Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart sucht nach dem großen Umbruch eine neue Identität – und setzt dabei vor allem auf das Entwicklungspotenzial seiner jungen Spielerinnen.
Vor einem knappen halben Jahr, am Abend des 16. April, endete für Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart nach einer frustrierenden 1:3-Heimniederlage im dritten Play-off-Halbfinale gegen den Dresdner SC nicht nur die Saison, sondern auch eine Ära. Krystal Rivers, die gesundheitlich angeschlagen zuschauen musste, Roosa Koskelo und Maria Segura Palleres hatten damals ihren letzten Auftritt in der Scharrena. Nun, gut fünf Monate später, bereitet sich das Team auf die Herausforderungen der Zukunft vor. „Die Zeit, in der diese drei Legenden den Verein geprägt haben, ist vorbei“, sagt Trainer Konstantin Bitter, „jetzt ist der Moment, um eine neue Identität zu entwickeln.“ Einfach wird das nicht.
Neun Titel hat der Verein seit 2019 geholt, darunter das Triple in der Saison 2023/24, zudem stand er viermal im Viertelfinale der Champions League – diese erfolgreiche Epoche ist untrennbar mit den Namen Rivers, Koskelo und Segura verbunden. Und trotzdem kann Bitter der Tatsache, dass alle drei auf einmal gegangen sind, etwas Gutes abgewinnen. „Der Cut ist dadurch größer, das Risiko höher“, meint der Coach, „dennoch ist es mir so lieber, als wenn es einen schleichenden Übergang gegeben hätte. Jetzt können wir einen echten Neuanfang starten.“ Der jedoch zugleich auch ein Muss ist.
Strategiewechsel bei Allianz MTV Stuttgart
Wenn die Verantwortlichen des Clubs versucht hätten, das Trio möglichst gleichwertig zu ersetzen, wären sie zwangsläufig gescheitert. Spielerinnen mit vergleichbarer Qualität, Persönlichkeit und Erfahrung sind für einen Club wie Allianz MTV Stuttgart nicht mehr finanzierbar. Folglich beschlossen Geschäftsführer Aurel Irion und Trainer Konstantin Bitter, die seit der Trennung von Sportdirektorin Kim Renkema den Club steuern, einen Strategiewechsel. „Wir haben nicht nach einer Krystal Rivers 2.0 oder einer neuen Maria Segura gesucht, die wir mit unserem Budget ohnehin nicht hätten bezahlen können“, sagt der Coach, „wir wollten ganz bewusst keine Fortsetzung des Bisherigen. Sondern unsere Philosophie ändern und auf Entwicklung setzen.“
Der neue Kader? Bietet dafür genügend Möglichkeiten. Pauline Martin (23), Fabiana Mottis (22), Lucia Varela Gomez (22), Anna Koulberg (21) oder Julia De Paula (21) haben ihr Potenzial noch längst nicht ausgeschöpft. „Wir hätten mit unserem Geld auch vor allem erfahrene Leute verpflichten können“, erklärt Konstantin Bitter, „doch unser Ziel ist ein anderes. Wir wollen Spielerinnen bei uns haben, die wir zu Top-Spielerinnen formen können. Das ist ein ehrlicher Weg.“ Der noch mehr an Glaubwürdigkeit gewinnen würde, wenn auch der eigene Nachwuchs die nächsten Schritte geht.
Leilani Slacanin und Marie Steinhilber gehören fest zum Bundesliga-Kader
In den vergangenen Jahren hat das Stuttgarter Element im MTV-Team keine Rolle gespielt. Nächste Saison gehören die Super-Talente Leilani Slacanin (16) und Marie Steinhilber (18) fest zum Bundesliga-Kader. Zudem vertritt Tea Jerkovic (17) derzeit die verletzte Zuspielerin Pia Kästner. „Dass wir keine neue Spielerin geholt, sondern sie aus dem Bundesstützpunkt-Kader nach oben gezogen haben, ist der beste Beleg für unsere neue Philosophie“, sagt Konstantin Bitter, der vom Auftreten der BSP-Nachwuchskräfte sehr angetan ist: „Sie haben zuletzt große Fortschritte gemacht. Alle drei bringen nicht nur Talent mit, sondern auch Persönlichkeit, großen Ehrgeiz, die nötige Demut und Lockerheit, die in diesem Alter keine Selbstverständlichkeit ist.“
Vor allem Leilani Slacanin und Marie Steinhilber, die in der vergangenen Saison bereits erste Einsätze in der Bundesliga hatten, traut der Coach sehr viel zu. „Wir werden sie in einem Team, das stark genug ist, um sie zu tragen, langsam und behutsam weiterentwickeln und die Belastungen dosieren“, sagt er, „sie verfügen über das Potenzial, zu Gesichtern dieses Vereins zu werden und ihn zu prägen.“ Wenn alle die dafür nötige Geduld aufbringen.
Denn eines ist klar: Der neue Weg braucht Zeit, Stolpersteine liegen genügend herum. „Die Dominanz und Konstanz, die wir in der Vergangenheit hatten, wird es so schnell nicht mehr geben“, sagt Konstantin Bitter, „wir wollen auch künftig um Titel und in der Champions League spielen. Doch die neue Richtung, die wir eingeschlagen haben, wird nicht immer nur geradlinig nach oben führen.“ Das sei Teil des Spiels – und auch von den Fans zu akzeptieren. „Wie sie reagieren, können wir nicht beeinflussen“, meint der Trainer, „wir wissen, dass Meckereien ein Teil der Fankultur sind. Auf der anderen Seite sind wir überzeugt, dass die Basis uns weiterhin unterstützen und auch in schwierigen Phasen hinter uns stehen wird.“
Schließlich beginnt für Allianz MTV Stuttgart am 11. Oktober nicht einfach nur die nächste Saison. Sondern eine neue Zeitrechnung.