Vom Daimler-Manager zum Rathauschef: Uwe Skrzypek verrät, warum er trotz der Herausforderungen im finanziell klammen Vaihingen/Enz zuversichtlich ist – und was das für die Bürger bedeutet.
Vier Monate ist Uwe Skrzypek mittlerweile Oberbürgermeister von Vaihingen. Wie hat sich der in jeder Hinsicht von außen kommende 52-Jährige in der Stadt unterm Kaltenstein eingefunden? Ein Gespräch über Glücksmomente, Desillusionierungen, Großvorhaben, Queen-Mum-Funktionen und darüber, warum Skrzypek findet, dass die Begriffe „hoffnungsstur“ und „lösungsfinderisch“ ganz gut zu ihm passen.
Herr Skrzypek, Ihre Haushaltsrede klang desillusioniert. Wie starten Sie ins Jahr, nachdem Sie jetzt in die Vaihinger Tiefen und Untiefen eingetaucht sind?
Das Wort Desillusionierung muss ja nicht ausschließlich negativ behaftet sein. Es schwingt im positiven Sinne auch mit, dass man Dinge klarer sieht. Ich hatte jetzt dazu viele Gelegenheiten.
Dabei hatten Sie die Gelegenheit zu sehen, dass Sie künftig nicht viel reißen können, außer es passieren Wunder.
Meine Frau hat dieser Tage ähnlich kritisch gefragt, ob meine inbrünstige Überzeugung, das Amt übernehmen zu wollen, die richtige war. Und ich konnte das sehr spontan bejahen. Ich bekam kürzlich ein Buch mit dem schönen Titel „Hoffnungsstur und lösungsfinderisch“. Diese zwei Worte hatte ich bisher nicht im Repertoire, aber sie treffen gut auf mich zu. Es ist wichtig, mit Nachdruck und Kreativität das Beste aus der Situation zu machen. Dafür bin ich angetreten.
Sie haben die bedeutend teurer werdende Gartenschau vor der Brust, Sie haben den Haushalt mit einem Sechseinhalb-Millionen-Minus, und im Jahr darauf droht ein ähnlich defizitärer Haushalt. Welche Prioritäten müssen Sie setzen?
Wir müssen das, was wir einnehmen, wieder in ein positives Verhältnis zu dem setzen, was wir ausgeben. Das ist ausgesprochen schwierig, weil wir die letzten 10, 15 Jahre den Anschein, dass das gelingt, nur dadurch schaffen konnten, dass notwendige Investitionen immer wieder geschoben wurden.
Das müssen Verwaltung und Gemeinderat doch gesehen haben.
Ich erlebe, dass in unterschiedlichen Bereichen unterschiedliche rosafarbene Elefanten im Raum schweben. Die Dinge sind den Beteiligten im Grundsatz bewusst, aber es ist nicht opportun, sie anzusprechen.
Aber so geht das doch schlichtweg nicht mehr, oder?
Irgendwann ist ein Punkt erreicht, an dem man Sanierungen nicht mehr aufschieben kann. Oder man muss auf die Funktionalität eines Gebäudes verzichten. Zum Beispiel die Mehrzweckhalle in Riet . . .
. . . die in einem miserablen Zustand ist.
Es ist ein Zustand, der es absehbar macht, dass sie nicht mehr genutzt werden kann. Es gibt Bilanzierungen, dass die Sanierung dreieinhalb Millionen Euro kosten würde. Bis dato war die Argumentation der Stadt, man könne die Halle nicht sanieren, weil der SV Riet, dem anteilig ein Stück der Halle gehört – die Gastronomie und eine dazugehörige Wohnung – seine 350 000 Euro nicht tragen könne. Das trifft das Problem aber nicht im Kern. Denn die Stadt hat den Rest der dreieinhalb Millionen auch nicht. Und das ist nur ein Beispiel. Darin sehe ich großen sozialen Sprengstoff in unseren neun Stadtteilen. Der kleinste, entlegenste Ortsteil muss erkennen, dass er für sein Vereinsleben und seine Veranstaltungen keine Halle mehr hat, man aber in der Kernstadt für zwölf Millionen Euro eine neue Halle einweiht. Ich will die Kaltensteinhalle nicht schlechtreden, aber so etwas befeuert eine schwierige Debatte.
