Hat eine gewisse Vorliebe für Fahnen: Michael Salomo, Oberbürgermeister in Heidenheim an der Brenz Foto: /Reiner Pfisterer

Pausenlos Termine, Diskussionen mit Bürgern – und immer öfter Kritik unter der Gürtellinie: Der Job des Bürgermeisters ist kein familienfreundlicher Spaziergang. Zu Besuch bei Michael Salomo im Rathaus von Heidenheim.

Keine Atempause, Geschichte wird gemacht: hier ein Foto mit dem Vorstandsvorsitzenden der Volksbank, die eine neue Parkbank gestiftet hat, dort ein Beitrag für das Netzwerk Instagram über die geballte Geselligkeit bei der Seniorenfeier Großkuchen. Dazwischen der Spatenstich für das neue Dialysegebäude am Kreiskrankenhaus Heidenheim, das historische Stadtmauerfest in Nördlingen, eine Gemeinderatssitzung und ein Treffen des Netzwerks Junge Bürgermeister: Michael Salomo (SPD), der Oberbürgermeister der Kreisstadt Heidenheim mit seinen rund 50 000 Einwohnern, ist immer im Dienst.

 

Erst kam Corona, dann der Krieg in der Ukraine und die damit verbundene Energiekrise: War das Leben eines Oberbürgermeisters schon früher kein familienfreundlicher Spaziergang, gleicht die Zeit seit Salomos Wahl im Juni 2021 einem Hindernislauf, bei dem es weniger ums Regieren, sondern ums Reagieren geht.

Der Ton wird rauer

Der Bürger scheint noch besorgter als früher: Impfung oder keine Impfung? Weltverschwörung oder nur die bittere Realität der Gegenwart? Das alles verbunden mit der Frage, wie man die eigenen vier Wände auf der Alb warm kriegt, wo es dort doch einen Kittel kälter ist als rund um Stuttgart – nicht menschlich, sondern klimatechnisch.

Auf den ersten Blick scheint sich Michael Salomo wenig Sorgen zu machen. Manchmal wirkt der 34-Jährige so, als könnte er es selber noch nicht glauben, dass er der Chef der Verwaltung, der Chef des Gemeinderats und erster Ansprechpartner für die Bewohner der Stadt ist.

Überraschenderweise ist es gar nicht so einfach, es dabei allen recht zu machen. Mehr noch: Der Ton, der aus der digitalen in die analoge Welt schwappt, wird immer rauer. Im Februar 2022 machte Salomo als Sprecher des Netzwerks Junge Bürgermeister mit einem Brandbrief bundesweit auf sich aufmerksam: Darin beklagen sich Salomo und seine Mitstreiter, dass Angriffe auf Amtsträger in der Lokalpolitik zunähmen. Vom Fackellauf vor der eigenen Privatadresse bis zu Sachbeschädigungen: Der Nahkampf mit besorgten Bürgern habe erschreckende Ausmaße erreicht.

Piercing an der Fassade

Der erste Eindruck täuscht also: Michael Salomo macht sich sehr wohl Sorgen, weil seine Schäflein eine gewisse Grundunzufriedenheit ausstrahlen. „Manche Leute haben ein Haus, gehen zweimal im Jahr in den Urlaub, haben zwei gesunde Kinder und sind trotzdem unglücklich, weil der OB nicht die Straße vor ihrem Haus kehren oder weil der Nachbar sein Auto 20 Zentimeter in die Hofeinfahrt ragen lässt. Wir müssen unser Lebensglück aber selbst in die Hand nehmen“, sagt Michael Salomo. Er sitzt in seinem Büro im Heidenheimer Rathaus, dem einzigen in Deutschland mit einem Piercing an der Fassade – ein riesiger Metallring als Kunst am Bau.

Das Rathaus wird derzeit renoviert, was natürlich sofort als Metapher dafür herhalten muss, dass auch der Politikstil in Heidenheim generalüberholt wurde. Salomo hat das Dienstzimmer seines Vorgängers Bernhard Ilg in ein Besprechungszimmer verwandelt: Wo der langjährige CDU-OB – Ilg hat Heidenheim von 2000 bis 2021 im Stile eines Generals regiert – seine Gäste hat antreten lassen, steht nun ein Tisch in der Mitte, an dem auf Augenhöhe diskutiert werden soll. Am hinteren Ende des Raumes hat Michael Salomo Fahnen aufstellen lassen – der junge OB hat eine gewisse Schwäche für Flaggen. Ihm deshalb etwas Flatterhaftes andichten zu wollen wäre ungerecht, auch wenn der eine oder andere rund ums Rathaus kritisiert, dass sich der neue OB etwas zu oft mit seinem Bürgermeister-Netzwerk befasst und dafür Ideen für seine Stadt vermissen lässt.

Martin Grath findet die Kritik ungerecht. Der grüne Landtagsabgeordnete für den Wahlkreis Heidenheim sagt: „Die Fußstapfen von Bernhard Ilg sind sehr groß, Michael Salomo wird da aber hineinwachsen.“ Die Arbeit eines OBs könne man nicht nach eineinhalb Jahren bewerten, sondern frühestens nach drei oder vier, sagt Grath, Jahrgang 1960, dem man alles glaubt, nachdem man sein Haselnussbrot gegessen hat. Grath ist nicht nur Abgeordneter, sondern auch Biobäcker.

