Die Volkshochschule in Stuttgart Foto: Moritz

Altlast wurde in der Vergangenheit angehäuft - Zur Konsolidierung soll das Land beitragen.

Stuttgart - 610 Erwachsene streben auf dem Abendgymnasium der Volkshochschule zurzeit das Abitur an. Der Betrieb stürzt den Volksbildungsverein jedoch in so hohe Schulden, dass dem Aufsichtsrat nun die Schließung des Abendgymnasiums vorgeschlagen worden ist.

Ob Industriemechaniker, Grafikdesignerin oder Fahrlehrer, nicht jeder will den erlernten Beruf bis zum Ruhestand ausüben. In manchen Berufsfeldern eröffnen sich mit dem Abitur und einem Zusatzstudium neue Perspektiven auch in führenden Positionen. Aus diesem Grund sind die zwei Abendgymnasien in Stuttgart, das des FBD Bildungsparks (24 Schüler) und das der VHS Stuttgart (610 Schüler), seit Jahren gleichbleibend gefragt - trotz einer Gebühr von rund 600 Euro im Jahr.

Doch nun schlägt die VHS Alarm: "Die finanzielle Lage des Abendgymnasiums ist eine Belastung und bedroht unsere Existenz", sagt VHS-Leiterin Dagmar Mikasch-Köthner. Die VHS müsse jährlich "einen sechsstelligen Betrag" zuschießen, um den Schulbetrieb am Laufen zu halten. Außerdem muss ein Darlehen in Höhe von 400.000 Euro getilgt werden. In der Summe würde, so das Fazit eines Wirtschaftsprüfers, die Konsolidierung der Weiterbildungseinrichtung 1,1 Millionen Euro kosten.

Gleichzeitig muss die VHS selbst einen harten Sanierungskurs einschlagen, weil vor Mikasch-Köthners Amtszeit ein Defizit von rund einer halben Million aufgelaufen war. Das gleicht die Stadt Stuttgart zwar aus, im Gegenzug erhält die VHS aber jährlich 180000 Euro weniger Zuschüsse.

Auch das Abendgymnasium, das im Auftrag des Landes 1948 in Stuttgart eingerichtet wurde, ist um 50 Plätze verkleinert worden, die Außenstellen Esslingen und Weinstadt, circa ein Drittel des Gesamtvolumens, sind an die dortigen Kommunen übergeben worden, mehrere innerstädtische Klassenräume wurden aufgegeben, um Mietkosten zu sparen. Seit das Gutachten vorliegt, ist der VHS-Chefin klar: "Wir brauchen Unterstützung. Das Land hat zum Ausdruck gebracht, dass Abendgymnasien zu den wichtigen Säulen des Schulsystems gehören, jetzt muss der bildungspolitischen Forderung finanzielle Hilfe folgen."

"Abendgymnasium wieder zukunftsfähig machen"

Das Land, das die Sach- und Personalkosten zu 90 Prozent erstattet, sieht den Fall freilich völlig anders. "Vor einem Jahr waren Michael Föll und ich bei Staatssekretär Wacker, um eine Entschuldung der VHS zu erreichen. Damals wurden wir gefragt, warum das Abendgymnasium der VHS als einziges ein Defizit eingefahren habe", sagt Susanne Eisenmann. Inzwischen sei diese Frage geklärt: "Die VHS hat in der Vergangenheit sehr hohe Kosten angehäuft, die nicht erstattungsfähig sind." So werde beispielsweise das Personal überproportional bezahlt, und es seien über die Maßen zusätzliche Mieten für Räume angefallen.

Ende vergangener Woche ist der Aufsichtsrat der VHS von den Problemen unterrichtet worden, woraufhin die Fraktion der Grünen im Gemeinderat einen Bericht im Verwaltungsausschuss eingefordert hat, der kommenden Mittwoch tagt. Susanne Eisenmann soll die Haltung des Landes erläutern.

"Als Schulbürgermeisterin hat es für mich Priorität, das Abendgymnasium wieder zukunftsfähig zu machen und in Stuttgart zu halten", sagt Eisenmann. Vorher müsste der Aufsichtsrat der VHS allerdings über die Details informiert werden, dann könne sie Gespräche mit dem Land führen.

"Es ist unerlässlich, dass neben dem Verein das Land, aber auch die Stadt Stuttgart alles versuchen muss, den zweiten Bildungsweg offen zu halten", schreiben die Grünen in ihrem Antrag an die Stadtverwaltung. Das Abendgymnasium erfülle einen bedeutenden Bildungs- und Integrationsauftrag, zumal rund 80 Prozent der Studierenden aus Einwandererfamilien stammen.

Der CDU-Stadtrat Jürgen Sauer, der einen Sitz im VHS-Aufsichtsrat hat, spricht sich ebenfalls gegen eine Schließung aus: "Es wäre ein Armutszeugnis, wenn wir die finanziellen Altlasten des Abendgymnasiums auf dem Rücken der 600 Studierenden austragen würden." Eine Zukunft habe das Abendgymnasium jedoch nur, wenn die Schulden abgetragen seien, "da sehe ich in erster Linie das Land in der Pflicht", so Sauer. Auch an der "ausgestreckten Hand der Stadt" dürfe es nicht fehlen.

Für unumgänglich hält Sauer nach der Konsolidierung aber neue Strukturen, um weitere Defizite zu vermeiden. Dies könne seiner Ansicht nach in der Trägerschaft der VHS geschehen, denkbar aber sei auch, das Abendgymnasium an einen anderen Schulträger, beispielsweise das Kolping-Werk, zu übergeben.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: