Volker Mall vor den Überresten eines Salzstollens, in dem sich gegen Ende des Zweiten Weltkriegs Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene abquälten. Foto: Horst Rudel

Volker Mall setzt sich seit Jahrzehnten dafür ein, die Geschichte des KZ Hailfingen-Tailingen und dessen Opfer lebendig zu halten. In den letzten Wochen hat er zwei vergessene Lager-Außenstellen entdeckt. Was treibt den pensionierten Musiklehrer an?

Haigerloch - Dort haben sie gelitten. Von der Straße aus ist nichts mehr zu sehen. Volker Mall parkt am Fahrbahnrand und stapft Richtung Wald. Eine schwache Spur von umgeknickten Gräsern ist zu sehen, die zwischen den Bäumen verschwindet.

 

Der 78-Jährige aus Herrenberg folgt der Spur und steht bald vor einer mehr als vier Meter hohen Wand aus Natursteinen und Beton. Ein mächtiges Bauwerk, das mittlerweile ganz und gar überwachsen ist. Herumliegender Abfall zeigt, dass hier offenbar Kinder herkommen zum Spielen. Bäume sind über die Mauer gestürzt. Es ist dunkel und feucht, es riecht nach Laub und Tannennadeln.

Es ist der vermauerte ehemalige Stollen einer Kali-Mine. In dieses Bergwerk sollten in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs Teile des Oberndorfer Waffenherstellers Mauser ausgelagert werden, um sie vor Luftangriffen zu schützen. Mall hat das Bauwerk vor wenigen Wochen entdeckt. Seit Jahrzehnten erforscht er mit seinem Recherchepartner Harald Roth die Geschichte des KZ Hailfingen-Tailfingen. Anfangs gegen Widerstände in der Gemeinde, heute gegen das Vergessen der Geschehnisse vor 75 Jahren.

Mall hat herausgefunden, dass fast 2000 Häftlinge, darunter 600 Juden, auf dem jetzt kaum mehr erkennbaren Flughafen Hailfingen-Tailfingen untergebracht waren. Mit detektivischer Kleinarbeit haben er und Roth ehemalige Häftlinge ausfindig gemacht.

Von der SS zusammen getrieben

Einer von ihnen: Nikos Skaltsas. Er war mit 1040 anderen Griechen Anfang August 1944 in den roten Vororten Athens von der SS und griechischen Kollaborateuren zusammengetrieben und ins Deutsche Reich deportiert worden. Von dort ging es in das KZ Hailfingen, wo die Häftlinge und Zwangsarbeiter eine Landebahn bauen und im Kalibergwerk arbeiten mussten. In Briefen an Mall hat Nikos Skaltsas über die Grausamkeit der SS berichtet, aber auch über die Hilfe der Bevölkerung, die den Griechen immer wieder Lebensmittel zusteckte. Zum Terror des Lagers kam Ende 1944 der Schrecken des Krieges.

Nikos Skaltsas schreibt: „Am 8. Oktober 1944 gingen wir um 8 Uhr am Morgen zur Arbeit, als etwa zehn alliierte Flugzeuge am Himmel erschienen. Der Flugplatz hatte zwei Flugabwehrgeschütze, deren Bedienung durch junge Deutsche erfolgte, die erst 13 oder 14 Jahre alt waren. Kaum hatten die Flugzeuge zu schießen begonnen, da rannten die Jungen weg von den Flugabwehrkanonen in ihren Luftschutzbunker. Wir Zwangsarbeiter dagegen waren den Fliegerbomben schutzlos ausgesetzt. Glücklicherweise stand zufällig in unserer Nähe eine Straßenwalze, hinter der ich mit anderen Deckung suchte. Einer von uns schaffte es nicht rechtzeitig und verlor seine Hand – das war der Armenier Geprém Sertsegián aus Dourgouti. Die Deutschen zwangen uns danach, mit Schiebkarren Sand zum Löschen der brennenden Flugzeuge zu bringen. Vier oder fünf Flugzeuge hatten beim Angriff Feuer gefangen.“

Am 23. April 1945 wurde Haigerloch durch amerikanische Truppen befreit. Nikos Skaltsas und 15 weitere Griechen kamen nach Offenburg in ein beschlagnahmtes Haus, wo sie sich ausruhen und erholen konnten. Ende August begann die Rückholung in kleinen Gruppen: mit der Bahn nach München, dann mit dem Flugzeug in die griechische Heimat.

Mit dem Jeep in die Freiheit

Ein weiterer griechischer KZ-Überlebender berichtet rückblickend: „Gegen Ende März brachten sie uns nach Haigerloch-Stetten. Dort war ein großes Lager errichtet für Griechen, Italiener, Polen, Russen, Franzosen. Wir waren mehr als 1000 Insassen: nicht nur Zwangsarbeiter, auch Kriegsgefangene. Es gab nichts zu essen für so viele Menschen.

