Warum nicht Törtchen und andere gebackene Leckereien direkt zu den Menschen bringen? Die Konditormeisterin Sarah Winkler hat die Idee in die Tat umgesetzt. Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie dafür einen Opel Blitz umgebaut.
Großbottwar - Das Glück für alle Liebhaber feiner Törtchen, Macarons und ähnlicher Leckereien kommt auf vier Rädern: Der Großbottwarer Jürgen Winkler, gelernter Kfz-Meister, hat zusammen mit seiner Tochter Sarah, gelernte Konditormeisterin, einen alten Opel-Lkw zu einem Foodtruck umgebaut. Er soll unter dem Namen „Patisserie Café 49°“ ab dem kommenden Frühjahr auf verschiedenen Märkten in der Region im Einsatz sein, kann aber auch für Hochzeiten, Firmenfeiern, Geburtstage und andere Feste gebucht werden, bei denen die Gäste mit liebevoll von Hand gemachtem Feingebäck und Kaffeespezialitäten verwöhnt werden sollen.
„Ich wollte nicht fest an einer Stelle sein“, erklärt die junge Großbottwarerin ihre ungewöhnliche Idee. Zuerst habe sie sich daher nach einem Anhänger umgeschaut, „aber die sehen alle gleich aus“, meint sie, „und sind aus Plastik“, ergänzt ihr Vater mit einem Schmunzeln. Und Nullachtfünfzehn sollte die mobile Konditorei nicht sein, denn auch die Torten und Törtchen sind es nicht. So entstand die Idee, es mit einem Oldtimer-Lkw zu versuchen, wobei Sarah Winkler zuerst einen Citroën HY mit Wellblech-Look im Auge hatte: „Ein französisches Auto hätte ja auch gut zur Pâtisserie gepasst“, findet sie.
Vom Feuerwehrauto zur mobilen Konditorei
Jürgen Winkler recherchierte also im Internet und entdeckte schließlich in Heinsberg genau ein solches Fahrzeug. Also fuhr man dort hin. Vor Ort stellte sich dann allerdings heraus, dass es für den gedachten Zweck deutlich zu klein war. Doch der Besitzer hatte noch einen zweites Fahrzeug in der Scheune: einen Opel Blitz, Baujahr 1958, in zartem Türkis mit etwas Braun. Und als Sarah Winkler den sah, wusste sie gleich: „Das ist meiner.“
Bis das Fahrzeug, das ursprünglich als Feuerwehrauto im Einsatz und später zu einem Wohnmobil umgebaut worden war, als mobile Konditorei zum Einsatz kommen konnte, war es aber noch ein ziemlich weiter Weg. Denn zunächst einmal musste das gute Stück auf einen Auflieger verladen und in seine neue Heimat nach Großbottwar transportiert werden, weil es nicht mehr fahrtüchtig war. Dort wurde das Fahrzeug auf 3,49 Tonnen „abgelastet“, in vielen hundert Stunden Arbeit wurde es entkernt, Auspuff, Bremsen und Einzelteile des Motors wurden erneuert, der Innenraum wurde komplett gedämmt, mit Rostschutz und Dampfsperre versehen, neu verkleidet und, und und...
Restaurierung war eine Herausforderung
Da es sich bei dem Fahrzeug um einen Oldtimer handelt, der auch als solcher zugelassen werden kann, waren die Ersatzteile nicht immer leicht zu besorgen. Eine Herausforderung sei beispielsweise der Tacho gewesen, den ein Restaurator letzten Endes aus drei alten Originaltachos wieder zusammengebaut habe, erinnert sich Jürgen Winkler. Ein Mundelsheimer Schreiner baute eine Küche ein – das musste ein Fachmann machen, „weil an dem Fahrzeug nichts gerade ist“, schmunzelt Sarah Winkler. Auch Elektroleitungen wurden verlegt, damit der Kühlschrank und die chromblitzende neue Siebträger-Kaffeemaschine mit Strom versorgt werden können.
Ansonsten steckt in dem Prachtstück mit den gefälligen Rundungen jede Menge Gemeinschaftsarbeit, auch Sarahs Partner hat mit tatkräftig mit angepackt. Immerhin ist das Ganze quasi auch ein Familienprojekt.
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Jürgen und Susanne Winkler unterstützen ihre Tochter auch beim Verkauf von Törtchen und Kaffee nämlich tatkräftig. Und weil man bei Familie Winkler nichts von halben Sachen hält, haben alle drei dafür extra eine grundsolide Barista-Ausbildung in München absolviert, wo Sarah auch ihren Abschluss gemacht hat. Der solchermaßen kredenzte Kaffee kommt übrigens von einer bayerischen Kaffeerösterei, die eigene Plantagen hat.
Handgemacht und möglichst regional
Auf erstklassige Qualität legt die junge Konditormeisterin aber natürlich auch bei ihren leckeren Kunstwerken Wert. „Da kommt nur das rein, was man auch verwendet, wenn man selber backt – möglichst regional.“ Das Mehl für ihre Kreationen stammt aus der Großbottwarer Mühle, die Eier wurden von Hühnern vor Ort gelegt. Aromastoffe und Fertigprodukte sucht man in der frisch eingerichteten Backstube von Sarah Winkler im elterlichen Haus vergebens. Dafür findet man jede Menge Kreativität. Sie liebt es, nicht nur bewährte Rezepte einzusetzen, sondern auch ihre eigenen Kreationen zu schaffen. Und auch ganz nach Kundenwunsch zu backen.
Was sie vor dem offiziellen Start im kommenden Frühjahr noch üben muss, ist jedoch das Fahren mit dem Oldtimer. „Der hat keine Lenkhilfe, und die Schaltvorgänge sind langsam“, weiß ihr Vater. Man bewege sich mit dem Fahrzeug in einer langsamen Welt. Dennoch hupe keiner; im Gegenteil, man werde viel mehr immer wieder angesprochen. Und irgendwie passt das ja auch zur Handwerkskunst der jungen Unternehmerin.
Ein Lastwagen-Veteran
Baujahre
Opel Blitz ist die Bezeichnung für mehrere leichte bis mittelschwere Baureihen der Adam Opel AG, die von den 1930ern bis in die 1970er Jahre gebaut wurde. Der Name der Modellreihe lieferte die Vorlage für das Opel-Logo. Sarah Winkler hat daraus mittels 3-D-Drucker eigens Ausstechformen herstellen lassen, mit denen sie ihre Backwerke verzieren kann.
Foodtruck
Das Modell von Sarah Winkler ist ein Sechszylinder Benziner. Wegen der runden Formen ist er als „Weichblitz“ bekannt. Er ist für eine Geschwindigkeit bis 90 Stundenkilometer zugelassen.