Müssen die Rieter dann zur Kaltensteinhalle fahren? Oder auf Sport verzichten?
Das ist alles nicht ausgesprochen, weil eben noch niemand ausgesprochen hat, dass es momentan keine Sanierungsfinanzierung gibt. Das ist einer der rosa Elefanten. Ein ähnliches Thema ist, dass das Enztalbad perspektivisch einen Sanierungsstau von zehn bis 15 Millionen Euro hat. Wir leben immer mit diesen zwei Wahrheiten: Wir können auf das Schwimmbad auf keinen Fall verzichten, aber die 15 Millionen haben wir auch nicht. Und Kindergärten fehlen auch.
Sie sind keine Eier legende Wollmilchsau. Welche Lösungen haben Sie?
Wir müssen erst mal ehrlich konsolidieren und Abwägungsentscheidungen treffen: Was wollen wir umsetzen? Wir haben auf drei Ebenen fast nicht zu lösende Aufgaben. Es gibt eine Kette von globalen Krisen, mit denen wir umgehen müssen: Klimawandel, Ukraine-Krieg . . . Dann haben wir die kommunalen Pflichtaufgaben, wo ein Gesetzgeber auf uns zeigt und sagt: „Kommune, du bist verpflichtet, dass . . .“, doch wir werden das im Detail alles gar nicht leisten können, weil die Instrumentarien und die Menschen fehlen. Das Dritte ist: Den Status quo, den wir uns in dieser Stadt strukturell über die letzten Generationen angewöhnt haben, werden wir nicht unverändert so lassen können.
Sie haben den Job jetzt. Können Sie nur scheitern oder Krise verwalten?
Expansion mit voller Kasse ist immer leicht. Ist nicht das Gegenteil eine ebenso verantwortliche Aufgabe, die mit dem gleichen Anspruch leidenschaftlich gelöst werden muss? Eine gemeinschaftliche Verantwortung aller Stadtteile, aller gesellschaftlicher Gruppen.
Wie realitätsbewusst ist Ihre Bürgerschaft angesichts der harten Debatten?
Wir führen sie im Moment ja noch gar nicht. Ich glaube, wir müssen Menschen erst einmal ehrlich informieren, damit sie erkennen: Wir brauchen Konzepte, um Schlimmeres abzuwenden. Dann müssen wir konstruktiv darüber nachdenken, welche Schritte sinnvoll sind. Wir können nicht über Jahre deutlich mehr ausgeben, als wir einnehmen. Das leuchtet im Grundsatz jedem ein, trotzdem höre ich Kommentare wie: „Mensch, Skrzypek, eine Kommune ist kein Wirtschaftsunternehmen.“ Das ist richtig. Ich möchte auch keinen Gewinn erzielen, sondern Gemeinwohl stiften – und einen Haushalt anstreben, den ich nachhaltig nennen kann.
Müssen Sie von den 180 Immobilien der Stadt Teile abstoßen?
Von dem einen oder anderen Gebäude müssen wir uns eventuell trennen oder es umwidmen. Noch mal vier Kindergärten für 5,4 Millionen Euro zu bauen, wie jetzt in Ensingen, das wird uns nicht gelingen. Wir brauchen andere Ideen. Und 2026 kommt ein Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung an Grundschulen. Das ist ein Scheitern mit Ansage, kaum eine Kommune wird das hinbekommen. Wir haben alleine neun Grundschulen. Die Erkenntnis ist leicht: Dass wir es neunmal schaffen, kann ich ausschließen. Aber wäre es nicht eine Story of success, wenn wir es vielleicht viermal hinbekämen?
Auch vier Schulen dafür auszustatten ist eine enorme Investition.
Wir müssen viermal Geld in die Hand nehmen, wir brauchen Räume, Mensa, Personal. Derzeit haben wir in Vaihingen eine Kernzeitbetreuungsquote von 56 Prozent. Wo Ganztagsbetreuung angeboten wird, nehmen landesweit 53 Prozent der Eltern das Angebot wahr. Voraussichtlich wird also auch in Vaihingen jedes zweite Kind künftig Ganztagsschüler. Das bedeutet aber: Meine kleinsten Schulen, die jetzt schon an der Schwelle sind, dass man den Betrieb noch aufrechterhalten kann, hätten dann nur noch halbe Mannschaftsstärke. Solche Szenarien müssen wir vordenken. Ich möchte keine Schulen schließen. Aber die Eltern werden mit den Füßen abstimmen. Und ich als Träger muss meine Investitionen gezielt steuern. Schulamt, Träger und Schulen müssen zusammenkommen, um ein Konzept hinzukriegen. 2026: Das ist im behördlichen Kontext übermorgen. Ich erlebe bisher aber nur weiße Blätter.
Es wird also nicht alles erhalten werden können?
Erhalten heißt nicht automatisch konservieren. Bei ständig wechselnden Rahmenbedingungen muss man sich immer wieder hinterfragen. Ich erlebe aber auf vielen Ebenen eine kognitive Dissonanz. Obwohl die Menschen auf rationaler Ebene erkennen, dass sich vieles ändern muss, halten sie umso vehementer fest an dem, wie es jetzt ist. Das müssen wir ändern und Dinge loslassen. Und wir müssen andere Aufgaben in den Blick bekommen. Eines unserer Ämter, das sich mit sozialen Aspekten beschäftigt, heißt Bildung, Jugend, Sport und Vereine. Hören Sie da das Wort Senioren heraus? In den frühkindlichen Bereich investieren wir unglaublich viele Ressourcen. Aber wir haben niemanden, der sich mit der älter werdenden Gesellschaft auseinandersetzt.
Was bräuchte es da aus Ihrer Sicht?
In dem Bereich, in dem es darum geht, die Würde des Menschen in einer Endphase des Lebens aufrechtzuerhalten, sind wir vollkommen nackig. In den acht Ortsteilen jenseits von Vaihingen gibt es kein betreutes Wohnen. Es gibt keine Tagesgruppen, die pflegende Angehörige partiell entlasten könnten. Mit Konzepten beschäftigt sich aber auch niemand. Das müssen wir aber. Wir wissen, dass unsere Gesellschaft stetig altert und unsere sozialen Sicherungssysteme ihre Grenzen bald erreicht haben, und wir müssen doch verhindern, dass alternde Menschen erst unter Vereinsamung und dann womöglich unter Verwahrlosung leiden. Ich strebe an, jemanden ins Rathaus zu holen, damit wir zu diesem Thema konzeptionell ins Denken kommen. Wir haben eine hervorragende Sozialstation. Wir müssen über sie hinaus gesamtheitlich denken.
Ihre Haushaltsrede auf Youtube haben mehr als 500 Menschen angeschaut, die des Kämmerers Alexander Kern 240. Kommunalpolitik online: Ist das neu?
Es gibt einen Gemeinderatsbeschluss, dass nichts online gestellt wird. Ich bin aber der Meinung, dass wir andere Gesellschaftsschichten für Kommunalpolitik interessieren müssen und dafür auch Online-Medien nutzen sollten. Herr Kern und ich haben jetzt mal die Vorlage geliefert. Nur wir sind auf dem Bild, es ist also datenschutzrechtlich unbedenklich. Wir haben es aber allen Fraktionen als Möglichkeit offeriert, die Haushaltsreden aufzunehmen und sie auch als Video online zu stellen. Nicht als Verpflichtung, sondern als Möglichkeit.
