In rechten Kreisen kursiert eine Schwundform politischer Theologie. Ein Gespräch mit dem Historiker Volker Weiß über verschwurbelte Tech-Milliardäre, Apokalyptiker und Antichristen.
Volker Weiß erforscht, was in den Köpfen der autoritären Rechten herumspukt. Im Moment ist das die Figur des „Katechon“ – des Aufhalters –, dem er sein neues Buch gewidmet hat. In einer eklektizistischen Mobilmachung geisteswissenschaftlicher und religiöser Thesen ziehen diesseits und jenseits des Atlantiks Glaubenskrieger einer schwarzen Gegenaufklärung in den Kampf gegen die offene Gesellschaft, die Globalisierung und das, was sie den großen Austausch nennen.
Herr Weiß, in den Nachrichten dieser Tage rückt der amerikanische Präsident öfter als Widersacher des Papstes ins Bild. Wie würde die Antwort des amerikanischen Tech-Milliardärs und libertären Freizeittheologen Peter Thiel lauten, würde man ihn fragen, wer von beiden hier der Antichrist sei?
Ich denke, für Peter Thiel wäre der Papst der Antichrist, zumal sich der Papst auch für die Kontrolle von KI ausspricht, das ist für Thiel ein Zeichen des Antichristen. Das Interessante ist, dass bei ihm, wie auch bei dem amerikanischen Vizepräsidenten J.D. Vance, ein altes protestantisches Motiv wiederkehrt. In den Auseinandersetzungen nach der Reformation wurde der Papst ja mitunter als Antichrist bezeichnet.
In Ihrem Essay „Katechon“, das diese Woche erscheint, beschäftigen Sie sich mit einer Gedanken-Figur, die gerade durch den rechten Diskurs spukt, nicht nur in den USA, sondern auch in Deutschland. Wer oder was ist das?
Im zweiten Brief an die Thessalonicher warnt Paulus die Gemeinde, sich in Erwartung der angekündigten Wiederkehr Christi nicht von Betrügern, die sich als Messias ausgeben, verführen zu lassen. Das seien alles Werkzeuge des Antichristen. Und dann führt er diese Figur ein, Katechon, eine aufhaltende Kraft. Das muss nicht zwingend eine Person sein. Man konnte darin die Gesamtheit der Christen sehen, die durch ihre Glaubensstärke widersteht. Oder eine Institution wie die römische Kirche. Auch das Heilige Römische Reich wurde damit legitimiert.
Wie konnte ausgerechnet eine theologisch eher anspruchsvolle Gedankenfigur zum Codewort rechter, populistischer Agitation werden?
In diesen ohnehin zum Mystizismus neigenden Kreisen ist das nicht ungewöhnlich: Man nimmt ein komplexes Motiv oder einen Begriff und bricht ihn auf Massentauglichkeit herunter. Die Figur des Aufhalters an sich ist zwar nicht politisch bestimmt. Aber es gibt eine spezifische Katechontik von rechts, die mit dem umstrittenen Staatsrechtler Carl Schmitt einsetzt und sehr deutlich die liberale Demokratie angreift.
Diese Reaktivierung kryptischer Lehren im Dienst politischer Apokalyptik klingt eigentlich eher nach Trivial-Literatur à la Dan Brown. Warum ist der Katechon in autoritären und illiberalen Kreisen so anschlussfähig?
Er eignet sich sehr gut zur Bestimmung von Freund und Feind. Über ihn lässt sich auch eine Verbindung zu imperialen Ansprüchen herstellen: zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation, aber ebenso der Heiligen Rus. Russland stilisiert sich im Zeichen des Aufhalters als Gegenimperium zu westlicher Dekadenz, als Schutzmacht für das konservative Christentum. Man kann mit dieser Figur wunderbar nationalistische Interessen und ein Denken in Großräumen rechtfertigen.
Von Russland aus gesehen, wäre dann Trump der Antichrist?
Das ist das Verrückte: Die Identifikationen sind willkürlich einsetzbar. Für die einen ist Putin der Katechon, der AfD-Politiker Maximilian Krah feiert Donald Trump, der durch den Angriff auf den Iran bewiesen habe, dass er der Katechon sei. Teile der Maga-Bewegung sehen im Moment den Iran in der Rolle und distanzieren sich deshalb gerade von ihrem Idol. Die Mullah-Diktatur ist ungefähr das, was sie gerne selbst hätten, nur nicht islamisch, sondern eben christlich. Und für den überzeugten Nationalsozialisten Carl Schmitt konnte nach der Niederlage Nazi-Deutschlands sogar Mao Tse Tung als Aufhalter gegen das verhasste Amerika einspringen. Zum Katechon kann alles werden, was sich irgendwie gegen die liberale Demokratie des Westens stellt.
Wie sieht das bei Ultraliberalen vom Schlage Peter Thiels aus?