Das Bermudadreieck von Ostwürttemberg

Heidenheim wird gerne unterschätzt im ostwürttembergischen Bermudadreieck mit Aalen und Ulm, dabei spielt die Stadt auch landespolitisch keine schlechte Rolle: Andreas Stoch, Chef der Landes-SPD, kommt von hier und sieht Salomo etwas euphorischer als andere: „Es war in Heidenheim Zeit für eine Politik, die alle Menschen in den Blick nimmt. Michael Salomo steht für einen neuen Politikstil – und er wird seinen Weg gehen.“

Die „Heidenheimer Zeitung“ hatte zum Abschied von Bernhard Ilg geschrieben, dass er die Stadt nach vorn gebracht habe, gemäß dem Motto „Kein Jahr ohne Spatenstich“. Neue Stadtbibliothek, neues Congress-Centrum, dazu die Opernfestspiele in der Ruine des Rittersaals von Schloss Hellenstein, das Ilg zwar nicht gebaut hat, das aber trotzdem erhaben über der Innenstadt thront. Der 1. FC Heidenheim klopft außerdem ans Tor zur ersten Liga und kann in dieser Saison unter dem Coach Frank Schmidt, der die Truppe seit der Kreidezeit trainiert, den Aufstieg schaffen.

Wirtschaftlich gesehen ist die Stadt bereits erstklassig. Hier gibt es Weltmarktführer, sogenannte Hidden Champions, die in Heidenheim selbst gar nicht mal so versteckt sind. Der Mittelstandriese Voith liefert Anschauungsunterricht in der Disziplin nahtloser Übergang zwischen Wohnen und innenstädtischer Industrie. Vor den Toren der Stadt baut die Traditionsfirma Zeiss quasi wöchentlich eine neue Produktionsstätte. Heidenheim ist eine Arbeiterstadt. Seine Bewohner interessieren sich herzlich wenig dafür, was im fernen Stuttgart geschieht.

Salomos größte Leistung aus Sicht der Kritiker von Stuttgarter Verhältnissen: Er hat einen weiteren Nopper als Oberbürgermeister verhindert. Klaus Nopper, Bruder des Stuttgarter OB Frank, hatte sich in Heidenheim zur Wahl gestellt. Stattdessen machte der „Wowereit von Haßmersheim“ das Rennen, wie eine Boulevardzeitung Salomo genannt hatte, weil er im Odenwald als offen schwuler Bürgermeister regierte. War das ein Thema im Wahlkampf auf der einst so schwarzen Alb, dass der rote Kandidat ein Herz für Männer hat? „Es war kein Thema, weil ich auch selber kein großes Ding draus mache.“ Lieber spricht Salomo über die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben: „Ein Politiker ist kein Übermensch. Den überkandidelten Anspruch, den man an die Politik stellt, hält Leute davon ab, sich zu engagieren. Viele hören nach der ersten Amtszeit auf, weil sie ausgebrannt sind.“

Ein Bürgermeister ist auch nur ein Mensch

Salomo erzählt vom Austausch in seinem Netzwerk, zu dem nach eigenen Angaben mittlerweile mehr als 700 Bürgermeisterinnen und Bürgermeister gehören: „Die jungen Kollegen sagen: ,Meine Familie ist mir wichtig.‘ Aber Verwaltungsleitung, Repräsentation und Familie kann man innerhalb von 24 Stunden nicht in den Ausgleich bringen.“ Der junge Oberbürgermeister postet nicht nur Berufliches, sondern auch private Bilder – vom Urlaub in der Toskana oder dem Besuch beim Technofestival Tomorrowland in Belgien im vergangenen Sommer. Letzteres kommt bei seinen Followern sehr gut an: „Das feier ich jetzt hart“, schreibt User Maultasche 666.

Vielleicht helfen solche Einblicke ja, dass der besorgte Bürger versteht: Mein Bürgermeister ist auch nur ein Mensch. Sonst könnte in den Rathäusern bald das Licht ausgehen. Michael Salomo warnt: „Im öffentlichen Dienst fehlen bis zum Jahr 2030 rund 1,2 Millionen Mitarbeiter.“ Was in Heidenheim fehlen dürfte, nach der Renovierung des Rathauses, ist zumindest die Kunst am Bau. „Das Piercing am Rathaus hat für Einzigartigkeit gesorgt. Ich selbst kann mich nicht damit identifizieren“, sagt Michael Salomo. „Ich bin aber auch nicht das Maß aller Dinge.“

Vorschau Lesen Sie als nächste Folge: ein Porträt der besten Betonbauerin im Land.

Was verdient ein Oberbürgermeister im Monat?

Karriere
Die gute Nachricht: Bürgermeister kann (fast) jeder werden: „Wählbar sind Deutsche und Unionsbürger, die in der Bundesrepublik wohnen und zwischen 25 und 68 Jahre alt sind. Eine bestimmte Qualifikation ist nicht vorgeschrieben, doch handelt es sich häufig um gelernte Verwaltungsfachleute“, weiß die Landeszentrale für politische Bildung. Die Amtszeit eines Bürgermeisters ist auf acht Jahre angelegt. Die schlechte Nachricht: Viele Bürger scheint lokale Politik nicht mehr zu interessieren. Im Durchschnitt lag die Wahlbeteiligung bei Wahlen zu Bürgermeistern in Baden-Württemberg in den Jahren 2010 bis 2017 bei 44,4 Prozent.

Geld
Die meisten der 1101 baden-württembergischen Gemeinden werden von hauptamtlichen Bürgermeistern geführt. Ihre Besoldung hängt von der Größe ihrer Kommune und vom Umfang und dem Schwierigkeitsgrad des Amtes ab. Ab einer Einwohnerzahl von 100 000 überschreiten die Bürgermeister beim Gehalt die 10 000-Euro-Schwelle. Das meiste Geld gibt es ab 500 000 Einwohnern: Dann verdient der Oberbürgermeister 14 180,71 Euro im Monat.