Auch Veganer und Vegetarier werden mittlerweile auf dem Fest der Schweinshaxn und gebratenen Göckele satt. Die Tierschutzorganisation Peta hat extra einen Wasen-Guide zusammengestellt – und vieles übersehen.
Gebackener Gemüsestrudel mit Räuchertofu? Klingt nicht nach Cannstatter Volksfest. Das vegane Gericht steht aber seit diesem Jahr in Grandls Hofbräu-Zelt auf der Speisekarte. Beim Göckelesmaier können sich die Besucher erstmals mit einem Popeye-Burger kräftigen: Statt Rinderhack steckt ein Spinat-Hafer-Brokkoli-Grünkohl-Bratling in dem Brötchen. Auch in Puhl’s Pizzabäckerei wird der Trend zum vegetarischen Belag bestätigt. Beim Mais Man gibt es vegane Butter zur Auswahl. Und bei Benda’s Grill-Stube steht jetzt eine Spätzle-Pfanne auf dem Herd. „Wir versuchen, ein bisschen mehr Gemüse auf den Wasen zu bringen, der so fleischlastig ist“, sagt die Mitinhaberin Carina Hohlfeld. Mit einer veganen Rostbratwurst und pflanzlichen Chicken Nuggets hat sich noch mehr Neuheiten zu bieten. Aber ums Tierwohl dreht sich das Volksfest deshalb noch lange nicht.
Petas Wasen-Guide greift zu kurz
Der Wasen-Guide der Tierschutzorganisation Peta greift dennoch zu kurz. In dem Flyer, der zum Verzicht auf Tierprodukte, aber nicht auf den Volksfestbesuch anregen soll, wird neben Göckelesmaier nur noch das Fürstenbergzelt empfohlen. Mediterranes Ofengemüse mit Lemon-Tahini-Topping und Rosmarinkartoffeln schlägt Peta statt des Hühnchens vor, beim badischen Bierbrauer freuen sich die Tierschützer über veganes Gulasch mit Reis. Aber auch in der Schwabenwelt wird Superfood serviert: ein Salat mit pflanzlichem Hühnchen, Gojibeeren und Mango. Und beim Wasenwirt ist der Salat aus Bio-Quinoa-Samen mit Rote-Bete-Carpaccio schon länger im Programm.
„Die Zeiten sind vorbei, in denen man die Gäste mit Göckele, Bratwurst und Fischstäbchen zufrieden stellen konnte“, sagt Karl Maier. Seine Speisekarte sei stetig gewachsen und werde „Jahr für Jahr den Launen und Moden angepasst“. Die Festzeltküche nimmt deshalb zunehmend Platz ein, allein 35 Mitarbeiter sind dort beschäftigt. Um Firmengruppen als auch Familien auf den Wasen zu locken, „darf ein Festzelt den Vergleich mit einem sehr guten Restaurant nicht scheuen“, erklärt Hans-Peter Grandl die Entwicklung. Entsprechend ist neben dem Tofu-Strudel die zweite Neuheit im Hofbräu-Zelt ein edles, sous vide gegartes Weiderind in Pfefferrahmsoße. „Der unangefochtene Klassiker“ bleibt allerdings das halbe Grillhähnchen – wie bei Göckelesmaier, wo die Schweinshaxe ebenfalls ein Renner ist.
An den meisten Ständen gibt es vor allem Fleisch
Trotz Peta-Guide besteht das Speiseangebot zu 90 Prozent aus Fleisch – und es kommt nicht vom Bio-Bauern. „Regionalität steht bei uns an oberster Stelle“, sagt Hans-Peter Grandl – ohne aber Lieferanten zu nennen. Die Haxen bezieht er jedoch nicht mehr bei der Bäuerlichen Erzeugergemeinschaft Schwäbisch Hall. Karl Maier kauft seine Göckel in Frankreich, wo sie im Freiland und doppelt so lange wie in Deutschland leben dürfen, das Fleisch stammt vom Freiberger Metzger Schneider und vom Großhandel Mega. „Unsere Hähnchen sind aus kontrollierter deutscher Aufzucht und Bodenhaltung“, versichert Sonja Merz. Beim Stand der Riesenhamburger bringt es Simone Benda auf den Punkt: „Die Kunden sollen es sich leisten können.“ Der günstigste Burger ist bei ihr für vier Euro zu haben, so viel kosten fünf Dartpfeile beim Luftballonschießen. Sie wirbt damit, alles frisch und selbst zu machen. Eine fleischlose Bulette hat Simone Benda nicht im Angebot, weil es an Platz für eine Grillstation fehlt „und bei uns die Nachfrage zu gering ist“. Ihre Hamburger werden ab und zu auch einfach ohne Patty bestellt.
Für Natalie Maatz ändern sich die Essgewohnheiten der Wasenbesucher dagegen spürbar: Früher hätten sie vor allem aus religiösen Gründen die Salami abgelehnt, berichtet die Lebenspartnerin des Betreibers von Puhl’s Pizzabäckerei. „Heute geht es durch alle Schichten und fast die Hälfte der Kundschaft bestellt einen vegetarischen Belag“, sagt sie. Nur samstags sei der Hunger auf die Wurst nach wie vor groß – weil dann der Durst auf Bier gleichermaßen groß ist.
Manche ernähren sich auch auf dem Wasen gesünder
„Möglichst groß, möglichst viel“ sei das Motto bei Männergruppen, bestätigt Carina Hohlfeld. Bei ihrer Grill-Stube sind die einen halben Meter lange Feuerwurst und Currywurst mit Pommes die Verkaufsschlager. Dennoch sei die Nachfrage nach vegetarischen Alternativen gestiegen. „Die Menschen ernähren sich bewusster und gesünder“, sagt die Standbetreiberin. Schon beim Weihnachtsmarkt sei die vegane Bratwurst sehr gut angekommen. „Vegetarisch und vegan ist auch auf dem Wasen immer mehr im Kommen“, ist sie überzeugt – aus eigener Erfahrung, denn Carina Hohlfeld verzichtet seit zwei Jahren auf Fleisch.