Die Gartenschau-Rahmenplanung ist jetzt beschlossen. Können Sie die schlechte finanzielle Lage abspalten und sich trotzdem darauf freuen?
Ja, denn wir sehen die Gartenschau als positives Momentum in einer Aufwärtsspirale, die den jahrelangen Negativtrend in der Kernstadt umkehrt. Dafür brauchen wir eine deutliche Initialzündung. Die Gartenschau ist kein Selbstzweck, sondern im Kontext der Lebensqualität und wirtschaftlichen Gesamtsituation zu sehen, als Mehrwert für die Gesamtstadt. Wenn es uns dadurch gelingt zu prosperieren und den Haushalt durch positive Entwicklungen zu konsolidieren, dann profitiert ganz Vaihingen.
Kurzer Schwenk zur B 10: Wird die Umfahrung kommen?
Meine Einschätzung: Sie wird in den nächsten Jahren nicht kommen, weil man sich juristisch verfangen hat. Wir müssen schauen, wie wir mit unseren Mitteln eine Verbesserung der Situation bei bestehender B 10 erreichen können, etwa mit Tempo 30 abends und nachts und mit einer guten Radweganbindung. Die Enzweihinger müssen spüren, dass sie ernst genommen werden.
Der Schritt, aus der Wirtschaft in eine Kommunalverwaltung zu gehen: Wie beurteilen Sie ihn jetzt?
Wollen Sie da eine kurze Antwort? Grundsätzlich habe ich vieles erwartet, aber zwischen theoretischer Erwartung und praktischem Erleben gibt es einen erheblichen Unterschied. Ich habe ja drei Ämter angetreten: Ich bin Chef einer erheblich großen Organisationseinheit mit 680 Mitarbeitenden. Das ist für mich nicht so viel Neues: Wo Menschen geführt werden, braucht es Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Orientierung. Das fordert mich, aber ich bringe auch eine Menge mit. Eine große Herausforderung ist das kommunalpolitische Amt, der Vorsitz des Gemeinderates, das Einbringen der Beschlussvorlagen. Ich springe ja auf lauter fahrende Züge auf, bei Themen, die seit Monaten oder Jahren diskutiert sind. Ich möchte ja den Kontext verstehen und nicht nur durchwinken. Und das dritte Amt, diese Queen-Mum-Funktion, die Stadt nach innen und außen zu repräsentieren, das hat auch seine Spezialitäten. Überall, wo ich bin, bekomme ich jetzt ein Mikrofon in die Hand gedrückt. In meinem Selbstbild will ich aber zuvorderst Bürger dieser Stadt sein und erst in zweiter Linie Oberbürgermeister. Das ist eine Herausforderung für mich und den Rest der Bürger. Aber die muss uns beiden gelingen, und es wird gelingen. Die Menschen spüren meine Freude an diesem Amt und meine Begeisterung für die Stadtteile Vaihingens in all ihrer Vielfältigkeit.
Der Neue in der Gartenschau-Stadt
Die Stadt
Vaihingen/Enz hat knapp 30 000 Einwohner, die sich auf die Kernstadt (rund 11 000) und die Stadtteile Aurich, Ensingen, Enzweihingen, Gündelbach, Horrheim, Kleinglattbach, Riet und Roßwag verteilen. 2029 richtet Vaihingen eine kleine Gartenschau aus.
Der Oberbürgermeister
Uwe Skrzypek (parteilos), Jahrgang 1970, wuchs in Bad Oeynhausen auf, lernte Modellbauer und studierte Fahrzeugtechnik. Der Diplom-Ingenieur arbeitete mehr als 20 Jahre für die Mercedes-Benz Group, zuletzt als Chef der Abteilung „Design Operations“. 2022 wurde er im zweiten Wahlgang Vaihinger Oberbürgermeister. Skrzypek ist verheiratet und Vater von drei Kindern.