Reinhard Neil (links) geht, Markus Fink leitet bald die Gerlinger VHS. Foto: factum/Granville

Reinhard Neil übergibt seinem Nachfolger ein gut bestelltes Haus: Der Chef der Gerlinger Volkshochschule geht in den Ruhestand.

Gerlingen - Sein offizieller Abschied ist zwar erst nach den Sommerferien, genauer gesagt am 21. September. Reinhard Neil hat aber schon in der vergangenen Woche damit begonnen, seinem Nachfolger Markus Fink (siehe „Das Bewährte als gute Basis“) die Spezifika der Volkshochschule Gerlingen (VHS) nahe zu bringen.

Der 65-Jährige hinterlässt dem 40-Jährigen ein Haus, das zwar nicht jedes Jahr neue Rekorde vermeldet, das sich aber an seinem Standort im Strohgäu eigenständig und stabil halten kann – und das jedes Semester mit einem besonderen Schwerpunktthema.

Seit März 1990, also mehr als 27 Jahre lang, hat Reinhard Neil die Gerlinger VHS geleitet. Die Strukturzahlen waren in den vergangenen Jahren weitgehend stabil: um die 10 000 Unterrichtsstunden pro Jahr mit ungefähr 7500 Teilnehmern sowie zwischen 650 und knapp 700 Veranstaltungen pro Jahr. Fast zwei Drittel der Teilnehmer kommen aus Gerlingen, knapp ein Viertel aus Stuttgart, sieben Prozent aus Ditzingen, sechs Prozent aus Leonberg und zwei Prozent aus Korntal. Die Statistik der Altersgruppen überrascht: 27 Prozent der VHS-Besucher sind jünger als 35 Jahre, 28 Prozent bis 49 Jahre alt, 27 Prozent zwischen 50 und 65 und 18 Prozent 65 Jahre alt oder darüber. „Die Weiterbildungsdichte ist in Gerlingen sehr hoch“, sagt Neil, „wir liegen im Land an der Spitze.“

Am Anfang ein Seminarraum

Es hat sich einiges verändert in dem Vierteljahrhundert, in dem Neil das Geschehen an der VHS in Gerlingen verantwortete, zusammen mit den Mitarbeitern und dem Vorstand des Trägervereins. „Das breite Angebot ist erst durch das neue Haus möglich geworden“, blickt der 65-Jährige zurück. Vor dem Neubeginn im Alten Feuerwehrhaus „hatten wir einen Seminarraum im Alten Rathaus“, erinnert er sich. Volkshochschule hatte schon immer einen Auftrag: Bildung im weitesten Sinn. Dass dies zum einen mit dem Beruf zu tun hat und zum anderen mit den Berufstätigen, erklärt sich durch eine Zahl: Etwa 60 Prozent aller Veranstaltungen beginnen um 18 Uhr oder später. Und dabei geht es nicht nur um Themen aus dem beruflichen Umfeld, um Sprachen, Malkurse oder kulturelle Vorträge. „Wir haben uns schon früh zeitgemäße Schwerpunktthemen für jedes neue Semester gesucht“, sagt Neil. Dazu zählten der Islam, die Veränderung der Arbeitswelt oder die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Viele Mehrfachbesucher

Eine weitere Erkenntnis aus der Statistik freut ihn: Ein großer Anteil der Besucher bucht mehrere Veranstaltungen im Jahr – vor allem im Alter 60 Plus, und das vor allem zu den Themen Sprachen, Gesundheit, Allgemeinbildung und Kunsthandwerk. „Es gibt aber auch Gerlinger, die die VHS noch nie von innen gesehen haben“, ist sich Neil sicher.

Der Bereich Gesundheit hat sich mit mehr als 3000 Teilnehmern pro Jahr zum Renner entwickelt; die Sprachen sprechen mehr als 1000 Menschen an, Kreativität und Kultur zwischen 700 und 800. Zu diesem Thema hat sich mit der Freien Kunstakademie eine ernst zu nehmende Konkurrenz entwickelt – die aus einer Sommerveranstaltung an der VHS hervorging. Ohnehin biete heute „jeder Bastelladen“ Kurse an, wie man Material einsetze. Das Ziel familienfreundliche Stadt habe man immer unterstützt, betont Neil, und im Lauf der Jahre die Angebote für Kinder und Jugendliche ausgebaut. Eines aber sei eindeutig: die Nachfrage nach beruflicher Bildung sei ganz klar zurückgegangen, vor allem der Schulungsbedarf zu EDV-Themen.

Er will nicht alles auf den Kopf stellen, wie das neue Chefs bisweilen tun. Im Gegenteil. Bewährtes weiterführen, aber dennoch Entwicklungspotenzial in dem einen oder anderen Thema sehen – das sind die Ziele von Markus Fink, dem neuen VHS-Chef. Und er hat ein Ziel, das er in zwei oder drei Jahren erreichen will: Die Volkshochschule in Gerlingen soll ein Zertifikat für die Qualität ihrer Arbeit bekommen.

Das Bewährte als gute Basis

Markus Fink hat seine Ausbildung bewusst mit dem Ziel Erwachsenenbildung ausgerichtet. Der Allgäuer hat in Freiburg Pädagogik studiert, seine letzte Station vor der Bewerbung nach Gerlingen war die eines Fachbereichsleiters an der VHS in Celle (Niedersachsen). „Ich stamme eigentlich aus Bayern, wurde aber in Württemberg sozialisiert und habe dann in Baden studiert“, sagt er lachend. Er freut sich auch darüber, wie freundlich er in Gerlingen aufgenommen wurde – wenn auch zunächst am Besprechungstisch im Büro des Chefs. Das wird sich Anfang Oktober ändern, wenn der 40-Jährige ins Amt eingeführt wird. Dass die Gesundheit zum Spitzenthema der VHS wurde, sei ein bundesweiter Trend. Auch ein anderes biete viel Potenzial: „Migration und Flüchtlinge“ werden uns beschäftigen – und das nicht nur mit einem neuen Integrationskurs als Fortsetzung eines Deutsch-Lehrgangs mit 22 Teilnehmern. Der Bereich berufliche Bildung gewinne an Bedeutung, nicht nur wegen der neuen Bürger, die sich hier integrieren und arbeiten wollen. „Nicht jeder aus Syrien ist Ingenieur.“ Aber auch schon berufstätigen Einheimischen könne man noch viel beibringen „für’s G’schäft“: zum Beispiel Sozialkompetenz als Basis für Leitungsstellen, Arbeitsorganisation und EDV („es gibt noch Leute, die Zahlen in einer Excel-Tabelle mit dem Taschenrechner addieren“). All dies habe viel mit Kommunikation zu tun, mit zielgruppengerechter Werbung habe man aber ja schon ordentlich Erfahrung in Gerlingen.

Er sei erfreut über die technische Ausstattung der VHS, sagt Fink nach dem ersten Umschauen, den digitalen Lernformen gehöre die Zukunft: Da bekommt der Teilnehmer Unterstützung für seine Hausaufgaben am Computer zuhause. Gefallen hat ihm auch eine Zahl aus der Besucherstatistik: „Es ist toll, wie viele 25- bis 30-Jährige herkommen“, das seien nicht überall so viele. Eine gute Basis für den Start also.

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