Der Historiker Volker Reinhardt erklärt, was wir in Coronazeiten aus der Erforschung der Großen Pest lernen können.
Stuttgart - Seit die Coronapandemie uns mit immer neuen Ungewissheiten konfrontiert, ist die Sehnsucht nach Schutz und Orientierung groß. Es liegt daher nah, auf andere Epidemien zu schauen, beispielsweise auf die Große Pest, die Europa im 14. Jahrhundert heimsuchte. Das hat der Historiker Volker Reinhardt in seinem Buch „Die Macht der Seuche“ getan. Ein Gespräch über Pandemieerfahrungen – damals und heute.
Herr Reinhardt, was fällt auf, wenn man die Coronapandemie und die Pestepidemie im 14. Jahrhundert miteinander vergleicht?
Der Blick zurück führt ganz erstaunliche Parallelen vor Augen. Wir lernen, dass Menschen in sehr hohem Maße von Angst bestimmt sind, und dass der kühle Verstand, die nüchterne, abwägende Ratio in solchen Situationen einen sehr schweren Stand hat. Das Unbekannte, das in solchen Infektionen hervortritt, ist für den Homo sapiens eine erschreckende Erfahrung. Das geht ganz sicher in Urzeiten zurück. Man könnte fast sagen, das ist in unserer DNA angelegt, ebenso wie einige wichtige daraus folgende Reaktionsweisen: Zuallererst, sich zu schützen, sich gewissermaßen in Steinzeitanalogie in der eigenen Höhle zu verschanzen – mit Klopapier, vor 10 000 Jahren wahrscheinlich eher mit Mammutfleisch. Hinzu kommt die Notwendigkeit, etwas zu tun. Was Menschen in Krisenzeiten am allerwenigsten ertragen, ist Tatenlosigkeit. Und das führt dazu, dass, damals wie heute, die politisch Verantwortlichen handeln müssen und auf diese Weise nicht immer vernünftig handeln.
Sie sehen überwiegend Unvernunft am Werk?
Man kann, darf und soll nicht leugnen, dass sehr viele richtige und zielführende Maßnahmen getroffen wurden. Wenn Sie sich allerdings den Flickenteppich Deutschland anschauen, wie inkonsequent und widersprüchlich einzelne Maßnahmen sind, dann stellt sich das eine oder andere auch als Schaugepränge dar. Obrigkeiten müssen einfach zeigen, dass sie etwas tun. Ich würde es auf die Formel bringen, sehr vieles ist sinnvoll gewesen, manches wird sich wahrscheinlich bei späterer Betrachtung als eher zweifelhaft herausstellen. Das Virus ist neu und sehr schwer einzuschätzen, da steht das Überleben im Vordergrund. Aber dass aufseiten der Regierenden sowohl im 14. als auch im 21. Jahrhundert ein gewisser Aktionismus vorhanden ist, der auch den Eindruck erwecken soll, dass etwas geschieht, ist, glaube ich, unbezweifelbar. Man muss diese Erkrankung zweifellos erst nehmen, aber Hysterie schadet nur.
Welche Unterschiede würden Sie hervorheben?
Der größte Unterschied ist sicherlich, dass Menschen des 14. Jahrhunderts in ganz anderen Vorstellungswelten und Bewusstseinshorizonten leben. Für die Zeitzeugen der Großen Pest ist selbstverständlich Gott der Akteur. Eine solche verheerende Seuche kann nur transzendenten Ursprungs sein, sie muss von Gott kommen und in irgendeiner Weise als Strafe verordnet sein. Die große Frage, die sich damit stellt, ist: wer soll bestraft werden. Es muss einen tieferen Sinn geben. Heutzutage halten sich die etablierten Kirchen in lobenswerter Weise zurück, was eine pseudoreligiöse Interpretation angeht. Auch die Suche nach Schuldigen tritt in älteren Pandemiezeiten deutlicher zutage als heute. Ein weiterer elementarer Unterschied ist die Präsenz des Todes. Im 14. Jahrhundert liegt die durchschnittliche Lebenserwartung unter 30 Jahren. Auch der jähe Tod ist präsenter.
Geschätzt starb ein Drittel der europäischen Bevölkerung an der Großen Pest. Von solchen dramatischen Zahlen sind wir zum Glück sehr weit entfernt.
Das war ein sehr viel intensiveres Schreckenserlebnis. Selbstverständlich ist die Schwere der Krise unterschiedlich.
Hat es Regionen und Städte gegeben, die glimpflich davongekommen sind?
Isolierung und Quarantäne, die wie heute auch hilfreich gewesen wären, werden im 14. Jahrhundert nur selten praktiziert. Eine Ausnahme bildet Mailand, wo der Alleinherrscher Luchino Visconti es schafft, die Pest durch konsequente Abschottung von der Stadt fernzuhalten. Waren, Menschen werden rigoros ferngehalten, wenn sie auch nur unter Ansteckungsverdacht stehen. Er muss auch schon präventiv gehandelt und muss Vorräte angelegt haben, sonst wäre eine solche große Stadt gar nicht zu versorgen gewesen. Diese Leistung ist umso erstaunlicher, als sie der offiziellen Erklärung widerspricht. Die offizielle Erklärung ist: Gott straft, und zwar dadurch, dass die Planeten in einer ungünstigen Konjunktion zueinanderstehen. Das erzeugt tödliche Luftschwaden, die auf die Erde niederfallen und die Menschen vernichten. Dann hätte diese tödliche Luft aber auch in Mailand einfallen müssen.
Hat die Erfahrung der Pest die Menschen verändert?
Während der Epidemie hofften die Menschen, dass hinterher alles besser wird. Das ist eine Haltung, die auch heute verbreitet ist: Vielleicht werden wir alle hilfsbereiter und edler, wenn das Virus endlich verschwunden ist. Aber als die Seuchenzeit mit einigem Abstand betrachtet wurde, stellte sich die gegenteilige Reaktion ein: Die Welt schien noch ungerechter geworden zu sein als vorher.
Teilen Sie die Einschätzung?
Ich glaube, die Menschen sind weder besser noch schlechter geworden. Sie sind sich gleich geblieben, mit einigen charakteristischen Verschiebungen in den Mentalitäten. Was in der Reaktion auf Epidemien im 14. Jahrhundert hervorsticht, ist der rückwärtsgewandte Zug. Man möchte zu den guten alten Zeiten zurückkehren und an eine vermeintlich bessere Vergangenheit andocken. Man wird konservativer. Insofern sind auch starke Herrschaften attraktiv. Sie suggerieren Geborgenheit und Aufgehobensein. Was zudem besonders auffällt, sind die Ressentiments, ist die Wut der Überlebenden, von Dankbarkeit finden wir nichts.
Von einem Aufbruch also keine Spur?
Die Pest kehrt mehrmals zurück. Sie vermehrt das Elend und verschärft soziale Konflikte. Aber es gibt auch Gewinner, die kleinen Leute etwa, die überleben. Arbeitskraft wird teurer, und somit steigen die Löhne. Und dann kommt einige Zeit später eine großartige Reaktion vor allem in der bildenden Kunst: Nach so viel Elend sehnt man sich nach Schönheit, nach der Großartigkeit des Menschen. Die Werke, die entstehen, zeigen den Menschen nicht in der Misere, sondern als zur Vervollkommnung fähiges Geschöpf. Schön wäre es, wenn wir so etwas auch noch mal erleben würden.
Info
Autor Volker Reinhardt, 66, ist Professor für Geschichte der Neuzeit an der Universität Fribourg in der Schweiz. Biografien über Machiavelli, den Marquis de Sade und Michelangelo haben den Experten für die italienische Renaissance über Fachkreise hinaus bekannt gemacht. Sein neues Buch „Die Macht der Seuche. Wie die Große Pest die Welt veränderte. 1347 – 1353“ wurde durch die Corona-Pandemie angestoßen.
Buch Volker Reinhardt: „Die Macht der Seuche. Wie die Große Pest die Welt veränderte. 1347 – 1353“, C.H. Beck Verlag, München, 256 Seiten, 24 Euro.