Vom Kronprinzenpalais zum Kunstmuseum Ein Happy End, das nachts leuchten kann

Von Uwe Bogen 

Vor Stuttgart 21 ist über kein anderes Thema in dieser Stadt so heftig gestritten worden wie über den Kleinen Schlossplatz. Hart umkämpft war jeder Schritt vom Abriss des Kronprinzenpalais bis zum Kunstmuseum, das nun den zehnten Geburtstag feiert. Das Stuttgart-Album lädt zur Zeitreise ein.

Stuttgart - Vor Stuttgart 21 ist über kein anderes Thema in dieser Stadt so heftig gestritten worden wie über den Kleinen Schlossplatz. Hart umkämpft war jeder Schritt vom Abriss des Kronprinzenpalais bis zum Kunstmuseum, das nun den zehnten Geburtstag feiert. Mit dem Glaskubus ist ein Happy End geglückt.

Es ist der 2. Dezember 1854. Kronprinz Karl und seine Frau Olga ziehen unter großem Jubel der Bevölkerung in das Stadtpalais ein, das König Wilhelm I. unweit seines Schlosses hat bauen lassen. Der württembergische Thronfolger und die russische Großfürstin haben zuvor unter anderem in der Villa Berg gewohnt. Ihr Palais am Schlossplatz, der zu dieser Zeit noch keinen Königsbau kennt, besitzt einen säulenumkränzten Eingang. Das Hauptgebäude ist fast 80 Meter breit. Im Erdgeschoss residiert der spätere König in sieben Zimmern.

Die Kronprinzessin wohnt im Stock darüber, in dem sich ein Speise- und Tanzsaal befinden. Die 20 Zimmer im dritten Stock sind für Hofdamen und Gesinde bestimmt. Auf der Rückseite zur Fürstenstraße hin liegen die Stallungen für die Pferde.

Nichts von alledem ist heute zu sehen. An der Stelle des Kronprinzenpalais befindet sich seit 2005 das Kunstmuseum, das nachts leuchtet. In der internationalen Kunstszene hat Stuttgart seitdem einen exzellenten Ruf. Das muss gefeiert werden – an diesem Wochenende mit einem Bürgerfest aus Anlass des zehnten Geburtstags.

Die Geschichte des Kleinen Schlossplatzes ist eine Geschichte der Emotionen. Es schien, als würden die stadthistorischen Erbanlagen für ein ewiges Trauma sorgen. Bei jeder Veränderung gibt es Widerstände. Sind all jene, die noch heute der Residenz des Kronprinzen nachtrauern, Zukunftsverweigerer? „Das Kunstmuseum im Palais – das wäre es gewesen“, schreibt Gert Widmann auf der Facebook-Seite unseres Geschichtsprojekts Stuttgart-Album.

Als Pendant zum Wilhelmspalais am gegenüberliegenden Ende der Planie ist das Kronprinzenpalais entstanden. In seiner ersten kulturellen Nutzung beherbergt es nach dem Ende der Monarchie in den 1920ern die Graphische Sammlung Stuttgart (nach 1945 in die Staatsgalerie eingegliedert). Die Kriegsbomben zerstören das ehemalige Domizil des Kronprinzen zwar, doch man hätte es sanieren und aufbauen können. Der Geist der damaligen Zeit verlangt indes nach der „autogerechten Stadt“. OB Arnulf Klett will eine Ost-West-Verbindung in der City schaffen, was Bahnhofserbauer Paul Bonatz als prominente Stimme nicht verhindern kann. 1963 wird das Kronprinzenpalais für den Planie-Durchbruch abgerissen – und der Stadt eine tiefe Wunde zugefügt, von der sie sich über Jahrzehnte nicht erholen kann. „Wie Stuttgart sein Erbe für die autogerechte Stadt aufgegeben hat, ist einzigartig in Deutschland“, findet Andreas Betsch, Kommentator des Stuttgart-Albums.

1977, als die Königstraße zur Fußgängerzone wird, entsteht eine merkwürdige Situation. Die Fahrspuren mit ihren Eingangslöchern bleiben unter dem Betondeckel des Kleinen Schlossplatzes verwaist, der damit seinen Sinn verliert. Der Durchgangsverkehr ist unter die Erde gelegt. 1981 schreibt die Stadt einen ersten Wettbewerb zur städtebaulichen Neuordnung aus. Bis der Neubau des Museums beginnen kann, sollen Provisorien die Wartezeit überbrücken. Die 1993 zur Leichtathletik-WM fertiggestellte Freitreppe wird – 30 Meter breit – zum beliebtesten Treff der Stadt. Pauls Boutique im ehemaligen Kartenhäusle ist für sieben Jahre das Zentrum des Stuttgarter Nachtlebens. „Auch wenn ich ein Freitreppenkind bin und mich der Abriss geärgert hat, finde ich, dass das Museum gut zum Platz passt“, schreibt Timo Orell Sackmann auf unserer Facebook-Seite. Und weiter: „Mir gefällt die Architektur – genauso wie der Ausblick von innen. Und nebenbei sind die Ausstellungen des Kunstmuseums Weltklasse!“

Hat sich der Ärger um den Abriss des Kronprinzenpalais am Ende doch gelohnt? Die Internetgemeinde des Stuttgart-Albums diskutiert diese Frage kontrovers. „Ein modernes Kunstmuseum hätte überall einen Platz gefunden“, findet Gabriele Brockmann, „aber das Kronprinzenpalais, das in der Gesamterscheinung des Schlossplatzes wichtig wäre, hätte man nicht austauschen dürfen.“ Enrico Anders sieht es so: „Das Kronprinzenpalais war sicher hübsch, Klassizismus halt. Es wiederaufzubauen wäre aber auch nur einfallsloses Kopieren à la Berliner Stadtschloss gewesen. Der Planie-Durchbruch war ein Sündenfall. Mit dem Museum wurde dies zum Glück in hervorragender Weise korrigiert. Um diesen Bau beneide ich die Stuttgarter.“

Diskutieren Sie mit im Internet: www.facebook.com/Album.Stuttgart. Im Silberburg-Verlag sind zwei Bildbände mit vielen Leserfotos zu unserer Geschichtsserie erschienen. Bei der Kulturnacht in Feuerbach wird am 14. März in der Buchhandlung Schairer, Feuerbacher-Tal-Straße 3, eine Ausstellung mit Fotos aus dem Stuttgart-Album eröffnet.

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