Nichole Lindow: Im Kampf um Sponsoren müssen sich die Stuttgarter Volleyballerinnen gewaltig strecken Foto: Baumann

Der Sport ist attraktiv, die Mannschaft ebenfalls. Und trotzdem fehlt es Volleyball-Bundesligist Allianz MTV Stuttgart an Geldgebern – was auch an den Problemen der gesamten Sportart liegt.

Stuttgart - Ihren Saisonabschluss feiern die Stuttgarter Volleyballerinnen an diesem Mittwoch. Es gibt ein Essen im kleinen Kreis, in einer Pizzeria am Marienplatz. Danach ist Pause. Für alle, nur nicht für Bernhard Lobmüller. Der Manager muss Geld auftreiben. Manchmal können einen dabei auch schon kleine Schritte weiterbringen. Wie zuletzt im heimischen Wohnzimmer.

Auf seinem Sofa verfolgte Lobmüller das fünfte Spiel der Finalserie zwischen den Männern des VfB Friedrichshafen und der BR Volleys Berlin. In der Hand hielt er einen kleinen Zettel, auf dem er sich jeden Sponsor notierte, der im TV-Bild auftauchte. Der Zettel war rasch voll und Lobmüllers Erstaunen groß: „Der VfB Friedrichshafen hat mindestens 25 wichtige, große Sponsoren. In der Bodensee-Region geht richtig was.“ Es klang fast ein bisschen neidisch.

Allianz MTV Stuttgart hat die erfolgreichste Saison der Vereinsgeschichte hinter sich. Auf den Pokalsieg folgte das DM-Finale, das Team spielte stark und kam sympathisch rüber. Nur ein Problem bleibt: die Finanzen. Aktuell geht es um rund 150 000 Euro, die nötig wären, um nächste Saison an der Champions League teilnehmen zu können. Und es geht um die Frage: Warum gewinnen die Stuttgarter Volleyballerinnen viel, allerdings kaum neue Sponsoren?

Für André Bühler liegt die Antwort auf der Hand. „Die Region Stuttgart hat bis zu 80 Bundesligisten, und alle buhlen um Sponsoren. Dabei schluckt der Fußball schon das meiste Geld weg“, sagt der Nürtinger Professor für Marketing, „Sponsoren schauen auf die mediale Reichweite. Und da tut sich Volleyball schwer – es fehlt an Fernsehzeiten. Vor allem im Südwesten, wo ‚Sport im Dritten’ eher ein ‚Fußball im Dritten’ ist.“

Es fehlt jedoch nicht nur an TV-Übertragungen, sondern auch an Interesse. Bei einer Studie der Kölner Sponsoringberatung Repucom erklärten nur sechs Prozent der Befragten, Volleyball sei ihre beliebteste TV-Sportart (zum Vergleich Basketball: elf Prozent). Und nur 18 Prozent gaben an, sich für Volleyball zu interessieren (Basketball: 24). „Volleyball hinkt hinterher“, sagt Repucom-Experte Jens Falkenau, „Sponsoren suchen Partnerschaften in reichweitenstarken Sportarten. Selbst ohne Premiumsponsoring ist die Sichtbarkeit einer Marke im Fußball höher als im Vergleich zu einem prominent platzierten Sponsoring im Volleyball.“

Freude über kleine Fortschritte

Das wissen auch die Verantwortlichen der Volleyball-Bundesliga (VBL). Weshalb sie sich schon über kleine Fortschritte freuen. Zum Beispiel über die Live-Übertragungen der Pokalendspiele von Männern und Frauen. „Wir spüren ein gesteigertes Interesse“, sagt VBL-Pressesprecher Frank Bleydorn. Im Vergleich zur Saison 2013/14, als für die Bundesligen, den Pokal und die europäischen Wettbewerbe 499,44 Millionen Werbeträgerkontakte (Grundlage der Berechnung sind TV-Reichweite und -Übertragungszeit) gezählt wurden, rechnet man für die gerade beendete Spielzeit mit einer Verdopplung.

