Einer der ganz Großen im Volleyball: Georg Grozer (links) beim Angriff. Foto: imago images/Contrast/O.Behrendt

Eigentlich hatte Georg Grozer (36) mit dem Hochleistungssport aufgehört. Doch nun kehrt der Volleyball-Superstar in die deutsche Nationalmannschaft zurück – nicht nur für die EM.

Stuttgart/Tallinn - Es gab in diesem spektakulären Sportsommer ja schon das eine oder andere bemerkenswerte Comeback. Thomas Müller und Mats Hummels durften vor der Fußball-EM ihre (unfreiwillige) Auszeit in der Nationalelf beenden, Weltklasse-Abwehrspieler Hendrik Pekeler und sein Kieler THW-Kollege Steffen Weinhold kehrten für die Olympischen Spiele noch einmal in den Kreis der besten deutschen Handballer zurück. Das Problem: Der erhoffte Erfolg blieb aus. Beide Mannschaften scheiterten früh, die einen im Achtel-, die anderen im Viertelfinale. Nun hoffen die Volleyballer, dass es bei ihrer EM besser läuft. Auch, weil Georg Grozer wieder da ist.

 

Spitzname: „Hammer-Schorsch“

Der Diagonalangreifer zählt seit mehr als einem Jahrzehnt als einziger Deutscher zu den Superstars seines Sports. Seine Karriere im Nationalteam hat Grozer (36), Spitzname „Hammer-Schorsch“, eigentlich im Januar 2020 beendet – frustriert von dem wie vier Jahre zuvor misslungenen Versuch, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren. Umso überraschender ist nun seine Rückkehr, für die es allerdings eine einfache Erklärung gibt: „Mein Herz schlägt für Volleyball.“ Und für seine beiden Töchter.

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Leana und Doreen waren ein Grund für den Abschied, Grozer wollte mehr Zeit mit ihnen verbringen. Dabei kam es zu interessanten Gesprächen. „Meine Kinder sind jetzt elf und 14. Sie verstehen, warum ich so gerne Volleyball spiele“, sagt der gebürtige Ungar, „letztlich haben sie mich in den Arsch getreten, so lange in der Nationalmannschaft aufzuschlagen, wie ich dort nicht umkippe.“ Das könnte noch ein Weilchen dauern.

Denn obwohl die Ambitionen für die EM in Estland, Polen, Tschechien und Finnland groß sind, schaut Grozer schon über das Turnier hinaus. Als wolle er beweisen, dass das Alter nur eine Zahl ist. „Ich werde so lange bleiben, bis dieses Kribbeln im Bauch weg ist, wenn ich anderen beim Volleyball zusehe“, sagt der Mann vom italienischen Club Vero Volley Monza. Das könne auch mit 38, 40 oder vielleicht erst 42 Jahren sein: „Ich fühle mich noch jung und spiele, solange sie mich nicht rausschmeißen und ich mich nicht blamiere.“ Aktuell besteht diese Gefahr nicht.

Um zehn Kilogramm leichter

Logisch, auch an Grozer geht die Zeit nicht spurlos vorbei. Der Zwei-Meter-Mann lebt seit jeher von seiner Sprungkraft, seinem Armzug, seiner Dynamik – auf dem Level, auf dem er sich bewegte, als er in Serie Deutschlands Volleyballer des Jahres wurde (2010–2014), als er mit dem russischen Verein Lokomotive Belgorod die Champions League und die Club-WM gewann (2014), als er mit dem Nationalteam WM-Bronze (2014) und EM-Silber (2017) holte, kann er nicht mehr sein. „Weltklasse“, sagt Andrea Giani, „hat er aber immer noch. Das zählt.“

Folglich musste der Bundestrainer auch nicht lange überlegen, ob er den Diagonalangreifer, der zuletzt zehn Kilogramm abgenommen hat („es geht nun alles etwas leichter“), wieder in den Kreis des Nationalteams aufnimmt. „Ich will das bestmögliche und spielstärkste Team haben“, erklärt Giani, „dafür brauche ich Spieler mit Qualität, und über die verfügt Georg.“ Das Alter? „Steht auf dem Papier. Es interessiert mich nicht.“

Schließlich hat der Routinier in der Vorbereitung gezeigt, was er dem Team geben kann. Klar, vor allem mehr Durchschlagskraft in Aufschlag und Angriff. Aber nicht nur. Sondern auch eine Persönlichkeit, die vorangeht, Orientierung bietet, andere anstachelt. „Er muss nicht zwingend zehn Asse schlagen, er hilft uns auch emotional“, sagt Außenangreifer Christian Fromm (31), ein langjähriger Wegbegleiter von Grozer, „es ist super, ein solches Vorbild in der Mannschaft zu haben.“ Schließlich geht es um einiges.

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Das deutsche Team gehörte zuletzt nicht mehr zur absoluten Spitze, belegte in der Nations League unter 16 Teilnehmern nur Rang 13. Das war zu wenig, auch für den eigenen Anspruch. Bei der EM sollen nun Punkte für die Weltrangliste her – und eine Medaille. Doch das wird alles andere als einfach.

Olympiasieger Frankreich wartet

Schon in der Vorrunden-Gruppe D in Tallinn wartet Olympiasieger Frankreich, in diesem Duell sind die Deutschen klarer Außenseiter. Umso wichtiger ist es mit Blick auf den Gegner im Achtelfinale (die vier besten Teams kommen weiter), möglichst alle anderen Konkurrenten hinter sich zu lassen. Zunächst geht es an diesem Freitag (16 Uhr) gegen Kroatien, anschließend gegen Estland, Lettland und die Slowakei. „Wenn wir als Team erfolgreich arbeiten, können wir wieder was Großes erreichen“, meint Georg Grozer, „egal, wie die Ausgangsposition auch ist: Mein Ziel ist immer eine Medaille.“

Das hört sich gut an. Doch die Fußballer Müller und Hummels sowie die Handballer Pekeler und Weinhold haben sich nach ihrer Rückkehr ähnlich geäußert. Die ernüchternden Ergebnisse sind bekannt.