. Die Rivalität zwischen der Kolchose und den Fantastischen Vier löste sich Ende der 90er auf. Hip-Hop war endgültig in der Popwelt angekommen und längst kein Spartensound mehr.

Anfang der 2000er war der Boden für viele weitere Künstler bereitet, durch Agenturen und Labels war Stuttgart zu einem Zentrum für Hip-Hop-Kultur geworden. Künstler wie der Pandarapper Cro aus Stuttgart sind ein Massenphänomen – auf den Konzerten in ausverkauften Stadien singen junge Mädchen mit ihren Eltern die Texte mit. Der „Spiegel“ schreibt 2014, dass Hip-Hop die neue Volksmusik sei.

Stuttgarter Hip-Hop heute ist vielseitig

2017 kamen die Rapper Rin und Bausa aus Bietigheim mit einem ganz anderen Sound groß raus. „Was du Liebe nennst“ von Bausa ist der am längsten an der Spitze der deutschen Charts platzierte deutschsprachige Hip-Hop-Song – und schlägt damit die Vorgänger aus Stuttgart. Der Erfolg kommt heute übers Internet, die Lieder erreichen so ein Massenpublikum. Die neue Generation von Stuttgarter Hip-Hop-Künstlern unterscheidet sich auch durch ihre Vielfalt von der goldenen Ära. Cro, die Band Die Orsons, Rapper wie Marz oder Rin zeigen, wie unterschiedlich Rap aus Stuttgart heute klingt.

Hip-Hop ist nicht aus der Stadt wegzudenken. Dennoch hat die Szene auch Probleme. Vor allem, weil es an bezahlbaren Räumen mangelt, in der sich eine Kultur entwickeln kann: für das nächste Kapitel der Hip-Hop-Geschichte, das früher oder später vielleicht auch im Museum landet.

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