Die Orientierung auf dem Waiblinger Bahnhof fällt bei der erneuten Vollsperrung der Bahn nicht leicht. Viele suchen nach dem passenden Schienenersatzverkehr.
Edith Gruber steht mit ihrem knallpinkfarbenen Schirm in der Waiblinger Dammstraße und studiert den Aushang des Schienenersatzverkehrs. Die Frau aus Waiblingen pendelt zur Arbeit in die Stuttgarter Innenstadt. „Eigentlich sind wir von der letzten Vollsperrung gewohnt, dass alle Busse von der Dammstraße aus starten“, sagte sie. Doch dieses Mal sieht es anders aus. Da müsse man sich schon erst etwas orientieren – auch als ÖPNV-Profi.
Denn von der Dammstraße starten die Busse, die Stopps bis zum Stuttgarter Hauptbahnhof einlegen. Wer also nach Fellbach oder zur Haltestelle Nürnberger Straße möchte, ist dort richtig. Wer aber einen Direktbus nach Stuttgart nehmen möchte, muss auf den Bussteig 11. Edith Gruber muss also auf die andere Seite des Waiblinger Bahnhofs marschieren. „Ich wusste von der Vollsperrung und habe vorab im Büro schon Bescheid gesagt“, sagt sie und hat vor, sich nicht aus der Ruhe bringen zu lassen.
Manche Reisende trifft die Vollsperrung unvermittelt
Im Frühjahr war es so, nun enden S 2 und S 3 wieder in Waiblingen. Bis Samstag, 6. Januar, 1 Uhr, heißt es deshalb erneut, statt in die S-Bahn in den Ersatzbus zu steigen. Zwischen Bad Cannstatt und Untertürkheim sowie zwischen Bad Cannstatt und Fellbach sind sowohl die Fern- als auch die S-Bahn-Gleise gesperrt. Grund sind Bauarbeiten für den sogenannten Digitalen Knoten. Im Unterschied zum Frühjahr ist die Sperrung nur eine Woche lang und liegt in den Schulferien – Schüler müssen also nicht per Bus zum Unterricht pendeln.
Manche warten auf dem Gleis am Fellbacher Bahnhof vergeblich auf den Zug
Einige Fahrgäste aber trifft die Sperrung unvermittelt – sie haben nicht erfahren, dass in dieser Woche auf der Schiene in dem Abschnitt nichts geht. Ein Mann wartet auf dem leer gefegten Bahnhof in Fellbach. „Bauarbeiten – kein Zugverkehr“ steht auf der blauen Anzeigetafel. Der Mann, der Englisch spricht, kann die Anzeige nicht lesen. Er wartet schon einige Zeit vergeblich, bis er von Passanten darauf hingewiesen wird, dass keine Züge rollen. „Heute früh waren auch einige Fahrgäste auf dem Bahnhof und wussten nicht, wie es weitergeht“, sagt eine Mitarbeiterin der Bäckerei Sehne, die am Fellbacher Bahnhof eine Filiale hat.
Und natürlich spüren auch sie in der Bäckerei, dass deutlich weniger Menschen Brötchen und Co. holen an dem ausgebremsten Bahnhof. Aufgeregt und mit suchendem Blick rennt ein Mann zum Bussteig – er muss nach Backnang und hat es offensichtlich eilig. Doch an diesem Bussteig kommt der Schienenersatzverkehr aus Waiblingen an und fährt nach Bad Cannstatt weiter. „Ich kann nicht mehr lange rumsuchen“, sagt er gestresst. Trotzdem nimmt er sich noch kurz Zeit, mit der Zeitung zu sprechen. Nach dem Namen gefragt, ruft er im Laufschritt noch zu: „Ich heiße Rüdiger Scheiffele und nehme jetzt ein Taxi.“ Oliver Schilling steht an der Haltestelle an der Eisenbahnstraße in Fellbach an Bussteig 4. „Ich habe mir einiges an Puffer eingeplant“, sagt der Mann aus Fellbach-Oeffingen. Er müsse rechtzeitig nach Schwaikheim zur Arbeit. Bei der letzten Vollsperrung startete der Schienenersatzverkehr vor der Fellbacher Volkshochschule nach Waiblingen. Das ist dieses Mal anders. „Und Bahnpersonal hat eingewiesen“, sagt Oliver Schilling. Er muss am Abend wieder zurück. Wie viel Zeit es ihn mehr kostet als mit der S-Bahn, kann er noch nicht sagen. „Ich schätze mal eine halbe Stunde länger“, sagt Schilling.
Alles andere als gute Laune hat eine Pendlerin in der S 2, die von Stetten-Beinstein in den Stuttgarter Westen zur Arbeit muss. „Das kostet mich eineinhalb Stunden einfach“, sagt sie, „deshalb mache ich auch so ein Gesicht.“
Die Reisendenlenker Reimar Gmilkowsky und sein Kollege Björn stehen seit 6 Uhr morgens am Eingang des Waiblinger Bahnhofs für Fragen der Fahrgäste bereit. „Wo fährt der Bus nach Stuttgart?“ – diese Frage hören die beiden unentwegt, vor allem wenn eine S-Bahn endet und ein Schwung Menschen aussteigt und weiter möchte. Mit ihren orangefarbenen Warnjacken sind sie ein Hingucker in der Menge und für viele ein Rettungsanker. Reisende aller Generationen und Nationen fragen nach – von der älteren Dame bis zum Geschäftsmann, der zur „City Stuttgart“ möchte. Am frühen Nachmittag werden die beiden abgelöst, sodass bis 22 Uhr Ansprechpartner da seien, berichten sie.
Auf Markierungen auf dem Weg für den Schienenersatzverkehr wurde verzichtet
Doch an den Bussteigen muss jeder selbst klarkommen, die Markierungen für den SEV auf dem Boden wie beim letzten Mal gibt es nicht – auch keine Brezel als kleines Dankeschön. „Aber in Marbach an der S 4 wird diesmal Kaffee ausgeschenkt, weil es da zu längeren Wartezeiten kommen kann“, sagt ein Bahn-Sprecher. Dafür gab es in der S 2 eine herzliche Begrüßung. „Ich wünsche Ihnen ein gutes und gesundes neues Jahr“, sagt der Lokführer mit freundlicher Stimme zu Beginn seiner Durchsage. Im Anschluss informiert er, dass die Bahn baustellenbedingt in Waiblingen endet.
Alle Reisenden kostet die Bahnsperrung wieder Zeit und Nerven – je nach Ziel und Uhrzeit sieht das unterschiedlich aus. „Für mich ist es eine Katastrophe“, sagt eine Frau am Bussteig des SEV nach Stuttgart. „Ich muss weiter nach Kornwestheim.“ Wenn Anschlüsse zu knapp sind oder verpasst werden, zehrt das an Kraft und Nerven. Es gibt aber auch gute Nachrichten: Der Schienenersatzverkehr (S 2 E) von Waiblingen nach Fellbach beispielsweise um 9.28 Uhr rollte durchs Industriegebiet über die Ringstraße zum Bahnhof und kam ohne Probleme durch. Auch die S 2 um 8.21 Uhr in Weiler war am Morgen pünktlich. Und die Vollsperrung dauert diesmal nicht mehrere Wochen, sondern endet am Samstag, 6. Januar, 1 Uhr.