Der Klassenwiderling Sven (Fabian Hinrichs, li.) nervt die Organisatoren Thorsten (Oliver Wnuk) und Gesa (Annette Frier). Foto: WDR

Ein vor 32 Kameras großartig improvisiertes Fernsehspiel: In „Klassentreffen“ in der ARD führen Regisseur Jan Georg Schütte und sein Ensemble Typen, Krisen, Verwundungen und Ängste vor, die jeder kennt.

Stuttgart - So muss es sich anfühlen, wenn man als Nichtgeimpfter auf eine Windpocken-Party geht und nicht weiß, ob man sich das Juckzeug da wirklich abholen will. Ein Abitreffen nach 25 Jahren. Unter Umständen fängt man sich dort ja gleich die ganz böse Beulenpest ein, und sowieso viel zu viele blaue Flecken auf der Seele.

Wie viele Haare wird man noch mehr haben als der alte Nebensitzer? Und wie viele Falten weniger? Und warum fragt man sich das überhaupt? Schließlich geht es um Menschen, die man ein Vierteljahrhundert nicht gesehen hat. Aber: alle wurden während ihrer Schulzeit gemeinsam geeicht fürs Leben. Hatten gleiche Voraussetzungen für Jura, Doktortitel und Co. Also will man doch wissen: Was ist aus Gesa geworden? Aus Ali? Aus einem selbst? Und geht hin. Zur Nabelschau. Zur Therapie. Zum Abitreffen.

Im alten Mief

Der Regisseur Jan Georg Schütte hat es schon wieder getan. Nach „Altersglühen – Speed Dating für Senioren“ und „Wellness für Paare“ hat er zum dritten Mal einem Haufen guter Schauspieler nur Rollenprofile zugewiesen – kein Drehbuch, keine Texte – und sie improvisieren lassen. 18 Schauspieler feiern vier Stunden lang „Klassentreffen“, vor 32 Kameras und 24 Kameraleuten. Aus 130 Stunden Wiedersehen auf Film hat Schütte ein 90-minütiges Kunstwerk destilliert. Ein Psychospiel, das runtergeht wie Brennnesselschnaps.

Aufgeregt wie früher auf Klassenfahrt sind nicht nur die Party-Organisatoren: Gesa (Annette Frier) und Thorsten (Oliver Wnuk). Seit dem Abi zusammen. Nie weggezogen. Mit dem Fahrrad da. Meister darin, synchron ihre Fahrradhelme aufzusetzen. Mehr Feuer ist da nicht. Großes Hallo und Bussi-Bussi in der Kneipe, in der auch schon die Abifeier gestiegen war. Im alten Mief herrscht ein feierliches Gemeinschaftsgefühl, das es nie gegeben hat.

Geiler Sex und viel Kohle

Weil ja keiner den anderen einfach direkt fragen kann: „Und? Wer bist du jetzt?“, gibt’s Smalltalk an jeder Ecke. Was machst Du? Kinder? Verheiratet? Gut getroffen hat es scheinbar die schwangere Sandra (Elena Uhlig): „Mir geht es prima, ich habe eine geile Ehe, ich habe geilen Sex, ich habe einen geilen Mann, ich habe geile Kinder, ich habe wahnsinnig viel Kohle“. Und Ali (Kida Khodr Ramadan) erst. Der hat auch gigantisch viel Geld, weil er als Tierarzt Hunden nach Tumoren neue „Hoden bauen kann“.

Ali macht einen auf dicke Hose. „Was bist Du für ein Mann?“, fragt er völlig entsetzt den Musiker und Familienvater Hergen (Marek Harloff), der ihm in der Raucherecke eben erzählt hat, dass er 1200 Euro im Monat heimbringt. Ali hat sich beim Klassentreffen eigentlich am meisten auf Krischi (Charly Hübner) gefreut. Zwischen den beiden hat es damals tatsächlich ein Gemeinschaftsgefühl gegeben. Sogar Freundschaft. Nur sagt Krischi jetzt so Sätze wie „Deine Eltern hätten niemals hierherkommen dürfen“ zu Ali. Und der darauf traurig: „Du machst mein Herz kaputt.“

Koks und Konflikte

Viele Liter Alkohol – natürlich trinken auch alle, die eigentlich nicht trinken wollten - und zig zentimeterlange Kokslinien später kommt noch so mancher pulsierende Lebensmuskel aus dem Takt. Dafür sorgt allein schon der sibyllinische Schwarm aller Männer – früher und heute: Marion (Jeanette Hain), die Rätselhafte und jetzt völlig Durchgeknallte. Oder Ulli (Guido Renner), der sich nicht outen will und schon immer in Krischi verliebt war. Oder Sven (Fabian Hinrichs), „der Arsch der Jahrgangsstufe“, der jetzt mal wissen will, was an ihm eigentlich so „scheiße“ war.

Der ehemalige Lehrer (Burghart Klaußner) beobachtet alles vom Rand aus: „Sie sind völlig unverändert“, benotet er seine Schüler. Damit hat er einerseits recht, andererseits liegt er daneben. Einerseits bleibt „der Arsch der Jahrgangsstufe“ seiner Rolle treu und beschimpft irgendwann alle als „arme einsame Gurken“. Andererseits ist Krischi so saublöd geworden, dass er am Ende selbst darüber speien muss.

Jeder auf der eigenen Bühne

Wie Gift schlängeln sich Vergangenheit, Egos, Neid, Komplexe durch Saal, Theke, Kegelbahn, Raucherecke, Toilette und Besenkammer. Ein Gemisch, das kein Drehbuch so entzündlich hätte zusammenrühren können. Keiner, auch nicht der Regisseur Schütte, wusste, was aus diesem „Klassentreffen“ am Ende werden könnte.

Schütte spielt bei dieser therapeutischen Schüleraufstellung in die Hände, dass die Schauspieler wie jeder Gast beim echten Abitreffen ihre eigene kleine Bühne um sich herum zimmern, auf der eine ordentliche One-Man-Show abgezogen wird. Das verwischt hier auf einzigartige und schmerzhafte Weise die Grenze zwischen Realität und Fernsehfilm. Am Ende führt das beim Zuschauer zu dem, was sich beim „Klassentreffen“ als fiese Krankheit entwickelt: zu einer Gänsehautentzündung.

Zusatzmaterial

Als Jan Georg Schütte im Schneideraum den 90-minütigen Fernsehfilm vollendet hatte, blieb viel Material übrig, teils komplette Erzählstränge und an sich perfekte Szenen.

Aus dem Material hat Schütte die seinen Film ergänzende, sechsteilige Serie „Klassentreffen“ gemacht, die einige einige der Geschichten rund um die ehemaligen Klassenkameraden weiter vertieft. Man erfährt mehr über einzelne Figuren. Die Serie läuft ab 8. März, 21 Uhr, bei One.

Den Film selbst zeigt die ARD am Mittwoch, 6. März, um 20.15 Uhr. Danach ist er 3 Monate in der Mediathek des Senders abrufbar. Ab 8. März auch als DVD und Blu-ray.

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