Im Fall von Allianz MTV Stuttgart könnte sich die Zahl der Werbeträgerkontakte gegenüber 2013/14 (27,88 Millionen) aufgrund des live im SWR gezeigten Pokalsiegs sogar verdreifachen. Schwierig bleibt die Situation des Clubs dennoch. „Im Vergleich aller Volleyball-Standorte“, sagt Bleydorn, „gibt es in kaum einer Stadt einen so großen sportlichen Wettbewerb wie in Stuttgart.“

Dazu kommt die Außenseiterrolle der Sportart. Die Repucom-Experten schätzen das jährliche Sportsponsoring-Volumen für Profi-Hallenvolleyball in Deutschland auf lediglich zehn bis 15 Millionen Euro, Basketball (60 bis 65 Millionen Euro) hat ein viel größeres Potenzial. Und trotzdem rät Marcel Seyther, Kommunikationsexperte aus Renningen, den MTV-Volleyballerinnen, nicht vorschnell aufzugeben: „In Stuttgart will doch keiner mehr die ständigen schlechten Nachrichten vom VfB hören. Für Firmen ist jetzt genau der richtige Zeitpunkt, um die Aufbruchstimmung im Volleyball und die Zielgruppe sportaffiner Frauen zu nutzen.“

Segen des Sponsoring

Einer, der schon sieben Jahre in den Volleyball investiert, ist Rainer Scharr. Der Vaihinger Energie-Unternehmer ist neben dem Allianz-Konzern der zweite Hauptsponsor des Clubs. Das kostet ihn pro Saison einen „deutlichen sechsstelligen Betrag“, ohne den der MTV-Etat von 750 000 Euro nicht zu decken wäre. Scharr spürt, dass sich dieses Engagement auszahlt – er registriert spürbar gestiegene Sympathiewerte für seine Firma, sagt aber auch: „In Zahlen messbar ist das nicht. So ein Sponsoring ist eine Mischung aus wirtschaftlichem Interesse, Idealismus und Begeisterung für den Sport.“ Ob dieser Spaßfaktor so groß ist, dass er seine Schatulle für die Teilnahme an der Champions League noch weiter öffnet, lässt er offen: „Ich würde meinen Teil dazu beitragen. Doch zunächst einmal sind andere dran.“

Diese müssen aber erst noch gefunden werden. Von einem Mann: Wenn es darum geht, Geld aufzutreiben, ist Bernhard Lobmüller bei Allianz MTV Stuttgart ein Einzelkämpfer, und auch er selbst sieht das als Problem. „Wir bringen noch nicht die Kraft auf die Straße, um Unternehmen mit Vollgas angehen zu können“, sagt der Manager, „zudem fehlt uns das Geld, um uns eine professionelle Marketingstrategie leisten zu können. Und auch die Unterstützung aus der Politik fehlt uns. Wir sind wohl der einzige Bundesligist ohne größeren Sponsor, der mit Staat, Land oder Stadt zu tun hat.“

Zum Vergleich: Beim neuen Deutschen Meister Dresdner SC ist Bundesinnenminister Thomas de Maiziére ebenso regelmäßig Stammgast wie Sachsens Wirtschaftsminister Martin Dulig. Hauptsponsoren sind Kreissparkasse und Dresdner Stadtwerke. Ähnliches ist in Stuttgart nicht machbar. „Die Volleyballerinnen bieten hochattraktiven Spitzensport. Es wäre für die Stadt Stuttgart eine tolle Sache, wenn sie Champions League spielen würden“, sagt Susanne Eisenmann, „doch der dafür nötige Etat ist aus Steuermitteln nicht finanzierbar.“

Das letzte Wort der Sportbürgermeisterin ist dies indes nicht. Sie rät dem Verein durch die Blume, eventuell doch noch mal einen Vorstoß bei Messe oder Flughafen zu starten. Und sie bietet ihre Hilfe an: „Es gilt uneingeschränkt, dass OB Kuhn und ich Kontakte zu Firmen herstellen würden. Doch dafür muss die Initiative vom Verein ausgehen. Bisher kam allerdings noch niemand auf uns zu.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: