Bei der Gedenkfeier im Leonberger Stadtpark warnen Jugendliche und Oberbürgermeister Cohn vor einem neuen Rechtsruck – und erinnern daran, dass Frieden aktiv gestaltet werden muss.
Ja, sie machen sich Gedanken über eine Welt, in der Frieden nicht mehr garantiert ist. „Es gibt leider viele Parallelen zu früher“, sagt Maimouna Ly über eine Zeit, die sie nur aus geschichtlicher Literatur oder aus Erzählungen kennt. Sie und ihr Mitschüler Oliver Baade – beide machen im nächsten Jahr am Leonberger Johannes-Kepler-Gymnasium ihr Abitur – sorgen sich um den zunehmenden Rechtsruck in der Gesellschaft. „Viele Menschen haben aus der Vergangenheit nicht gelernt und wir fragen uns, was es braucht, um die Welt friedvoll zu gestalten.“
Auf Anfrage ihres Deutschlehrers beteiligten sich die beiden 17-jährigen Geschichtsleistungskursschüler an der Gedenkfeier zum Volkstrauertag am Friedensmahnmal im Leonberger Stadtpark. Ihr Beitrag zu dieser städtischen Veranstaltung umfasste unter anderem Auszüge aus der bekannten Ansprache, die der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahrestages der Beendigung des Zweiten Weltkrieges im Plenarsaal des Deutschen Bundestages gehalten hatte.
Die Warnungen müssen weitergetragen werden
Vor etwa 30 Bürgerinnen und Bürgern, die an diesem Sonntag der Gedenkfeier beiwohnten, erinnerte der Leonberger Oberbürgermeister Martin Georg Cohn am 80. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges an die bleibende Verantwortung, die aus der Geschichte erwachse: „Die Stimmen der Zeitzeugen werden leiser“, sagte er. Gerade deshalb müsse die Gesellschaft das weitertragen, „was sie uns hinterlassen haben: die Geschichten, die Warnungen, den Mut, die Wahrheit auszusprechen“. Cohn betonte, dass Erinnerung nicht nur rückwärtsgerichtet sein dürfe. „Erinnerung ohne Konsequenz verliert ihre Kraft“, mahnte er. Der Volkstrauertag sei daher ein Tag, der zum Nachdenken über die Gegenwart zwinge.
Im Gedenken an die Opfer benannte Cohn Soldaten, Zivilisten, Ermordete, Verschleppte und Geflüchtete: Menschen, „deren Geschichten oft nie zu Ende erzählt werden konnten“. Zugleich lenkte er den Blick auf aktuelle Konflikte. „Der Krieg ist nicht Vergangenheit. Der Krieg ist Gegenwart“, sagte der Oberbürgermeister mit Blick auf die Lage in der Ukraine, im Nahen Osten und in Teilen Afrikas. Auch Deutschland sei Teil dieser weltpolitischen Spannungen: „Wir stehen nicht außerhalb der Konflikte. Wir stehen mittendrin.“ Der Oberbürgermeister sprach einen Aspekt an, der an Gedenktagen selten thematisiert wird: die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Rüstungsindustrie. Deutschland gehöre seit Jahren zu den größten Waffenexporteuren, ganze Regionen seien wirtschaftlich von dieser Branche abhängig. Daraus ergebe sich eine unbequeme Frage: „Wie sehr beruht unser wirtschaftliches Wohlergehen darauf, dass die Welt nicht friedlicher wird?“ Ehrlichkeit im Gedenken bedeute auch, dieser Realität ins Auge zu sehen.
Frieden muss aktiv gestaltet werden
Abschließend rief Cohn dazu auf, das „Nie wieder“ als Verpflichtung zu verstehen – nicht nur als historische Mahnung. Es gelte, „Waffenlieferungen ethisch zu prüfen“, Rüstung nicht zur Normalität werden zu lassen und Diplomatie nicht ökonomischen Interessen unterzuordnen. Frieden müsse nicht nur eingefordert, sondern aktiv gestaltet werden. Maimouna Ly und Oliver Baade haben schon viele Gedenkveranstaltung besucht. „Leider werden es immer weniger junge Menschen, die das machen.“
Heidrun Puhm vom VdK gedachte der Toten, Pfarrer Bernhard Schmid betete für den Frieden. Den musikalischen Beitrag lieferte der Ökumenische Bläserkreis Leonberg.