Nach drei oder vier Tagen brachten sie uns in ein Salzbergwerk. Wir verluden das Salz auf Loren, die es irgendwohin transportierten. Am 16. April wurde das Lagertor geöffnet. Die Deutschen brachten uns Griechen nach Tübingen, verließen uns aber unterwegs. So kamen wir allein in die Stadt, blieben dort aber keinen Tag lang, sondern kehrten zurück nach Haigerloch. Dort suchten wir uns einen Platz im Unterholz und gruben mit unserem Zink-Essgeschirr eine Art Unterschlupf. Wir blieben drei Tage und spielten Karten, um uns die Zeit zu vertreiben. Wir hatten nur rohe Kartoffeln und holten uns Wasser aus einem Flüsschen. Im Dorf war ein Grieche von uns geblieben, der sagte den Amerikanern, wo wir übrigen uns versteckt hatten. So kamen schließlich vier amerikanische Jeeps und holten uns ab aus dem Wald.“

Der Kampf eines Linken

Warum tut Volker Mall das? Warum arbeitet der pensionierte Musiklehrer wie ein Besessener in der Vergangenheit? „Ich bin ein typischer linker Lehrer, eine typisch linke Drecksau“, antwortet er. Dieses Schimpfwort hat er sich in seiner Jugend oft anhören müssen. Seine Generation rebellierte gegen eine Gesellschaft, die an ihrem eigenen Mief zu ersticken drohte, und ärgerte sie mit dem, was ihr am meisten wehtat: Mit ihrer Nazi-Vergangenheit. Seine Generation träumte von der Weltrevolution und von einer gerechten sozialistischen Gesellschaft. Und eckte überall an, wo es Hierarchien gab.

Volker Mall hat an der Musikhochschule in Stuttgart studiert, die er als unglaublich autoritär und elitär empfand, weil nur Ernste Musik gelehrt wurde. Mit verschiedenen Arbeiten zur Musik im Nationalsozialismus machte er sich auch nicht gerade beliebt. Dennoch wurde er Lehrkraft der Pädagogischen Hochschule Esslingen und danach – so empfand er es – nach Herrenberg strafversetzt. Dass gegen ihn kein Berufsverbot ausgesprochen wurde, verdankte er wohl seiner SPD-Mitgliedschaft. Das Gymnasium, an dem er lehrte, stieß er vor den Kopf, als er mit seiner Gitarre ankam und Popmusik lehren wollte. Damals noch undenkbar.

Eine Liste mit 600 Namen

Als er 1982 zum ersten Mal vom KZ Hailfingen-Tailfingen hörte, sei das Erinnern an die Verbrechen der Nazis noch wenig erwünscht gewesen, sagt er. Er bohrte nach, gründete eine Sektion des Vereins „Gegen Vergessen – für Demokratie“. Ein großer Erfolg war es, als sein Rechepartner Harald Roth im Staatsarchiv Ludwigsburg 600 Namen von Juden fand, die in Hailfingen am Flugplatz untergebracht waren. Sie waren von Auschwitz dorthin verlegt worden, was vielen das Leben rettete. Doch viele starben auch hier in den letzten Kriegsmonaten an den Folgen der Zwangsarbeit. Manche fanden selbst nach ihrer Befreiung in den Lazaretten der Franzosen oder des Roten Kreuzes den Tod. Sie waren zu geschwächt vom Hunger.

Volker Mall hat lange gesucht, bis er den Stollen in Stetten entdeckte. Jetzt erforscht er ein Lager im Kreis Esslingen, in Lenningen-Schlattstall im Seltenbachtal, wo allerdings keine sichtbaren Spuren mehr vorhanden sind. Für seine Arbeit hat er zahlreiche Preise bekommen, darunter den Obermayer-Award, der höchste jüdische Preis für Nichtjuden, sowie das Bundesverdienstkreuz.

Auf dem Flugplatz steht seit zehn Jahren ein Mahnmal

Auf dem Flugplatz des KZ Hailfingen-Tailfingen steht seit zehn Jahren ein Mahnmal. Ein Pärchen hat es sich an diesem Nachmittag auf den Steinen mit Vesper und Thermosflasche gemütlich gemacht. Als Volker Mall kommt, steigen sie in ihr Auto und fahren weg. Auf einem dreieckigen Monolithen sind die Namen der 600 Juden eingemeißelt, die dort inhaftiert waren. Mall streckt die Hand aus und berührt den Stein.

Auch vielen namenlosen Zwangsarbeitern gaben er und Roth ihre Geschichte zurück. Sie konnten den Angehörigen sagen, wo ihre Großväter oder Väter begraben liegen. Sie konnten schmerzliche Lücken füllen und manchen Hinterbliebenen einen Ort der Trauer geben. Vielleicht haben sie auch für den Seelenfrieden der Überlebenden gesorgt.

Zu Nikos Skaltsas hat Volker Mall im Frühjahr 2018 Kontakt aufgenommen, um sich dessen Geschichte erzählen zu lassen. Im Juli 2018, ein Jahr vor seinem Tod, kam Nikos Skaltsas noch einmal nach Deutschland und besuchte eine Gedenkfeier auf den Ruinen des Flugplatzes. Dort hat er getanzt.