Er fürchtet die Reglementierung der Technologie, die von seinem Konzern entwickelt wird. Demokratische Kontrolle ist für ihn ein Werkzeug des Antichristen. Die einzige Rettung sieht er in seiner Software Palantir. Ausgerechnet. Ich würde sagen, die meisten Menschen haben eher Angst vor einer entfesselten Technologie dieses Schlages.
Was ist das Primäre – eine wie auch immer verschwurbelte politische Theologie oder die ökonomischen Interessen, die sie bemäntelt?
Schwer zu sagen. Peter Thiels Interviews durchziehen eine religiöse Metaphorik. Er ist medial ja unglaublich präsent, vornehmlich in der Schweizer „Weltwoche“ des Ultrakonservativen Roger Köppel. Er scheint eine Obsession mit der Endzeit zu haben, und bekennt sich auch offensiv zum christlichen Glauben wie der von ihm geförderte und plakativ zum Katholizismus übergetretene US-Vizepräsident J.D. Vance.
Ist es nicht hochgradig lächerlich, wenn sich ein frisch gebackener Katholik wie Vance mit einer Art Google-Theologie der höchsten kirchlichen Autorität, dem Papst, entgegensetzt?
Natürlich, aber wir leben in einer Zeit, in der Leute selbst Wissenschaftler, die jahrzehntelang zu Themen intensiv geforscht haben, mit einem YouTube-Video widerlegen wollen.
Was ist das für ein Christentum, das von seinem ideellen Kern der Nächstenliebe, so gründlich befreit wurde?
Es ist ein Christentum der Macht- und Herrschaftssicherung, und letztendlich auch ein Christentum der rücksichtslosen Entfaltung des Reichtums, statt der Nächstenliebe. Es gibt da offensichtlich einen Generationenwechsel. Die alte oligarchische Generation im Westen, Leute wie Bill Gates oder George Soros, haben Stiftungen gegründet. Sie pflegten dieses sehr angelsächsische Denken, dass man den Erfolg durch Wohltätigkeit an die Gesellschaft zurückgibt. Diese Mentalität scheint in der nächsten Generation nicht mehr vorhanden. Die wollen jetzt zum Mars fliegen und globale Dominanz haben, und nicht mehr Krebsmittel erforschen.
Lässt sich das, was sich in diese eklektizistische politische Theologie kleidet, noch aufhalten?
Wir können gerade Donald Trump täglich beim Scheitern zuschauen – ob es die Zollpolitik ist, der entfesselte Terror im Inneren über die ICE-Behörde und jetzt das Debakel an der Straße von Hormus. Wenn man da nur ein wenig die Augen öffnen würde, würde man sehen: Das funktioniert alles nicht.
Trotzdem steigen in Deutschland die Umfragewerte der AfD.
Die AfD hat keinerlei Lösungsangebote. Ihr Erfolg geht einher mit einer massiven Kampagne, die über technische Möglichkeiten forciert wird. Der Zusammenschluss der „Tech-Bros“ mit der Rechten hat sehr konkrete Folgen in der KI- und digitalgestützten Ausweitung ihrer Echokammer. Hinzu kommt eine immer weiter rechtsdrehende Politik. Solange die anderen politischen Kräfte glauben, die AfD abfangen zu können, indem sie sie nachahmen, wird das nicht gelingen.
Sie sind einer der besten Kenner des Denkens der Neuen Rechten. Sind Sie nicht manchmal versucht, selbst zum Apokalyptiker zu werden?
Nein. Aber ich mache mir schon ernsthafte Sorgen über den Zustand der Welt. Und ich sehe zu wenig Willen, die Bedingungen zu ändern. Eine so geballte ökonomische, technologische, politische und publizistische Macht, wie wir sie bei einem Elon Musk zentriert finden oder die Herausbildung von globalen Monopolen – all das widerspricht ja eigentlich jedem Grundgedanken des Liberalismus, der angeblich auf Konkurrenz und Wettbewerbswirtschaft aufbaut. Das hätte man längst verhindern müssen, und die Warnungen waren seit Jahrzehnten deutlich. Es wurde ignoriert, und ich sehe auch im Moment nicht wirklich, dass sich das ändern wird, obwohl die EU dazu durchaus in der Lage wäre.
Volker Weiß: Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart. Klett Cotta. 128 Seiten, 18 Euro.
Info
Autor
Der Historiker Volker Weiß, geboren 1972, gilt als einer der besten Kenner der neurechten Szene. Sein Buch „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ gilt als Standardwerk zum Thema und wurde 2017 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.
Termin
Am 10. Juni, 18 Uhr, stellte Volker Weiß im Rahmen des Projekts „Demokratische Gesellschaft und totalitäre Herausforderung“ sein Buch im Hospitalhof Stuttgart vor.