Auf dem Friedhof von Echterdingen spendet Matthias Ruzicka Menschen Trost. Manchmal nimmt ihn das auch selbst etwas mit. Foto: Christoph Kutzer

Matthias Ruzicka bringt Menschen unter die Erde. Er kümmert sich aber auch um die Hinterbliebenen. Seinen Humor hat er sich bei alldem bewahrt.

Echterdingen - Matthias Ruzicka steht vor der Aussegnungshalle und lässt seinen Blick über den Echterdinger Friedhof schweifen. „Ich bin gerne hier“, stellt er fest und grüßt eine ältere Dame, die vorübergeht. „Es gibt nicht viele Arbeitsplätze, an denen man täglich die Vögel zwitschern hört.“ Seit 2002 ist Ruzicka Friedhofsverwalter. „Das ist die offizielle Bezeichnung. Ich finde eigentlich, dass der alte Begriff Totengräber auch nicht verkehrt ist.“ Zumindest gehören das Ausheben von Gräbern und die Begleitung zum Grab zu seinen Aufgaben. Die Schaufel ist allerdings Geschichte. Ein kleiner Bagger hilft, die Grube vorzubereiten. Derzeit sind vor allem Urnengräber gefragt.

 

Gelernt hat der 53-Jährige Landmaschinenschlosser. „Manche Berufe wollen einen einfach“, erinnert er sich an den Weg zum Friedhofsdienst. „Ich hatte mich auf die Stelle hier beworben, war mir aber nicht hundertprozentig sicher. Dann war auch noch die Antwort der Stadt mit der Einladung zum Vorstellungsgespräch ungelesen in eine Zeitung gerutscht und ich war überrascht, als man mich anrief, und fragte, ob ich schon eine Stunde früher kommen könne. Es sollte wohl so sein, dass ich hier lande.“

Er sieht sich selbst als Fährmann

Neben der Eignung für die verschiedenen anfallenden Aufgaben, die Ruzicka mit einem Hausmeisterjob vergleicht, fällt für ihn auch der menschliche Faktor schwer ins Gewicht. „Ich sehe mich als Fährmann, der die Toten und die Angehörigen auf einem Stück des Weges begleitet“, gibt er zu verstehen. „Ich kann den Leuten die Sorgen im technischen Bereich abnehmen und ein Stück weit Stütze sein. Ich denke, ich habe ein gutes Gespür dafür, was jemand gerade braucht. Das kann ein tröstendes Wort sein oder eine Zigarette.“

Der kräftige Mann strahlt eine wohltuende Ruhe aus. Dennoch prallt nicht alles folgenlos an ihm ab. „Gerade wenn Kinder begraben werden, geht mir das manchmal schon nahe“, sagt er. „Es kommt vor, dass ich danach einen Tag Urlaub brauche, um alles sacken zu lassen.“ Die Familiengeschichte macht es in solchen Fällen nicht leichter. Mit 20 Jahren erfuhr Matthias Ruzicka, dass er eine Schwester gehabt hatte, die vor seiner Geburt gestorben war. „Das war selbst in meinem Elternhaus ein Tabuthema, wo man sonst sehr offen mit dem Tod umging“, blickt er zurück. „Als mein Vater starb, hatte er uns alle Wünsche rund um die Beerdigung hinterlassen – selbst die Lieder, die gesungen werden sollten.“

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Zu einem respektvollen aber angstfreien Umgang mit dem Sterben beizutragen, ist dem Friedhofsverwalter ein Anliegen. So findet auf seine Anregung hin einmal im Jahr Konfirmandenunterricht auf dem Friedhof statt. Auch als Familienvater geht er offen mit seinem Beruf um. Die Tochter war schon in jungen Jahren mit bei der Arbeit und konnte ihre Fragen stellen. Der Umgang mit dem Tod ist längst nicht frei von Aberglauben, wie Ruzicka weiß. „Mir gegenüber wurde schon mehrfach der Wunsch geäußert, Verstorbene mit ihrem Handy zu bestatten. Das geht natürlich nicht, und es erinnert mich seltsam an die Glöckchen, die man im 18. Jahrhundert an Gräbern anbrachte, damit scheintot Begrabene sich bemerkbar machen könnten.“

Humor ist ihm wichtig, auch im Beruf

Manchmal sind die irrationalen Gedanken allerdings auch nützlich. Es gebe immer wieder Spezialisten, die mit dem Fahrrad über den Friedhof führen, erzählt der Echterdinger. Bei Diskussionen helfe es da manchmal, freundlich zu fragen, ob sie es sich wirklich mit dem Totengräber verscherzen wollten.

Humor ist für Matthias Ruzicka wichtig, auch im Beruf: „Manchmal tut es Angehörigen gut, wenn sie schmunzeln oder lachen dürfen. Ich albere nicht herum. Das versteht sich von selbst. Aber ein lockerer Spruch kann guttun, wenn man ein Gespür dafür hat, bei wem so etwas ankommt und ob es der richtige Moment ist.“ Vielleicht liegt ihm der Beruf ja doch als Berufung im Blut? „Ich habe hier bereits ein oder zwei Jahre gearbeitet, als ich herausfand, dass auch mein Urgroßvater Totengräber war“, sagt Ruzicka. „Ich glaube zwar nicht direkt, dass ich eine Veranlagung geerbt habe. Aber spannend fand ich das schon.“