Auf der Strecke der früheren Schwarzwaldbahn sollen spätestens Ende Januar wieder Züge rollen. Das Projekt hat sich mehrfach verzögert, auch die Kosten stiegen enorm an.
Spätestens Ende Januar 2026 soll es soweit sein: Dann rollen die ersten Züge der Hermann-Hesse-Bahn (HHB) von Calw in Richtung Stuttgart. Der ursprünglich für Ende dieses Jahres geplante Start auf der reaktivierten Bahnstrecke sei zeitlich nicht zu halten, wie der Geschäftsführer des Zweckverbandes Hermann-Hesse-Bahn gegenüber unserer Zeitung bestätigt.
„Die Hesse-Bahn wird im Laufe des Januars in Betrieb gehen, spätestens Ende Januar 2026“, sagt Frank von Meißner. Die jüngste Verzögerung falle nur minimal aus, kommt aber mit einer weiteren Einschränkung daher: „Die Hermann-Hesse-Bahn wird in einer ersten Phase nur zwischen Calw und Weil der Stadt pendeln“, ergänzt von Meißner.
Testfahrten dauern mehrere Wochen
Die vorgesehenen innovativen Batteriezüge sollen erst in einer zweiten Ausbauphase bis nach Renningen im Kreis Böblingen fahren, voraussichtlich ab Juni des kommenden Jahres. Grund dafür sind fehlende Signalanlagen, die erst im Mai eingebaut werden können. So lange werden zwischen Weil der Stadt und Renningen nur die Züge der S-Bahnlinien 6 und 62 (Express) fahren.
Noch im Juli hatte es geheißen, die HHB werde mit dem Fahrplanwechsel im Dezember starten. Doch die Bauarbeiten zwischen Calw und Weil der Stadt werden voraussichtlich erst bis Anfang Dezember abgeschlossen sein. „Anschließend finden Test- und Abnahmefahrten statt“, sagt der Verbandsgeschäftsführer. Diese ziehen sich über mehrere Wochen hin.
Von 60 auf mehr als 200 Millionen Euro
Letztlich wird die Hesse-Bahn mit sieben Jahren Verspätung den Betrieb aufnehmen. 2012 hatte der Landkreis Calw, der die Strecke zwischen Calw und Weil der Stadt 1994 für einen symbolischen Euro gekauft hatte, beschlossen, die 20 Kilometer lange Strecke als Zubringer zum Stuttgarter S-Bahn-Netz bis Renningen zu reaktivieren. Die Planungen damals sahen eine Eröffnung 2018 sowie Kosten von rund 60 Millionen Euro vor.
2016 wurde ein Zweckverband gegründet, an dem der Kreis Calw sowie die Stadt Calw und die Kommunen Althengstett und Ostelsheim beteiligt sind. Tunnel und Schienen mussten ertüchtigt, Bahnübergänge eingerichtet sowie bei Weil der Stadt die abgerissene Brücke über die B 295 neu gebaut werden.
Größter Einzelposten war anfangs ein Tunnelneubau durch den Hacksberg bei Weil der Stadt-Schafhausen. Für 16,5 Millionen Euro wurde die Strecke damit um 3,7 Kilometer und etwa vier Minuten Fahrzeit verkürzt. Für die Planungen war dies aber essenziell, denn nur so wurde eine rechnerische Wirtschaftlichkeit der Verbindung von Calw nach Stuttgart erreicht.
Mehrere Klagen, unter anderem der Städte Renningen und Weil der Stadt, verzögerten die Pläne. Auch ein durchgängiger Metropolexpress (MEX) bis Stuttgart war eine Weile im Gespräch. Den größten Strich durch die Rechnung machte den Planern aber der Artenschutz: Entlang der Strecke wurden seltene Steinkrebse entdeckt. Die zwei stillgelegten Tunnel Forst und Hirsau werden zudem von 18 verschiedenen Fledermausarten als Winterquartier genutzt.
Während die Steinkrebse für die Bauzeit umgesiedelt werden konnten, war dies bei den Fledermäusen nicht so einfach möglich. Versuche, sie zu vergrämen, blieben erfolglos. Vier Jahre, tausende Seiten Gutachten, hunderte Maßnahmen und geschätzte 80 Millionen Euro später ist die Lösung dieses Problems fast fertiggestellt: Tunnel in Tunnel lautet diese. In die drei bereits bestehenden Tunnel der Strecke wird eine Röhre eingezogen, die die fliegenden Säugetiere vor den durchfahrenden Zügen schützt – und umgekehrt.
Die Gesamtkosten beziffert der Zweckverbands-Chef mittlerweile auf 207 Millionen Euro. „Diese Zahl steht“, sagt Frank von Meißner. 75 Prozent der Baukosten trägt das Land Baden-Württemberg, zudem gibt es einen Zuschuss zur Planung in Höhe von 15 Prozent der Baukosten. Wie die Mehrkosten zwischen dem Kreis Calw und den beteiligten Kommunen aufgeteilt werden, steht aber noch nicht fest.
„Kosten für Artenschutz massiv unterschätzt“
Von Meißner führt vor allem drei Gründe für die Kostensteigerung um mehr als 300 Prozent an. „Wir haben die Kosten für den Artenschutz massiv unterschätzt. Zudem sind die Baukosten seit 2012 massiv gestiegen. Und im Bahnverkehr wird aktuell sehr investiert, es gibt aber nicht viele Firmen, die in diesem Bereich arbeiten“, erklärt er.
Wenn die Hesse-Bahn im Januar ihren Betrieb aufnimmt, dann werden batteriebetriebene Züge der SWEG wochentags zwischen 5 und 20 Uhr im Halbstundentakt fahren. Nach 20 Uhr, an Feiertagen und Wochenenden sollen die Züge einmal pro Stunde fahren. Wer aus dem Gebiet des Verkehrsverbundes Stuttgart (VVS) kommt, kann mit nur einem Ticket bis Calw gelangen. Aus dem Schwarzwald soll die Landeshauptstadt in 59 Minuten Fahrzeit erreicht werden.
Hermann-Hesse-Bahn
Schwarzwaldbahn
Die Strecke zwischen Stuttgart und Calw wurde 1872 eröffnet. In den 1930er Jahren wurde sie zwischen Stuttgart und Weil der Stadt elektrifiziert, seit 1978 ist sie Teil des S-Bahn-Netzes. 1983 fuhr der letzte Personenzug bis nach Calw. 1988 wurde der Güterverkehr eingestellt, die Strecke offiziell 1995 stillgelegt.
Hermann-Hesse-Bahn
Der Namenspatron Hermann Hesse wurde 1877 in Calw geboren und wuchs dort sowie in Basel auf. 1946 erhielt er den Literatur-Nobelpreis. Zu seinen bekanntesten Werken zählen „Der Steppenwolf“, „Siddhartha“ oder „Narziß und Goldmund“.